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Selbsterforschung

In der Peer-Ausbildung haben wir diese Woche das Thema Selbsterforschung. Dabei geht es darum, dass jeder seine eigene Geschichte erzählt. Oft sind die Geschichten traurig, manchmal tragisch und trotzdem werden sie mutig und oft auch mit Humor vorgetragen.

Für mich ist dieses Modul sehr anstrengend. Ich nehme viel zu viel wahr. Die Gedanken der Zuhörer. Die Emotionen der Vortragenden. Das Mitgefühl, das sich im Raum breitmacht, die Angst und die Gefühle, die in der Geschichte der Erzähler wiedergegeben werden.

Ich versuche, mich zu schützen. Ich baue eine Mauer um mich herum. Ich zähle alle Gegenstände im Raum, die blau sind. Ich halte meinen Atem an oder versuche, bewusst in den Bauch zu atmen. Ich versuche, nur mit einem halben Ohr zuzuhören. Aber die Stimmen hören ganz genau zu und reagieren sehr sensibel und differenziert auf die Vorträge.

Manchmal möchte ich einfach den Raum verlassen und nur noch schreien. Aber ich bin ein zivilisierter Mensch. Ich bin „professionell“. Ich mache nämlich eine Peer-Ausbildung! Da muss ich meine Impulse im Griff haben. Also sitze ich einfach nur da. Und versuche, mich von den Geschichten der anderen nicht überrollen zu lassen.

Jeder Mensch hat seine Geschichte, jeder seinen Rucksack. Das heisst aber nicht, dass ich den Rucksack der anderen tragen muss. Das muss ich noch lernen.

Hier geht’s übrigens zu meinem Vortrag: http://goo.gl/eMfqH3

 

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Schlimme Nacht

Letzte Nacht war Horror. Ich habe die Medis vergessen. Und plötzlich ist alles wieder da. Die Stimmen, die Albträume. Ich konnte nicht schlafen. Ich bin immer wieder aufgewacht. Voller Angst, Panik. Plötzlich bin ich wieder das kleine hilflose Mädchen.

Jetzt war ich einen Monat stabil, konnte das Praktikum machen, neue Lebenserfahrungen sammeln. Es ging mir gut. Und dann kommt eine schlechte Nacht und macht alles wieder kaputt.

Scheisse…

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Schnupperpraktikum

Am Donnerstag endet mein Schnupperpraktikum in M. Um mehr Präsenz auf der Station zu haben, habe ich dreimal pro Woche einen halben Tag gearbeitet. Am Anfang war ich total nervös und hatte Angst, dass ich etwas falsch machen könnte. Aber alle waren nett zu mir. Die Pfleger, die Psychologen, die Ärzte, die Patienten.

Ich durfte auch gleich überall mitmachen. Am ersten Tag war ich in der Sporttherapie und in der Oberarztvisite. Ich hatte Zugang zu allen Patientenakten, ich durfte die Patienten duzen, machte Spaziergänge und spielte Spiele. Ich durfte auch Gruppentherapien leiten, „Wege aus der Krise“ und die „Kreativtherapie“. Das hat mir total Spass gemacht.

Am Donnerstag habe ich das Auswertungsgespräch. Es wäre toll, wenn ich weiterhin auf der Station arbeiten könnte. Einfach, bis ich das Praktikum in L. im Oktober anfangen werde. Ich weiss halt nicht, ob der Stationsleiter mit meiner Arbeit zufrieden ist. Irgendwie habe ich ein bisschen Angst davor. Aber ich habe mein Bestes gegeben.

Seit ich das Praktikum mache, fühle ich mich auch viel stabiler. Es geht mir seit Langem wieder richtig gut. Ich habe das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu machen. Meine Psychiatrie-Erfahrung wird zu einer wertvollen Ressource. Ich kann etwas weitergeben, das finde ich schön.

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Praktikum hoch zwei

Ich habe das Praktikum im L. gekriegt! Ich werde also das zweite Praktikum im Oktober und November in L. machen. Ich freue mich riesig darauf! Irgendwie scheine ich Glück zu haben.

Das zweite Praktikum dauert 150 Stunden. Zu meinen Aufgaben gehören Patientenberatungsgespräche im Einzelkontakt, Patientenbegleitungen, Spiel und Sport, Teilnahme an pflegerischen Patientengruppen und Teamberatungsgespräche. Ich finde das hört sich total spannend an. Ich hoffe, ich werde damit zurecht kommen.

Am meisten Angst bereitet mir die Gesprächsführung. Wie gehe ich auf Menschen zu? Was sage ich? Ich soll authentisch sein, sagt Sab. Aber wie macht man das?

Das Schnupperpraktikum in M. (40 Stunden) werde ich schon nächste oder übernächste Woche beginnen. Ich freue mich darauf und bin auch total aufgeregt. Naja, ich werde es einfach auf mich zukommen lassen. Ich kann es kaum glauben, dass ich, die Patientin, plötzlich als Peer in der Psychiatrie arbeiten werde.

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Stress oder so

Am Freitag war ich beim Vorstellungsgespräch in L. Es war gut, also, ich glaube es wenigstens. Ich musste mich nicht mit Lebenslauf und so vorstellen, denn das wussten sie schon. Wir besprachen, was ich auf der Station gerne tun würde und was ihre Erwartungen an mich sind.

Ich werde auf der Station keinen Zugriff auf die Patientenakten haben und auch nichts rapportieren müssen. Das finde ich gut, auch wenn sich andere aus der Peer-Ausbildung darüber beschwert haben. Ich will die Patienten ja nicht „behandeln“, sondern ein offenes Ohr für sie haben. Sie können es mir erzählen, wenn sie wollen, dass ich etwas weiss.

Sonst war der Freitag eher ein trauriger Tag. M. und ich hätten sich um einen kleinen Vogel kümmern müssen, der aus dem Nest gefallen war. Wir haben ihn schon mehrere Tage mit Würmern und Fliegen gefüttert und am Freitag konnte er zum ersten Mal kürzere Strecken fliegen. Wir liessen ihn also frei in der Küche herumfliegen. Dabei setzte er sich auf die Kühlschranktüre und M. schloss den Kühlschrank. Der Vogel erlitt einen Genickbruch und war sofort tot.

Aber das war noch nicht alles. Lucky, der Hund von An. (nicht der schwarze Labrador, der bei mir in der Wohnung wohnt und auch Lucky heisst) musste am Freitag eingeschläfert werden. Er hatte so schlechte Nierenwerte, dass man ihn nicht mehr hätte heilen können.

Morgen geht es weiter mit der Peer-Ausbildung. Das Thema ist „Empowerment“. Diesmal geht es mir besser als beim letzten Mal. Ich hoffe, ich schaffe es, ruhig in der Gruppe sitzen zu bleiben. Ich gehe zum ersten Mal mit Vorfreude statt Angst an die Ausbildung. Das ist doch schon einmal etwas!

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Ich. Ganz klein.

Alles wächst mir über den Kopf. Praktikum. Ausbildung. Stabilität. Stimmen. Flashbacks. Kopfkino. Chaos. Wie soll ich mich um andere kümmern, wenn ich doch mit mir selbst nicht zurechtkomme? Jeder Schritt braucht ungeheure Energie. Ich kämpfe… jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.

Ich möchte so gern meine Ziele erreichen. Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt mit der Ausbildung, dem Praktikum, der Arbeit. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass meine Ziele sehr hoch gesteckt sind. Im November letztes Jahr war ich noch in der Klinik. Dieses Jahr war ich mehrmals kurz davor, in die Klinik zu gehen. Aber die Ausbildung hält mich davon ab. Ich darf nicht mehr in die Klinik. Ich gehöre da nicht mehr hin.

Das nächste Mal, wenn ich eine Klinik betrete, dann als Peer.

Ich versuche, mich langsam dieser Aufgabe anzunähern. Mich der Angst zu stellen. Die Überforderung zu minimieren. Schritt für Schritt.

Ich fühle mich gerade so unglaublich klein, ängstlich und hilflos.

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Praktikum!

Ich habe das Praktikum gekriegt! In der Klinik in M. auf der Akutstation. Ich freue mich… aber gleichzeitig habe ich Angst. Was Angst? Panik. Was, wenn es schiefgeht? Wenn mir die Stimmen einen Strich durch die Rechnung machen? Wenn mich die Arbeit triggert? Wenn ich dissoziiere und Flashbacks kriege?

Am Montag wird mich die Leitende Ärztin anrufen und mir die Daten nennen. Es sind ja vorerst „nur“ fünf Tage bis Ende Juli. Ich hoffe, dass ich das schaffe.

Ausserdem habe ich noch ein zweites Vorstellungsgespräch in der Klinik in L. Die haben ein spezielle Psychosestation. Eigentlich habe ich von Anfang an mit dieser Station geliebäugelt. Die haben aber erst eine Stelle ab September. Am nächsten Freitag habe ich das Bewerbungsgespräch. Ich werde hingehen und schauen, was sie sagen. Sie haben mich angerufen, obwohl ich die Aufnahmekriterien nicht erfüllt habe. Ich hätte ein Jahr klinikfrei sein sollen. Bin ich aber nicht. Trotzdem haben sie mich eingeladen. Sie haben gesagt, dass sie mein Lebenslauf beeindruckt hat. Deshalb bin ich gespannt, wie das wird.