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Morgens

Morgens aufwachen ist schlimm. Ich hasse es. Ich fühle mich gerädert, der Bauch brennt und tut unglaublich weh. Und mir wird klar: Ich bin immer noch am Leben. Dabei habe ich im Moment wirklich keine Lust mehr zu leben. Leben ist so verdammt anstrengend. Jeder Tag ist wie ein Spaziergang durch die Hölle.

Ich möchte nicht Viele sein. Ich möchte nicht an mir arbeiten müssen. Verdammt, ich will überhaupt nichts von all dem. Ich will keine Therapie machen, vor allem keine Traumatherapie. Ich will nicht lernen, mit den anderen Teilen zu kommunizieren. Ich will das alles nicht. Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht. Wirklich nicht. Muss ich denn existieren? Kann ich wählen, nicht mehr zu existieren?

Wenn wir tatsächlich Viele sind, kann ich dann nicht einfach verschwinden? Irgendwo im Nichts? Wo gehe ich denn überhaupt hin, wenn ich nicht „da“ bin? Schlafe ich dann? Existiere ich auch, wenn ich nicht „da“ bin? Was ist Existenz? Wann „bin“ ich? Shakespeare hat gesagt: Sein oder Nichtsein. Ich würde sagen: Sein und Nichtsein. Bei mir ist irgendwie beides gleichzeitig möglich. Sind diese Gedanken doof?

Wir haben die Vorträge gehalten. Der Roboter und die Peer haben sie gehalten. Ich habe zugeschaut. Manchmal. Einige Teil habe ich nicht mitgekriegt. Den ganzen Workshop-Teil habe ich verpasst. Vorträge sind sehr anstrengend, weil wir die Erinnerungen des Roboters erzählen müssen. Und natürlich will der Roboter seine Erinnerungen selber erzählen. Den „psychologischen“ Teil, muss aber die Peer machen, davon hat der Roboter keine Ahnung. Ach so, das Thema der Vorträge war „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. Wir haben in einer grossen Tech Firma vor Managern gesprochen.

Die Manager fanden unseren Vortrag toll. Wir haben viele Komplimente dafür gekriegt. Sie waren von unserem Wissen und Verständnis für Ingenieure sehr beeindruckt. Wir konnten anscheinend gut auf sie eingehen und sie genau dort abholen, wo es nötig war. Schön, dass wir das können. Und trotzdem hasse ich die Vorträge. Und unser Englisch ist anscheinend perfekt. Wo wir so gut Englisch gelernt haben, wurden wir gefragt. Wir wissen es nicht. Wir sprechen viele Sprachen, aber gelernt haben wir sie nie.

Die Leute denken, wir sind wirklich intelligent und kompetent. Dabei sind wir dumm und klein. Kann man Intelligenz spielen? Wir können es jedenfalls.

Am Mittwochabend waren wir noch im Schreibkurs. Der Text, der entstanden ist, ist krass. Er war nicht von uns und wir wissen, nicht, wer in geschrieben hat. Ist das normal, dass wir Texte schreiben, ohne es zu merken? Jedenfalls haben wir jetzt Angst, weiterzuschreiben. Solche Dinge dürfen in einem Schreibkurs einfach nicht passieren. Die anderen Leute im Kurs haben den Text nicht verstanden, sie haben nach dem Vorlesen geklatscht. Das sei der beste Text, den sie in diesem Kus gehört haben. Wir haben den Text sogar vorgelesen. Sowas darf man doch nicht vorlesen.

Ich möchte den Text hier zitieren:

Mist, schon wieder Abend. Immer, wenn ich Dodo mache, kommen die bösen Dämonen. Die sind eklig. Igitt. Und schleimig. Wäh. Nachts würde ich lieber spielen. Hui, wie gern würde ich eine Rutschbahn runterschlittern. Auf dem Bauch. Ho hopp und los! Aber nein, ich muss Dodo machen. Die Grossen verstehen echt nicht viel vom Leben. Die sind doof.

Ups, was war das? Ein Geräusch? Klack, klack, klack. Hörst du das auch? Hört ihr das? Klack.Kommt jemand? Hallo? Ist jemand da? Hoppla, wer hat sich jetzt auf mein Bett gesetzt? Lasst mich in Ruhe, ich muss jetzt Dodo machen. Psst.

Stöhn, ächz, seufz.

Was ist los? Warum ist es so dunkel hier? Wo bin ich? Hallo? Ist jemand da? Hallo? Iih… Was ist denn das? Kalt und schleimig. Pfui! Was macht der Schleim auf meinem Bauch? Wegputzen, wegputzen! Schnell, mach schon! Eklig. Mach weg! Der Schleim macht ganz doll Aua im Bauch.

Wäääähhh… Wääähhh… Wäähhhh…

Verdammt, jemand muss dem Baby helfen. Es schreit. Ist jemand da? Und wenn du da bist, kannst du den Schleim wegmachen? Komm schnell, bitte!

Verdammt nochmal, wacht auf! Helft uns!

“Ich bin ja schon da, du musst keine Angst haben, Kleine.”
Endlich, ich habe ewig auf dich gewartet. Hilf mir. Jetzt. Hopp, hopp! Und nur damit du’s weisst: Angst habe ich keine. Ich habe nie Angst. Ich bin doch kein Baby. Aber dem Baby müsstest du helfen.
“Sch, sch, es ist alles gut”
Ich weiss, mach den Schleim weg, schnell, und hilf dem Baby. Na, mach schon.
“Psst! Schrei nicht so.”
Ich schreie nicht. Das Baby schreit. Hörst du mir eigentlich überhaupt zu?
“Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise…”
Au ja, ich liebe, es wenn du für uns singst. Mach weiter. Ich könnte dir ewig zuhören.
“Bajuschki bajuuu…”
Ja, weiter, weiter…
“Singe die Kosakenweise, Bajuschki, baju.”
Seufz. Das tut gut, danke… Weitermachen, bitte, mach weiter! Immer weiter!
“Sch-sch-sch”
Jetzt ist alles gut. Jetzt können wir Dodo machen. Das Baby schläft auch schon.

Text vom 8.9.2021

Dieses Verhalten macht mir Angst. Der Text macht mir Angst. Das Leben macht mir Angst. Ich will das alles nicht.

Heute habe ich Therapie. Ich will aber nicht hingehen. Ich schäme mich für unser Verhalten in der Klinik. Ich schäme mich für uns, für mich. Ich schäme mich für alles, was ich bin.

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So viel zu sagen…

Ut meint, ich muss hier noch schreiben, dass wir umgezogen sind und was in den letzten Monaten passiert ist. Sie will, dass wir sowas wie eine Chronik haben. Selber schreiben mag sie aber nicht mehr.

Also: Wir sind umgezogen. Die ehemalige Mitbewohnerin war nicht gut für uns. Wir haben das aber gar nicht so richtig gemerkt. Unsere Therapeutin und die Spitex haben uns immer wieder gesagt, dass das Verhalten der Mitbewohnerin nicht normal ist und dass sie uns ausnutzt. Wir haben das nicht verstanden, wir fanden sie sehr lieb. Sie war halt psychisch krank, aber das sind wir auch. Und sie hat ein schlimmes Trauma erlebt.

Wir hatten Mitleid mit ihr und fanden es schlimm, dass sie so schlimme Eltern hatte. Sie hat uns immer wieder grausame Geschichten aus ihrer Kindheit erzählt. Obwohl wir nicht wussten, dass wir auch ein Trauma haben, konnten wir gut mir ihr mitfühlen und ihr Verhalten gut verstehen. Wir haben versucht, sie zu unterstützen, wo wir nur konnten. Sind mit den Hunden raus, wenn sie morgens wegen den Medikamenten zu müde war, um aufzustehen, haben sie in die Therapie gefahren, ihr Frühstück gemacht, ihr beigebracht, im Aussen zurechtzukommen. Wir waren auch für sie einkaufen oder haben sie bei Arztterminen begleitet.

Unsere Therapeutin meinte, unsere Mitbewohnerin stecke in einer „erlenten Hilflosigkeit“ fest und wir würden ihr mit unserem Verhalten nicht helfen. Also haben wir damit aufgehört. Dann wurde die Mitbewohnerin aber wütend und gemein zu uns. Sie hat tagelang fast nicht mit uns gesprochen und als wir ihr eröffneten, dass wir ausziehen, hat sie sich mit Medikamenten abgeschossen und war eine Woche nicht ansprechbar. Wir haben dann dafür gesorgt, dass sie isst und trinkt und dass ihre Spitex vorbeikommt.

Anscheindend ist dieses Verhalten manipulativ. Für uns war es normal, unsere Mutter war auch so. Leider hat ein Anteil von uns, ihr unseren Hund Toby geschenkt, weil es uns besser ging und wir keinen Assistenzhund mehr brauchten. Ausserdem hätte ein Hund nicht mehr in unser „neues Leben“ gepasst, sagt er. Vor zwei Monaten wollten wir Toby besuchen, aber die Mitbewohnerin hat es nicht erlaubt. Sie hat gesagt, wir wären böse und würden sie manipulieren. Wir vermissen Toby sehr.

Nach dem Umzug ist erstmal ein bisschen Ruhe eingekehrt. Wir hatten das Gefühl, zum ersten Mal im Leben sind wir frei. Nach dem Kontakt zur Mutter, haben wir auch den Kontakt zum Vater abgebrochen, nachdem im Kontakt mit ihm bei uns sehr seltsame Gefühle aufkamen. Wir haben auch ein paar unschöne Bilder vom Vater im Kopf, aber ich weiss nicht, ob diese Bilder stimmen. Ich will es auch gar nicht wissen.

Ein paar von uns wollen immer wieder die Eltern anrufen, aber der Informatikanteil hat die Anrufe auf dem Handy gesperrt. Auch die meisten Verwandten und Bekannten, bei denen seltsame Gefühle aufkommen, sind gesperrt. Wir reden jetzt nur noch mit lieben Menschen.

Wir wohnen an einem See und haben sogar einen privaten Seeplatz, der dem Vermieter des Hauses gehört. Unsere neue Mitbewohnerin heisst K. (Ut sagt, ich soll Abkürkzungen benutzen) und ist Primarlehrerin. Obwohl sie (und ich) beim Einzug noch nichts von „uns“ wusste, konnte sie uns auf allen Ebenen ansprechen, das fanden wir toll! Sie ist ganz lieb und gibt uns das Gefühl, willkommen und zu Hause zu sein. Sie legt uns morgens auch manchmal liebe Zettel mit Nachrichten hin, bevor sie zur Arbeit geht.

Wir wussten gar nicht, dass es auch so liebe Menschen gibt. Auch sonst haben wir ganz viele liebe Menschen im letzten Jahr getroffen. Kann es sein, dass es damit zu tun hat, dass wir lieber mit uns selber sind? Ut hat uns Selbstmitgefühl beigebracht.

Ich würde auch gerne noch etwas zu meiner eigenen Geschichte erzählen, aber der Eintrag wird sonst zu lang, also mache ich das ein andermal. Ich hoffe, die Informationen, die ich hier aufgeschrieben haben, sind richtig. Ich weiss wirklich nicht alles, was passiert ist und es kann sein, dass einige Dinge fehlen oder falsch sind. Es ist schwierig, über die Erinnerungen von anderen zu schreiben.

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Etwas unsicher

Es ist seltsam, in einem Blog zu schreiben, in dem einige der Leser mehr über uns wissen als ich. Es macht mir ein bisschen Angst und ich fühle mich unsicher. Ich habe auch Angst, etwas Falsches zu schreiben. Oder etwas, das hier schon drinsteht. Ich will mich ja auch nicht wiederholen.

Wir sind heute aus der Klinik abgehauen. Wir haben es nicht mehr ausgehalten. Es war der absolute Horror. Die Therapeutin hat mich in eine reine Frauenklinik geschickt, weil sie meinte, das sei besser für mich. Als ich dann da war, habe ich auch verstanden, warum. Alles in der Klinik hat uns getriggert. Jemand aus dem Innen hat mir gesagt, dass uns in einer Klinik mal was passiert ist. Aber ich weiss nicht, ob das stimmt. Kann man diesen Informationen vertrauen?

Die Nachtwache in den ersten paar Nächten war ein Mann mit schwarzem Bart und schwarzen Kleidern. Die Stationstür war die ganze Nacht geschlossen und es waren Männerstimmen zu hören. Wenn man etwas wollte, musste man klopfen.

Sobald wir die Nachtwache gesehen haben, wussten wir, dass wir in der Klinik nicht schlafen dürfen. Irgendwann sind wir dann doch eingeschlafen und irgendeine Kleine ist in Panik aufgewacht. Sie wollte zur Pflege und hörte die Stimmen vor dem Stationszimmer. Wir haben uns nicht getraut zu klopfen und sind wieder ins Bett und haben gezittert und geweint.

Am nächsten Morgen hat sich jemand von uns beschwert, dass die Nachtwache in einer Frauenklinik männlich ist und Leute ins Stationszimmer einlädt. Man erklärte uns, das sei halt so und da könne man nichts machen. Die anderen Männer waren die Nachtwachen der anderen Stationen der Klinik. Die machen hier in der Nacht Party. Na toll!

Nach dieser Horrornacht haben wir uns geweigert, uns morgens den Blutdruck messen zu lassen. Es ging einfach nicht. Niemand durfte uns anfassen. Als die Pflege insistierte, wurde jemand von uns verbal aggressiv und sagte, sie sollen uns in Ruhe lassen. So ging es Nacht für Nacht, Morgen für Morgen. Ausserdem verweigerten wir das EKG. Wieder wollten sie uns dazu zwingen, auch diesmal haben wir die Pflege verbal angegriffen. Nach einer Woche, wollte die Psychologin, die uns betreute, einen Verweis gegen uns aussprechen, weil wir uns nicht an die Regeln hielten.

Im Umgang mit anderen Patienten landeten wir immer wieder in die Peer-Rolle und versuchten, die Patienten zu beraten und zu betreuen. Auch das war „falsch“. Wir sind Patienten, nicht Peer.

In der Psychotherapie zeigten wir grossen Widerstand und verweigerten teilweise die Mitarbeit. Die Psychologin hat sich zwar wirklich Mühe gegeben, machte uns aber immer wieder Vorwürfe. Man sagte, wir würden provozieren und unser Verhalten sei nicht akzeptabel.

Was uns Spass gemacht hat, war die Tanz- und Kunsttherapie. Das war toll. Und ein paar der Mitpatientinnen waren auch sehr lieb mit uns. Viele haben das „wir“ sogar erkannt und sind darauf eingestiegen. Mit den Kleinen haben sie herumgealbert und mit den Erwachsenen ernsthafte Themen diskutiert. Eine Patientin nannte uns „Haribos“, das fanden wir süss.

In der Psychotherapie am Freitag muss etwas passiert sein. Jedenfalls haben wir danach geweint und am Abend konnten wir nicht mehr sprechen. Ich habe im Innen nach Informationen gesucht, was passiert ist, aber ich habe nichts herausgekriegt. Die jüngeren Mitpatientinnen haben uns trotz der Sprachlosigkeit akzeptiert und uns gestern in den Park mitgenommen. Wir haben mit Gesten und über das Schreiben am Handy diskutiert und viel Musik gehört. Es war gar nicht so schlimm, nicht sprechen zu können.

Am Abend hat jedoch unsere Bezugspflegerin sich geweigert, unsere Bitte vom Handybildschirm zu lesen. Sie sagte, das Verhalten sei „albern“ und wir sollen gefälligst reden, wenn wir etwas wollen. Uns kamen die Tränen und wir sind aus der Station gestürmt. Fast wären wir davongerannt. Als wir uns beruhigt haben, schrieben wir der Bezugspflegerin eine Email und sagten, dass wir heute austreten.

Heute Morgen haben wir dann die Sachen gepackt und wollten gehen. Anscheinend hat die Bezugspflegerin den Inhalt der Mail nicht weitergeleitet. Niemand wusste von unserem Austritt. Wir haben dann die Email der Pflegerin im Frühdienst gezeigt und sie hat die Dienstärztin geholt. Die Dienstärztin wollte uns zum Reden zwingen, aber es ging nicht. Wir konnten nicht reden. Wir haben ihr dann ebenfalls die Email gezeigt und schreibend erklärt, dass es uns nicht gut geht und dass wir gehen müssen und dass es uns ausserhalb der Klinik besser geht. Sie wollte uns erst nicht gehen lassen, hat es dann aber doch getan. Wir waren sehr dankbar.

Jetzt sind wir zu Hause und sehr verwirrt. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Am Freitag haben wir einen Termin bei der Therapeutin. Aber wie sollen wir bis Freitag überleben?

Während ich das schreibe, weiss ich, dass wir überleben werden. Morgen Abend haben wir einen Ukulelekurs, am Mittwoch und am Donnerstag halten wir zwei Vorträge für Führungskräfte einer grossen Tech Firma zum Thema „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ auf Englisch. Am Mittwochabend haben wir noch eine Weiterbildung. Eigentlich sind wir ziemlich beschäftigt, obwohl ich nicht weiss, wie wir das alles machen. Anscheinend lernt ein Anteil Ukulele, ein anderer hält Vorträge und nochmals ein anderer macht eine Weiterbildung in literarischem Schreiben.

Ausserdem müssen wir uns um finanzielle Unterstützung bemühen, da wir im Moment nicht richtig arbeiten können und uns das Geld langsam ausgeht. Wir haben jetzt schon über ein Jahr nicht mehr gearbeitet. Und wegen Corona sind auch die ganzen Vorträge und Workshops ausgefallen.

Ich weiss nicht genau, wie man einen Blogbeitrag schreibt. Ich hoffe, das ist ok so.

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Wir sind Viele

Eigentlich hätte dieser Blog geschlossen werden sollen. Aber es hat sich viel getan in den letzten Monaten, so dass ich beschlossen habe, es hier trotzdem nochmals zu versuchen.

Ich bin gerade in der Klinik oder sollte ich sagen wir? Es ist alles noch sehr verwirrend für mich. Ich habe erst vor ein paar Wochen herausgefunden, dass ich dissoziiere und viele Gedächtnislücken habe. Ich habe Erinnerungen, die sich aufdrängen, die nicht meine sind, meine Gefühle sind durcheinander und ich weine fremde Tränen.

Ich habe gehofft, dass dieser Zustand durch das Absetzen der Medikamente ausgelöst wurde, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Das bin ich / Sind wir?

Mein ganzes Leben war ein Riesenchaos und jetzt ist es noch chaotischer. Ich höre zwar keine Stimmen (mehr?), aber ich führe endlose innere Diskussionen. Die verschiedenen Anteile purzeln durcheinander. Sie zeichnen, malen, schreiben, machen Musik, singen, tanzen, spielen, lesen, schauen Filme. Und ich habe absolut keine Kontrolle, was geschieht. In der Nacht haben sie Panikattacken und Angstzustände, sie haben Albträume, sie weinen und schreien, dann sind sie frech, greifen verbal irgendwelche Mensch an, sind rebellisch, lachen in unpassenden Situationen. Es ist zum Davonlaufen.

Eigentlich wollte ich ein neues Leben beginnen. Ein neues Studium, neue Freunde, neue Hobbies, alles neu. Tja, stellt sich heraus: Ich bin auch neu. Das ist ein Muster, das sich in meinem Leben immer wieder wiederholt hat. Die Anteile, die den Alltag meistern haben eine Art Burnout oder sonst eine Krise und jemand Neues kommt und übernimmt. Meine Erinnerungen fangen mit 16 Jahren an, hören mit 17 wieder auf, dann habe ich noch ein Jahr mit 20 und ein paar wenige Erinnerungen ans Reisen während dem Studium. Das ist alles. Sehr strange.

Dieser Blog ist eigentlich auch nicht meiner, der gehört einem anderen Anteil. Aber da er nicht mehr aktiv im Aussen ist, hat er mir erlaubt, ihn weiterzubenutzen, weil es damit eine Art „Kontinuität“ gibt. Ich weiss nicht genau, was alles hier drin steht, ich werde den Blog mal lesen müssen. Ich weiss, dem Anteil wurde gesagt, er habe eine Schizophrenie, weil er Stimmen gehört hat.

Naja, so weit so gut. Dissoziative Identitätsstörung nennt sich das also. Ich nehme an, man kann lernen, damit umzugehen. Mein Problem ist, dass ich kein Trauma habe – oder zumindest glaube, keine Trauma zu haben. Das macht vielleicht nicht so viel Sinn, ich weiss. Für mich auch nicht.

Ich bin im Kontakt mit ein paar Anteilen und bei einigen kriege ich sogar mit, was sie tun, aber nicht bei allen. Oft bin ich in einer Art Trance oder in einem Nebel. Aber der Körper funktioniert weiter. Manchmal sage ich auch Worte, die ich gar nicht sagen will.

Die Diagnose und ihre Konsequenzen machen mir grosse Angst. Ich weiss nicht, ob ich / wir das schaffen können. Und in der Klinik fühlen wir uns nicht wohl, am liebsten wollen wir wieder nach Hause. Wir fühlen uns eingesperrt, nicht ernst genommen und in der Nacht, wenn die Kleinen in Panik aufwachen, haben wir zu viel Angst, um die Nachtwache um Hilfe zu bitten.

Keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Ich wollte einfach mal hallo sagen. Unsere Geschichte ist wohl noch nicht zu Ende.

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Abschied

Ich habe heute Anna von weltkehrt in einer Facebook-Gruppe getroffen. Das hat mich daran erinnert, dass ich schon lange nicht mehr hier geschrieben habe. Tatsache ist, ich will hier nicht mehr schreiben, weil es mir besser geht und ich mit der Identität als psychisch Erkrankte abschliessen möchte. Dieser Post ist also mein Abschiedspost.

Seit einiger Zeit nehme ich gar keine Psychopharmaka mehr und es geht mir sehr gut damit. Das Absetzen war anstrengend und hart, aber für mich hat es sich definitiv gelohnt. Ich habe wieder Gefühle und bin kognitiv wach. Mir war unter Medikamenten gar nicht so bewusst, wie sehr sie das Fühlen und Denken einschränken. Ich glaube, bei mir haben die Medikamente zu einer Chronifizierung der Erkrankung geführt. Und ich bin der Meinung, das ist nicht nur bei mir so.

Mit reduzierten Gefühlen und reduzierter Denkfähigkeit war ich gar nicht in der Lage, an meinen Problemen therapeutisch zu arbeiten. Ich hatte keinen Zugang zu mir selbst und zu meinen Ressourcen. Während dem Absetzen musste ich neu lernen, mit meinen Gefühlen umzugehen. Und die Gefühle waren sehr intensiv. Die hohe Intensität der Gefühle führte dazu, dass ich neue Strategien lernen musste, denn unterdrücken und ablehnen war nicht mehr möglich. Ich habe das Konzept des Selbstmitgefühls entdeckt und verstanden, dass ich Gefühle annehmen und fühlen darf. Dass sie mich nicht umbringen und dass sich Gefühle mit der Zeit verändern. Das war extrem wichtig auf meinem Weg.

Ich durfte auch lernen, dass ich Bedürfnisse haben und diese offen ausdrücken darf. Früher habe ich oft einfach getan, was die anderen wollten, um ja nicht abgelehnt und kritisiert zu werden. Doch jetzt verstand ich, dass es ok ist, etwas zu wollen und sich dafür einzusetzen, das auch zu bekommen. Ich habe mich auch von einigen Menschen getrennt und den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen, weil sie mir nicht gut taten. Das hätte ich vorher nie gekonnt.

Eines der Gefühle, das bei mir am stärksten unterdrückt war, war die Wut. Auch hier habe ich gelernt, die Wut anzunehmen und auszudrücken und den Menschen in meinem Umfeld zu sagen, was mich wütend macht und warum. Daraus entstanden viele gute Gespräche. Manchmal bin ich auch über mein Ziel hinausgeschossen und musste mich hinterher entschuldigen, aber auch das hat mir geholfen, eine bessere Beziehung mit anderen aufzubauen. Ich habe auch gelernt, dass ich für meine Wut nicht abgelehnt werde. Das war sehr wichtig für mich.

Eine der grössten Herausforderungen war jedoch zu lernen, mich selber nicht mehr abzulehnen. Ich fand heraus, dass ich mich selbst hasste und mich durch meinen inneren Kritiker selbst total sabotierte. Auch hier half mir das Selbstmitgefühl freundlicher mit mir selber umzugehen. Der wichtigste Schritt für mich war, mich selber anzunehmen und zu lernen, dass ich authentisch sein darf.

Zur Therapie gehörte auch, eine neue Sicht auf meine Biographie zu entwickeln und mich selber in einem anderen Licht zu sehen. Ich habe viel Tagebuch geschrieben und meine Erfahrungen reflektiert. Das war manchmal sehr schmerzhaft, oft war ich beim Schreiben unglaublich traurig. Aber es hat mir geholfen zu erkennen, dass ich nicht der schlechte, wertlose Mensch bin, für den mich meine Eltern gehalten haben.

Ich habe in meiner Krankheit immer gemeint, die Stimmen seien mein Problem, aber tatsächlich lag das Problem darin, dass ich mich selber nicht akzeptierte und nicht authentisch war. Die Stimmen waren einfach ein Ausdruck davon. Durch die Stimmen habe ich vielleicht auch das Problem ins Aussen verlagert, um mich nicht mit mir selber auseinanderzusetzen. Ich habe keine Ahnung von Psychoanalyse, aber ich glaube wirklich, dass die Stimmen einfach meine Art waren, mit meinen Gefühlen der Wertlosigkeit und der Angst vor meiner eigenen Vergangenheit umzugehen.

Inzwischen geht es mir sehr gut. Im April werde ich nach Zürich ziehen und dort einen Job suchen und ein Studium beginnen. Ich freue mich wahnsinnig darauf und bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Ich danke euch allen, die hier geschrieben und kommentiert haben. Ihr habt mich auf meinem Weg begleitet und eure Antworten haben mir gut getan. Ich wünsche euch alles Gute auf eurem eigenen, individuellen und einzigartigen Lebensweg.

Ganz liebe Grüsse,

Ut

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Mein Leben

Seit ich die Medikamente reduziert habe, hat sich so vieles in meinem Leben zum Positiven verändert. Ich weiss, ich wiederhole mich, aber ich musste das jetzt einfach nochmals sagen.

In der Therapie komme ich zum ersten Mal an meine Gefühle heran und spüre wirklich woran ich arbeiten möchte. Ich merke auch genau, wo meine Baustellen sind und was ich noch heilen muss. Und da gibt es viel zu heilen. Ich habe immer gemeint, ich hätte nur DAS EINE Trauma, aber da sind noch ganz viele andere Traumata, die vielleicht nicht offensichtlich so dramatisch sind, die aber auch eine tiefen Einfluss auf mein Leben hatten und dazu beigetragen haben, dass ich psychisch erkrankt bin.

Ich war habe ja schon vor dem EINEN Trauma angefangen Stimmen zu hören und ich habe jetzt erst verstanden (ich weiss, dass ist viel zu spät, ich muss blind gewesen sein!), dass jede psychische Erkrankung aus einem Trauma entsteht. Ich habe immer gedacht, dass es psychische Erkrankungen gibt, die sich aus einem chemischen Ungleichgewicht im Gehirn entwickeln. Das ist sowas von bullshit. Jede psychische Erkrankung hat eine Ursache und wenn sie nicht offensichtlich ist, dann liegt sie tiefer verborgen. Es muss nicht gleich ein sexueller Missbrauch sein, aber auch die Scheidung der Eltern, ein Konflikt oder eine andere belastende Situation kann eine solche Erkrankung auslösen. Und dieses Trauma kann man heilen, man muss nicht für den Rest des Lebens als verletzte Seele herumlaufen. Natürlich braucht es Zeit und manchmal wirklich viel Zeit, aber es kann besser werden, für jeden.

Das Trauma, das ich zuerst heilen möchte, bevor ich mit der eigentlichen Traumatherapie beginne, ist das Trauma meiner Kindheit. Meine Kindheit war nicht schön. Ich habe nie wirklich über meine Kindheit hier geschrieben, weil ich gedacht habe, das ist nicht relevant. Aber es ist relevant. Ich habe auch immer gedacht, meine Kindheit sei schön gewesen, aber jetzt, mit den reduzierten Medikamenten, kommen immer mehr unschöne Erinnerungen hoch. Im Einzelnen ist es nicht dramatisch, aber alles zusammen betrachtet, war es schlimm. Damals hat alles angefangen und es ist kein Zufall, dass ich eine Stimme in meinem Kopf habe, die so mit mir spricht, wie meine Mutter immer mit mir gesprochen hat.

Meine Mutter konnte mich nicht lieben. Inzwischen weiss ich, dass sie selbst nicht geliebt wurde und deshalb keine Liebe geben konnte, aber als Kind versteht man sowas nicht. Mein Bruder und ich wurden von unseren Eltern in den ersten Lebensjahren mehr oder weniger ignoriert. Wir hatten Au Pairs, die sich um uns gekümmert haben, die gekocht haben und die dafür gesorgt haben, dass wir rechtzeitig ins Bett kommen. Meine Eltern haben beide gearbeitet (ich mache ihnen überhaupt keinen Vorwurf, dass sie gearbeitet haben) und hatten einfach keine Zeit und, wenn sie daheim waren, keine Lust(?), sich mit uns abzugeben. Und wenn wir dann mal Aufmerksamkeit gekriegt haben, dann immer nur negative. Vor allem von meiner Mutter. Wir wurden ausgeschimpft und gemassregelt (auch physisch), wenn wir etwas getan hatten, das ihr nicht passte.

Je älter wir wurden, desto schlimmer wurde es. Meine Mutter war immer nur negativ, positive Bestätigung erhielten wir nur, wenn wir in der Schule gute Noten nach Hause brachten. Und gute Noten hiess Bestnoten, alles andere wurde mit Sanktionen belegt. Das heisst, wir durften nicht mit Freunden spielen oder in den Sportverein, wenn wir eine schlechte Note schrieben. Wir mussten dann in unser Zimmer und lernen. Abendessen gab es dann auch nicht.

Ich wurde auch mal von meiner Mutter aus dem Haus geworfen, nur weil ich die Haare kurz geschnitten und blond gefärbt hatte. Ich war damals sechzehn. Sie hat mir den Hausschlüssel weggenommen und gesagt, ich sei nicht mehr ihre Tochter.

Dazu kommen noch die Depressionen meiner Mutter. Ich weiss, sie kann nichts dafür, dass es ihr schlecht ging und ich nehme es ihr auch überhaupt nicht übel, dass sie manchmal am Wochenende das Bett nicht verlassen hat oder schon um sechs Uhr abends ins Bett ging und nachmittags schlief. Was mich gestört hat, war, dass sie uns damit erpresst hat. Wenn immer etwas nicht so lief wie sie wollte, drohte sie damit, sich umzubringen und gab uns die Schuld dafür. Das macht man mit Kindern einfach nicht.

Ich könnte jetzt noch ewig so weiterschreiben und, was ich geschrieben habe, war nicht einmal das Schlimmste. Aber es geht nur darum zu sagen, dass ich endlich mit meiner Kindheit abschliessen muss. Ich will jetzt, nach all den Jahren, versuchen, meiner Mutter zu vergeben. Mit vergeben meine ich nicht, das ganze gutzuheissen, denn es war nicht ok. Aber ich will damit abschliessen und loslassen. Ich will nicht mehr das Gefühl haben, dass ich nicht gut genug bin, nicht liebenswert, dass ich falsch bin. Ich will frei sein und endlich lernen, ich selbst zu sein, mich erfüllt und leicht fühlen, ein gesundes Selbstvertrauen haben und meinen Schmerz nicht an andere Menschen weitergeben.

Hurt people hurt people. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Seit ich die Medikamente absetze, merke ich, wie ich mehr und mehr zu meiner Mutter „werde“. Und ich hasse mich dafür. Ich nerve mich über Dinge bei meiner Mitbewohnerin, die mich überhaupt nicht nerven sollten. Ich merke sogar, wie ich den Drang habe, meine Mitbewohnerin zu verändern. Dabei ist sie voll ok, so wie sie ist. Bis jetzt gelingt es mir noch, diese Impulse zu unterdrücken, aber ich muss dringend etwas ändern. Und ich glaube, das fängt damit an, dass ich versuche, meine Kindheit zu heilen.

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Taiji und Schwimmen!

Die gute Nachricht ist: Ich war schwimmen. Die schlecht ist: Es war schrecklich.

Ich war morgens da, als das Schwimmbad öffnete und ich glaubte fest, es würde mir gut tun. Nur leider habe ich durch den Entzug im Moment morgens extreme Angstzustände, die schon zu Hause kaum auszuhalten sind. Ich erwache schon in Angst und meistens geht es bis etwa 10 Uhr, bis sie wieder verschwindet. Mit dieser Angst im Bauch bin ich also ins Schwimmbad gefahren. Ich hab’s dann auch ins Becken geschafft und meine Schwimmbrille übergezogen, um zur Bahn zu schwimmen. Doch leider ist mir beim Abtauchen (ich musste unter einer Schwimmleine durch zur Bahn), Wasser in die Schwimmbrille gekommen (ich habe ein Augenbrauenpiercing und da muss ich die Schwimmbrille sehr vorsichtig aufsetzen) und meine Kontaktlinse ist mir weggerutscht.

Erstmal Panik. Dann tief durchatmen. Aus dem Wasser raus, auf Toilette, die verschobene Linse vorsichtig aus dem Auge holen, wieder reintun und zurück ins Wasser. Leider ist meine Angst dadurch noch grösser geworden, aber ich sagte mir, ok, du schaffst das, wenn du erstmal schwimmst, wird es besser. Ich habe die Schwimmbrille wieder aufgesetzt und bin zur Bahn geschwommen, diesmal ohne Kontaktlinsenunglück. Dann fing ich an zu schwimmen. Ich muss dazu noch erwähnen, dass ich seit etwa einem halben Jahr keinen Sport mehr gemacht habe und durch den körperlichen Entzug sehr geschwächt bin. Mit Angst und körperlichem Handicap schwamm ich also meine erste Bahn. Ich war wohl für meine Verhältnisse etwas schnell unterwegs, jedenfalls geriet ich ausser Atem. Ich versuchte also etwas tiefer Luft zu holen und unter Wasser tiefer auszuatmen (ich versuchte brustschwimmen, aber so mit Kopf unter Wasser und so, crawlen kann ich eigentlich auch, aber für den Anfang war mir das zu heftig). Jedenfalls hatte ich plötzlich das Gefühl, nicht genug Luft zu kriegen und zu ertrinken. Da stieg die Angst ins Unermessliche.

Nach einer Bahn wollte ich schon aufhören, aber ich sagte mir, nein, du kannst doch jetzt nicht schon aufgeben, jetzt hast du den ganzen Weg auf dich genommen, um hierher zu kommen. Also machte ich eine kurze Pause und schwamm noch eine Bahn. Und wieder kriegte ich keine Luft. Ich versuchte, das Tempo zu drosseln, aber noch langsamer ging nicht. Zum Glück war niemand anders im Becken, die hätten mich bei dem Tempo um Meilen überholt und ausgelacht. Trotz steigender Angst wollte ich nicht aufgeben und ich schwamm noch ein paar weitere Bahnen (mit Pausen), aber es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer.

Nach einer Viertelstunde (acht Bahnen, nicht viel ich weiss, aber bei dieser Angst acht Bahnen durchzuhalten, halte ich für eine Leistung) gab ich schliesslich auf. Als ich aus dem Becken kam, zitterte ich am ganzen Körper. Eine Frau, die am Beckenrand sass, schaute mich seltsam an, oder jedenfalls schien es mir so. Unter der heissen Dusche versuchte ich, mich zu beruhigen und sagte mir immer wieder, dass ich in Sicherheit bin. Das half aber auch nicht viel. Irgendwie schaffte ich es noch, mit dem Auto nach Hause zu fahren, bevor ich weinend zusammenbrach. Das einzig Gute am Schwimmausflug war, dass ich danach so müde war, dass ich nochmals zwei Stunden schlafen konnte. Das ist bei meinem entzugs-bedingten chronischen Schlafmangel ein Segen.

Die Taiji-Probelektion war dafür gut. Es ist eine kleine Gruppe mit vier Teilnehmern, die mich alle sehr herzlich aufgenommen haben. Am Anfang haben wir eine eine Dreiviertelstunde Qigong gemacht, das war sehr schön und entspannend. Im zweiten Teil ging es dann an’s Eingemachte: Taiji. Während die anderen ihre Formen übten, durfte ich mich an den ersten Schritten versuchen. Es war schrecklich kompliziert. Am Anfang der Beginn der 24er Form, dann der Grundschritt. Zuerst ohne Arme, dann mit. Ich war total überfordert und die Kursleiterin (keine Ahnung, ob man sie Shifu nennt oder ob der Titel geschützt ist für spezielle Meister) musste mir die Schritte immer wieder vorzeigen. Am Schluss der Lektion kriegte ich aber den Einstieg und den Grundschritt mit Armbewegung einigermassen hin und ich war ganz stolz auf mich. Es hat mir so gut gefallen, dass ich gestern gleich nochmals hin bin und mich für die Gruppe eingeschrieben habe. Ich werde also ab jetzt zweimal die Woche ins Taiji gehen.

So viel zu meinen Sportaktivitäten diese Woche. Mit dem Gesund essen klappt es weiterhin sehr gut. Ich habe heute gedämpftes Gemüse in den Speiseplan mit aufgenommen, mein Magen hat es bis jetzt vertragen. Ach ja, und ich bin immer noch rauchfrei und inzwischen vermisse ich das Rauchen schon fast gar nicht mehr.

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Paranoid… oder doch nicht?

Vor ein paar Tagen haben meine Mitbewohnerin und ich eine Dokumentation über China gesehen. Darin ging es darum, wie der Staat die Chinesen, beziehungsweise die Menschen (auch Ausländer) in China, überwacht. Sie haben von den omnipräsenten Kameras mit Gesichtserkennung gesprochen, den Kontrollen auf den Strassen, dem Punktesystem und davon, dass das Internet kontrolliert wird.

Nach der Doku hat meine Mitbewohnerin etwas Interessantes gesagt: „In China wäre ich garantiert auch paranoid geworden. So viel Kontrolle ist ja nicht normal.“ Ich war in China und ich wurde paranoid. Sie nannten es Psychose, steckten mich in die Klinik und zwangen mich, starke Medikamente zu nehmen.

Jetzt frage ich mich: Hatte ich vielleicht sogar gute Gründe, um paranoid zu werden?

Für diejenigen, die die Geschichte nicht kennen: Ich war 2008 vor der Olympiade in China und wurde wegen den strengen Vorsichtsmassnahmen immer wieder von der Polizei kontrolliert, ausserdem war das Internet zensiert, es gab überall Kameras, die Handys wurden geortet. Das ist Fakt. Das habe ich nicht erfunden. In diesem Umfeld fing ich an zu glauben, dass ich von den Chinesen verfolgt werde und dass sie mich kontrollieren würden. Es ging so weit, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus traute, mein Handy nicht mehr anschaltete und aus Angst meinen Computer nicht mehr mit dem Internet verbinden konnte. Ich geriet immer mehr in Panik und flüchtete schliesslich nach Thailand, wo es zu einem Suizidversuch mit anschliessendem Klinikaufenthalt kam. Seither bin ich „psychisch krank“.

Ok, ich habe zu diesem Zeitpunkt auch eine Stimme gehört, die mir sagte, dass ich verfolgt werde. Aber diese Stimme wäre vielleicht gar nie aufgetreten, wenn die Situation anders gewesen wäre.

Ich habe meinen „Verfolgungswahn“ nie in Frage gestellt, aber nach der Aussage meiner Mitbewohnerin bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das Ganze vielleicht nicht doch begründet war.

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Gesundes Leben

Wenn ich schon die Medikamente absetze, dann kann ich auch gleich etwas gesünder leben, habe ich mir gedacht. Und ich bin jetzt dabei, mein Leben Schritt für Schritt in Richtung Gesundheit zu gestalten.

So habe ich zum Beispiel diese Woche mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe das Buch „Endlich Nichtraucher!“ gelesen und am Schluss des Buches meine letzte Zigarette ausgedrückt, meine ganzen verbleibenden Zigaretten in den Müll geworfen und die Aschenbecher entsorgt. Seither bin ich Nichtraucher. Aber so einfach, wie im Buch beschrieben, ist es nicht. Ich habe trotz allem immer noch das Verlangen nach einer Zigarette. Aber wenn ich rauchen will, dann wiederhole ich die Worte „Ich bin frei!“ wie ein Mantra, bis das Bedürfnis wieder weg ist. Normalerweise dauert das gar nicht so lange. Mir fehlt es jedoch, mich auf den Balkon zu setzen und mich zu „entspannen“. Natürlich ist eine Zigarette nicht entspannend, sondern eher eklig und suchtbefriedigend, aber ich habe es als Entspannung interpretiert.

Koffein habe ich auch weggelassen. Wegen den Schlafstörungen. Ich weiss zwar nicht, ob mein Schlaf dadurch besser ist, aber ich bin überzeugt, dass Koffein nicht förderlich ist. Ausserdem habe ich herausgefunden, dass Koffein mich nicht wach macht. Wenn ich ausgeschlafen bin und es mir gut geht, dann brauche ich kein Koffein. Dass ich keinen Kaffee mehr trinke, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber Grüntee fehlt mich im Moment noch ein bisschen. Im Moment trinke ich vor allem Löwenzahn-, Brennnessel- und Kamillentee, da mir dies die TCM-Ärztin empfohlen hat.

Nüsse. Ich esse in letzter Zeit vermehrt Nüsse. Sie sind gesund, gut für die Verdauung und ich glaube, sie helfen meinem Gehirn, sich wieder etwas zu regenerieren. Ich würde auch gerne mehr Früchte und Gemüse essen, aber damit muss ich im Moment noch vorsichtig sein, weil mein Magen noch nicht ganz gesund ist. Aber in Zukunft ist auch geplant, hier noch etwas mehr zu verbessern. Ausserdem bin ich schon seit vielen Jahren Vegetarierin, ganz auf Tierprodukte verzichte ich nicht und Fisch esse ich hie und da auch mal, aber ich versuche auch hier, mich so gut wie möglich gesund zu ernähren.

Mein nächstes Projekt ist Sport. Den habe ich in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Ich gehe jeden Tag 40-60 Minuten mit den Hunden spazieren, aber das lässt sich noch steigern. Nächsten Dienstag habe ich ein Probetraining für’s Taiji. Und ich habe mich über die Öffnungszeiten für’s Schwimmbad informiert. Inspiriert dazu hat mich die Schreiberin von „der Feind in mir“.

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Paroxetin absetzen

Nachdem ich mich vom Absetzen des Clozapins erholt habe, habe ich gestern Morgen das Paroxetin (Deroxat) weggelassen. Ich habe auch dieses Medikament schrittweise abgesetzt und zuletzt drei Wochen nur noch 2.5 mg (1/8 der kleinsten Tablette) genommen. Eigentlich wollte ich mit dem Absetzen noch ein bisschen warten, aber ich habe es nicht mehr ausgehalten, es musste einfach weg.

Die letzte Nacht war schlimm. Mir war schlecht, ich musste erbrechen, hatte unglaubliche Kopfschmerzen und Durchfall. Auch heute Morgen hatte ich noch Schwindel und Kopfschmerzen, sowie extreme Angstzustände. Trotz allem konnte ich schlafen, es war jetzt nicht meine beste Nacht, aber seit ich letzten Dienstag bei der TCM-Ärztin war, kann ich wieder schlafen. Es ist echt ein Wunder!

Jetzt ist fast 15.00 Uhr und mir geht es besser.

Natürlich können noch weitere Absetzerscheinungen auftreten. Ich habe mich mal auf dem Internet schlau gemacht und da gibt es echt alles von Brain Zaps bis Fieber. Aber ich bleibe mal positiv. Die Halbwertszeit von Paroxetin beträgt 24 Stunden, das heisst, das Zeug sollte inzwischen so ziemlich aus meinem Körper raus sein. Es ist jetzt 55 Stunden her seit der letzten Einnahme.

Mit dem körperlichen Entzug kann ich inzwischen recht gut umgehen. Es ist sehr unangenehm, aber ich habe mich damit abgefunden. Ich lasse es einfach zu und beobachte die Schmerzen und die Übelkeit, wie wenn ich eine Aussenstehende wäre. Statt auszuharren und durchzubeissen, lasse ich „einfach“ los und lasse den Schmerz zu. Das macht es viel einfacher. Das habe ich zufällig in einem Buch gelesen und gedacht, ich probier das mal aus und tatsächlich, es funktioniert.

Die psychischen Zustände wie Albträume und Angstzustände sind schwieriger auszuhalten. Auch da versuche ich loszulassen, aber das gelingt mir noch nicht so gut. In der Nacht habe ich versucht zu meditieren, leider hat mich die Übelkeit so sehr abgelenkt, dass ich mich nicht wirklich entspannen konnte. So blieb es bei einer kurzen „Selbsthypnose“, in der ich meine Angst visualisierte und versuchte „aufzuweichen“. Ich sagte mir, dass ich jetzt einfach einschlafen darf und dass ich ohne Angst loslassen kann. Das hat funktioniert und ich bin eingeschlafen.

Leider haben sich Albträume eingeschlichen, so dass ich nachts immer wieder schweissgebadet aufwachte. Albträume sind auch eine Absetzerscheinung und natürlich bei einem Trauma sehr schmerzhaft. Aber auch hier gelang es mir immer wieder, mich zu beruhigen und wieder einzuschlafen. Noch vor einem Jahr wäre ich nach einem Albtraum aufgestanden und hätte gar nicht versucht, wieder zu schlafen. Im Gegenteil, ich hätte so grosse Angst gehabt vor dem Schlafen, dass ich danach nächtelang den Schlaf verweigert hätte. Auch hier hat sich in der letzten Zeit viel getan.

Seit ich die Medikamente absetze, kann ich wieder meditieren. Dadurch bin ich viel ausgeglichener geworden und kann mich selber viel besser regulieren. Meine Ängste, die teilweise massiv waren, sind beinahe ganz verschwunden und wenn ich trotzdem mal in einen Angstzustand reinkomme, dann kann ich mich mit tiefem Durchatmen und einer Kurzmeditation wieder beruhigen. Natürlich ist das schwieriger, wenn man vor Übelkeit fast Erbrechen muss.

Morgen gehe ich zur Hypnose. Ich war noch nie bei einer Hypnose, aber ich erhoffe mir, dass ich dadurch lernen kann, noch besser mit den körperlichen Symptomen, den Angstzuständen und den Albträumen umzugehen. Vielleicht kann mir die Therapeutin auch ein paar Selbsthypnosetechniken zeigen, die ich zusätzlich zur Meditation anwenden kann.