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Ich. Ganz klein.

Alles wächst mir über den Kopf. Praktikum. Ausbildung. Stabilität. Stimmen. Flashbacks. Kopfkino. Chaos. Wie soll ich mich um andere kümmern, wenn ich doch mit mir selbst nicht zurechtkomme? Jeder Schritt braucht ungeheure Energie. Ich kämpfe… jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.

Ich möchte so gern meine Ziele erreichen. Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt mit der Ausbildung, dem Praktikum, der Arbeit. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass meine Ziele sehr hoch gesteckt sind. Im November letztes Jahr war ich noch in der Klinik. Dieses Jahr war ich mehrmals kurz davor, in die Klinik zu gehen. Aber die Ausbildung hält mich davon ab. Ich darf nicht mehr in die Klinik. Ich gehöre da nicht mehr hin.

Das nächste Mal, wenn ich eine Klinik betrete, dann als Peer.

Ich versuche, mich langsam dieser Aufgabe anzunähern. Mich der Angst zu stellen. Die Überforderung zu minimieren. Schritt für Schritt.

Ich fühle mich gerade so unglaublich klein, ängstlich und hilflos.

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Praktikum!

Ich habe das Praktikum gekriegt! In der Klinik in M. auf der Akutstation. Ich freue mich… aber gleichzeitig habe ich Angst. Was Angst? Panik. Was, wenn es schiefgeht? Wenn mir die Stimmen einen Strich durch die Rechnung machen? Wenn mich die Arbeit triggert? Wenn ich dissoziiere und Flashbacks kriege?

Am Montag wird mich die Leitende Ärztin anrufen und mir die Daten nennen. Es sind ja vorerst „nur“ fünf Tage bis Ende Juli. Ich hoffe, dass ich das schaffe.

Ausserdem habe ich noch ein zweites Vorstellungsgespräch in der Klinik in L. Die haben ein spezielle Psychosestation. Eigentlich habe ich von Anfang an mit dieser Station geliebäugelt. Die haben aber erst eine Stelle ab September. Am nächsten Freitag habe ich das Bewerbungsgespräch. Ich werde hingehen und schauen, was sie sagen. Sie haben mich angerufen, obwohl ich die Aufnahmekriterien nicht erfüllt habe. Ich hätte ein Jahr klinikfrei sein sollen. Bin ich aber nicht. Trotzdem haben sie mich eingeladen. Sie haben gesagt, dass sie mein Lebenslauf beeindruckt hat. Deshalb bin ich gespannt, wie das wird.

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Jumbo

Kennt ihr die Geschichte von Jumbo, dem kleinen Elefanten mit den Riesenohren? E. hat sie mir gestern in der Therapiestunde erzählt.

Der kleine Jumbo wird von den anderen Elefanten nur Dumbo genannt (vom Englischen dumb = dumm). Er ist der Sohn von Mrs Jumbo, einer Zirkuselefantin. Jumbo soll zu einer Zirkusattraktion werden und auf die Spitze eines Elefantenturms springen. Aber Jumbo stolpert über seine grossen Ohren und bringt den Turm zum Einsturz.

Nach diesem Desaster wird Jumbo nur noch in Clownnummern eingesetzt. Die anderen Elefanten schliessen Jumbo aus der Gemeinschaft aus und machen sich über Dumbo lustig. Eines Tages trinken Timothy, Jumbo’s Mausefreund, und Jumbo aus einem Wassereimer in den eine Flasche Champagner ausgeleert worden ist.

Am nächsten Morgen werde Jumbo und Timothy von Raben geweckt und finden sich auf einem Baum wieder. Timothy ist überzeugt: Jumbo muss geflogen sein. Obwohl sich die Raben darüber lustig machen, sind sie betroffen von Jumbos Geschichte und schenken Jumbo eine Zauberfeder. Mit dieser Feder, so sagen sie, kann Jumbo fliegen.

Und tatsächlich: Mit der Zauberfeder gelingt es Jumbo zu fliegen. Um die Elefanten im Zirkus zu überraschen, entschliessen Jumbo und Timothy, dass Jumbo im nächsten Zirkusauftritt fliegen soll. Und Jumbo fliegt, hoch hinauf. Nur leider verliert er dabei die Zauberfeder. Doch als er abzustürzen droht, erklärt im Timothy, der auf seiner Mütze sitzt, dass es auch ohne Feder fliegen kann. Und wirklich, der kleine Jumbo mit den Riesenohren kann fliegen!

Frei erzählt nach der Vorlage von Wikipedia.

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Verantwortung übernehmen

Als ich Ende 2016 in der Klinik in O. war, sass ich völlig verzweifelt im Büro der Stations-Psychologin D. Ich hörte Stimmen, dissoziierte und war total überfordert mit allem. Ich kann mich nicht mehr an das Gespräch erinnern, das einzige, das mir blieb, war, dass D. sagte, ich solle endlich mal anfangen, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen.

Ich denke, für D. war das ein Standardsatz. Ich war auf einer Station für junge Erwachsene und ich kann mir vorstellen, dass man die jungen Patienten immer wieder dazu anhalten muss, Verantwortung für sich selbst zu tragen.

Bei mir löste diese Aussage sehr viel aus. Erstmal die Erleuchtung: Ich muss mich um mich selbst kümmern. Nur ich kann etwas bewirken. Die Therapeuten, Pfleger und Ärzte können mich auf meinem Weg begleiten, aber etwas Verändern kann nur ich. Wow, was für eine Offenbarung! Ich mein das ernst, kein Witz.

Ich habe immer gemeint, dass, wenn ich brav in die Therapie gehe, meine Medikamente schlucke und so vor mich hinlebe, ohne mich umzubringen, würde es mir eines Tages besser gehen. Tut es aber nicht. Ich muss den Weg zum Recovery wählen, aktiv. Ich muss etwas dafür tun. Und nur ich kann das.

Ich kann mich bewusst für’s Leben entscheiden. Ich kann mein Leben so gestalten, dass es für mich lebbar, angenehm oder sogar schön ist. Ich kann Dinge verändern. Dinge tun, die mir Spass machen. Mir etwas Gutes tun. Ich darf glücklich sein. Trotz allem.

Auch wenn ich immer wieder das Gefühl habe, dass sehr viel in meinem Leben fremdbestimmt ist, habe ich die Wahl. Ich habe die Wahl, den Stimmen zu widersprechen, sie zu ignorieren oder sie sogar anzuschreien. Ich habe die Wahl, mich von den Gedanken der anderen beeinflussen zu lassen oder sie einfach denken zu lassen und trotzdem zu tun, was ich will. Ich muss nicht der Spielball meiner („psychotischen“) Wahrnehmungen zu sein.

Manchmal wird mir bewusst, wie sehr ich in meiner eigenen Welt lebe, geprägt von Ängsten, Stimmen und Telepathie-Erleben. Gleichzeitig lebe ich auch in der „äusseren“ Welt, der Realität, die ich mit den „Anderen“ Leuten teile. Ich brauche viel Zeit, um die „äussere“ und die „innere“ Welt zu trennen. An manchen Tagen, schaffe ich diese Trennung nicht und ich verbringe den ganzen Tag in meinem Zimmer, um mich zu sortieren und die innere Welt auszuhalten. An anderen Tagen fällt es mir leicht, mich in der äusseren Welt zu orientieren. Die meisten Tage sind irgendwo dazwischen.

Ich versuche, jeden Tag Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Auch wenn es mir manchmal schwerfällt. Auch wenn ich mich manchmal einfach nur heulend in einer Ecke verstecken möchte. Auch wenn ich manchmal nur aufgeben möchte. Ich bin ich. Und ich kümmere mich um mich selbst. Jeden Tag auf’s Neue.

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Therapietag

Heute war ich bei Sab. Sie hat sich riesig darüber gefreut, dass ich zum Vorstellungsgespräch in M. eingeladen wurde. Sie war begeistert von meinen Antworten auf die Fragen, die mir gestellt wurden, obwohl sie die Frage, ob ich „psychosefrei“ sei nicht so stehengelassen hätte.

„Psychosefrei“ in ihrer Definition heisst nicht, dass ich gar keine Stimmen oder andere Wahrnehmungen mehr habe, sondern es heisst, dass ich im Leben zurechtkomme. Dass ich selbstständig Entscheidungen treffen kann. Dass ich meinen Alltag so gestalte, dass ich mich wohl fühle ohne Einschränkungen.

Sab. ist überzeugt, dass ich in die professionelle Rolle als „Peer“ schlüpfen kann, wenn es soweit ist. Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe. Ich fühle mich unsicher. Ich weiss, dass ich Fähigkeiten habe, die ich wenn nötig abrufen kann. Ich konnte das, als ich das Praktikum als Journalistin gemacht habe, als ich Projektleiterin war, als Tauchlehrerin. Immer wieder passte ich mich der entsprechenden Rolle an.

Es ist fünf Jahre her seit ich meinen letzten „regulären“ Arbeitstag hatte. Kann ich überhaupt noch arbeiten? Schaffe ich es, acht Stunden am Stück zu „funktionieren“?

Mit Sab. werden wir in der nächsten Sitzung verschiedene Situationen vorbereiten, um einen Plan zu machen, was ich in welchem Fall machen kann. Zum Beispiel, wenn ich mich mit einer Patientin „identifiziere“ und zu viel Empathie entwickle. Oder wenn ein Mann mich blöd anmacht, versucht, mit mir zu flirten, mich triggert. Natürlich auch, wenn die Stimmen stärker werden oder das Telepathie-Erleben mich überwältigt.

Es gibt viele Dinge, die schiefgehen können, aber ich versuche jetzt mal, mich von der Zuversicht von Sab. anstecken zu lassen… und freue mich auf das Praktikum! Vielleicht klappt es ja :-).

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Vorstellungsgespräch in M.

Heute war also das ersehnte Vorstellungsgespräch in der Klinik in M. Mit der Leitenden Ärztin und dem Pflegedirektor. Das heisst, die Peer-Stellen werden von ganz oben unterstützt und organisiert. So wichtige Leute und… ich. Ganz klein. Ängstlich.

Ich hatte keine Probleme das Büro zu finden, in dem das Gespräch stattfinden sollte. Ich war fünf Minuten zu früh, aber die Tür stand schon offen, so dass es irgendwie seltsam gewesen wäre, wenn ich draussen gewartet hätte. Also ging ich rein und sagte hallo.

Im Gespräch stellte ich mich zuerst vor. Ausbildung, Studium, Psychose, Peer Ausbildung. Weshalb ich motiviert bin, als Peer zu arbeiten. Was ich mir vom Praktikum erhoffe.

Die erste Frage, die die Ärztin (ich nenne sie Z.) stellte, war, ob ich jetzt vollkommen psychosefrei sei. Ich musste ehrlich sein und sagte, dass die Stimmen immer noch da sind. Dass ich jedoch schon mehrere Jahre zusammen mit Sab. und P. therapeutisch an den Stimmen arbeite. Dass ich grosse Fortschritte gemacht habe. Dass ich Skills habe, um mit den Stimmen umzugehen.

Z. meinte, dass Stress vielleicht destabilisierend sein könnten. Die Stimmen verschlimmern. Ich antwortete, dass ich, trotz Stress mit meinem an Leukämie erkrankten Vater, einen Klinikaufenthalt bisher verhindern konnte. Dass ich nicht glaube, dass mich die Situation anderer Patienten überfordern würde. Dass ich keine Angst habe vor Akutpatienten, vor Psychosen, vor Suizidalität.

Es kamen dann auch Fragen, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten würde. Bei Gewalt, Suizidalität, Fremdgefährdung. Ob mich Fixierung und Isolierung von Patienten retraumatisieren würden. Ich antwortete, dass es für mich ein schwieriges Thema ist, dass ich aber vom Gefühl her denke, dass ich damit umgehen kann. Und sollte es ein Problem geben, werde ich es mit der für mich zuständigen Fachperson besprechen. Es geht ja jetzt erst einmal um ein Schnupperpraktikum von 40 Stunden. Wenn es zu viel ist, kann ich danach immer noch abbrechen. Sonst um 150 Stunden verlängern.

Die Klinik in M. hat bisher keine Erfahrung mit Peers auf der Akutstation. Bisher hatten sie nur Peers auf der Sucht- und Gerontostation. Sie müssen also quasi eine neue „Stelle“ für mich schaffen. Das Gespräch ist jedoch gut verlaufen und ich erhoffe mir schon, dass es mit dem Praktikum klappt.

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Ready?

Ich stecke immer noch mittendrin. Stimmen, Flashbacks, Dissoziationen, Albträume, Telepathie. Und ich soll ein Praktikum in einer Psychiatrie machen? Ich gehöre ja selbst dahin. Wie soll ich da die nötige Professionalität aufbringen?

Aber… ich wurde eingeladen zu einem Bewerbungsgespräch! Am Donnerstagnachmittag um 13.30 Uhr in der Klinik in M. Das ist dreissig Minuten von mir entfernt. P. hat gesagt, die Klinik sei gut. Ich war noch nie da, weder als Patientin noch als Besucherin. Aber ich weiss, dass die Klinik schön gelegen ist. Am See.

Ich freue mich riesig und ich habe gleichzeitig panische Angst. Ich muss mich vorbereiten. Überlegen, wie ich mich vorstellen will. Wissen, was für Fragen ich stellen möchte. Ich muss einen guten Eindruck machen. Vielleicht die Tattoos und die Narben überdecken? Die Piercings rausnehmen? Nein. Die Piercings bleiben drin. Aber die Narben muss ich verstecken.

Soll ich mich schminken? Ich schminke mich sonst nie. Den Ponys ist das egal. Wenigstens habe ich meine Augenbrauen frisch gezupft. Die Haare sind kurz. Ich bin soooooo aufgeregt!