DIS

Menschen

Menschen sind für uns sehr anstrengend. In der menschlichen Interaktion passiert so viel, das man nicht vorhersehen kann. Natürlich ist es auch schön, Menschen können verstehen, Wärme geben, zum Denken anregen, helfen, lieben, lachen. Aber heute will ich mal darüber schreiben, was daran so anstrengend für uns ist.

Wir hatten einen relativ nahen Kontak zu einem Menschen, nennen wir ihn Rob. Er ist Psychiatriepfleger in Deutschland. Wir haben mir ihm einen Artikel für eine psychiatrische Zeitschrift geschrieben. Wir haben mir ihm über Recovery geredet, uns ihm gegenüber geöffnet. Rob hat ein paar von uns kennengelernt, sogar mit Namen. Er zeigte uns immer wieder, wie toll er uns findet, wie vielseitig wir sind, wie sehr er unsere Einsichten schätzt, wie viel er von uns lernen kann. Er war auch begeistert von unserer Intelligenz, von unserem Wissen, von unserer Kreativität. Er gab uns das Gefühl, ok zu sein, so wie wir sind.

Fast täglich haben wir gechattet, ein paar von uns haben ihm ihr Herz ausgeschüttet, er wusste mehr über uns als irgendein anderer Mensch auf dieser Welt. Einmal haben wir ins persönlich getroffen, zweimal haben wir telefoniert. Der restliche Kontakt fand schriftlich statt. Rob ist verheiratet, es ging nicht um Liebe. Wir suchen und wollen keine Liebe, Rob hat uns unterstützt, uns beigestanden. Ich habe den Kontakt zu ihm sehr genossen und viel von ihm gelernt, über mich, über Menschen, über professionelle Dinge im psychiatrischen System. Es war schön und es hat mir sehr gut getan.

Gestern hatten wir eine Diskussion mit ihm über Umweltthemen. Rob ist in diesem Bereich sehr engagiert, gibt sich ein bisschen als Missionar und moralischer Gott. Wir haben vor vielen Jahren mal Umweltwissenschaften studiert, gleichzeitig mit der Informatik. Und wir wissen sehr viel zu dem Thema. Nachdem Rob uns schon mehrmals mit seiner moralischen Überlegenheit bei dem Thema genervt hat, wollten wir ihm gestern spiegeln, dass wir uns ein bisschen mehr Bescheidenheit von seiner Seite bei diesem Thema wünschen. In anderen Worten: Wir haben ihm eine Lektion erteilt.

Mir tut es sehr Leid, dass wir das getan haben und ich wollte das nicht, aber ich konnte nur zusehen und hatte überhaupt keine Möglichkeit einzugreifen. Sonst hätte ich es getan. Im Nachhinein habe ich mich bei ihm für unser Verhalten entschuldigt. Leider war der Schaden da aber schon angerichtet.

Wir haben ihm mit rationalen Argumenten gezeigt, dass er mit seinem Elektroauto nicht ein besserer Mensch ist, als Menschen, die ein normales Auto fahren. Wir haben ihm gesagt, dass die meisten Menschen mit Kompromissen versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen und dass es für eine nachhaltige, sinnvolle Umweltpolitik viel radikalere Lösungen braucht als Elektroautos. Wir wollten ihm nur sagen, dass er sich moralisch nicht so aus dem Fenster lehnen soll. Es gingt nicht darum, ihm zu sagen, er sei ein schlechter Mensch. Das finden wir auch gar nicht. Wir mögen ihn wirklich.

Unsere Argumente waren gut und wir hatten recht. Das hat Rob auch zugegeben, im Nachhinein. Aber er hat Andy, den Anteil, der mit ihm diskutiert hat, total abgelehnt. Man merkte, dass Rob sehr wütend und verletzt war. Und Andy war sehr frustriert, weil er zwar recht hatte, aber Rob ihn dafür ablehnte.

Seit der Diskussion gestern herrscht im Innen grosses Chaos. Andy will nichts mehr mit Rob zu tun haben. Er findet ihn dumm und als Mensch „schwach“, weil Rob nicht eingestehen kann, dass er tatsächlich zu wenig Ahnung vom Thema hat und seine moralische Überlegenheit deshalb nicht angebracht ist. Für Andy haben solche Menschen nichts in unserem Leben verloren.

Ich mag Rob und ich finde es sehr hilfreich, mit ihm zu reden, aber wenn er Andy ablehnt, dann finde ich ihn auch nicht mehr so toll, denn es ist gerade diese Akzeptanz von unserer Vielfalt, die für mich den Kontakt mit ihm so wertvoll macht. Wenn Andy in einem anderen Bereich bei anderen Menschen gut argumentierte und recht hatte, dann hat Rob uns in der Vergangenheit immer ermutigt, zu unserer Meinung zu stehen und hat uns gesagt, dass wir mit unserer Intelligenz und unserem Wissen die anderen Menschen überfordern, aber dass das ihr Problem sei, nicht unseres. Diesmal hat es Rob getroffen. Und plötzlich ist es doch unser Problem.

Solche Situationen kommen oft vor. Damit machen wir uns unbeliebt. Früher haben wir einfach den Mund gehalten, wenn uns jemand etwas sagte, das keinen Sinn machte. Heute nicht mehr. Aber dadurch wird das Leben viel anstrengender und schmerzhafter und mit Ablehnung können wir nicht so gut umgehen.

Bei Rob können wir uns wohl erklären, den Konflikt lösen, indem wir ihm beschreiben, was solche Diskussionen und sein Verhalten bei uns im Innen auslösen. Wenn er sich etwas beruhig hat, in ein paar Tagen, wird er es verstehen. Aber bei anderen Menschen, die nicht so viel über uns wissen, die nicht so viel Verständnis haben, wie sollen wir mit denen umgehen?

DIS

Achterbahn

Meine Gefühle fahren Achterbahn. Nicht nur die Gefühle, auch der Körper. Es fühlt sich an, als wäre meine Wirbelsäule gebrochen und meine Hüfte verrenkt. Wie wenn mir jemand den Oberschenkel abgerissen hätte. Heute Morgen wollte ich mich schon umbringen, hoffte, dass mir die Decke auf den Kopf fällt und mich erstickt, habe ein gesundes Frühstück gemacht, habe geweint, war wütend und jetzt versuche ich Worte dafür zu finden, was in mir vorgeht.

Wir wissen noch nicht, was wir mit dem heutigen Tag tun sollen. Wir fühlen und wund, krank. Möchten uns in einer Höhle verkriechen und nie mehr rauskommen. Ich habe einen Termin ausgemacht mit einer Therapeutin, die Somatic Experiencing anbietet. Sie wurde mir von einer Freundin empfohlen. Ich hoffe, sie ist wirklich so gut, wie die Freundin sagt.

Es fällt uns so verdammt schwer, jemandem zu vertrauen. Wir versuchen es immer wieder, doch es braucht Zeit. Wir können Vertrauen nicht erzwingen. Es gibt viele liebe Menschen, die uns mögen und die wirklich helfen wollen und doch weisen wir sie ab. Wir hätten so gerne mehr Hilfe, Unterstützung, wir würden uns so gerne bei jemandem öffnen und uns zeigen. Aber es klappt nicht. Der innere Widerstand ist einfach zu gross. Wir haben Angst vor Abhängigkeit, wir haben Angst, uns verletzlich zu zeigen, wir haben Angst, zurückgewiesen zu werden. Angst, dass man uns sagt, wir seien zu needy. Dass wir zu viel von den anderen Menschen verlangen, dass wir sie zu sehr beanspruchen.

Gestern habe ich einen Freund zum Mittagessen getroffen. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Wir haben zusammen die Peerausbildung gemacht. Es war schön, aber ich hatte das Gefühl, für ihn war es total anstrengend, mit mir zu reden. Ich glaube, er hat so viele Gefühle in uns wahrgenommen und war damit überfordert. Kann das sein, dass wir die anderen Menschen mit unseren Gefühlen überfordern? Inhaltlich war das Gespräch nicht so anstrengend, wir haben uns vor allem über Organisatorisches und Oberflächliches ausgetauscht.

Ich kann mich ja kaum noch an die Peerausbildung erinnern. Ich musste oft so tun, als wüsste ich, worüber er spricht. Er nannte Namen von Menschen, die mit uns die Ausbildung gemacht haben. Die Namen schienen in mir irgendein Echo zu erzeugen, doch ich hatte überhaupt keine Bilder zu den Namen und ich wusste auch nicht mehr, was diese Menschen damals in der Ausbildung über sich erzählt haben. Ich kam mir dem Freund gegenüber recht dumm vor, wollte es aber nicht zeigen.

In mir drin herrschte jedoch Chaos, vor allem viel Selbstkritik. Du bist nicht authentisch, du spielst ihm etwas vor, du bist eine falsche Schlange, sagten mir meine Gedanken. Du überforderst ihn, du darfst dich ihm nicht öffnen, er würde dich nicht verstehen, ich würde dich verurteilen. Du bist einfach zu dumm, deshalb kannst du dich nicht erinnern. Du weisst doch alles, du machst nur Drama und tust so, wie wenn du dich nicht erinnerst. Du bildest dir alles nur ein. Er mag dich nicht. Er weiss nicht, was er sagen soll. Du verunsicherst ihn.

Bämm… Ist das normal, das innerlich so viel läuft? Bei vielen Menschen habe ich den Eindruck, sie nehmen das von aussen gar nicht wahr. Aber bei ihm spürte ich, dass er meine widersprüchlichen Gefühle bemerkt hat und es ihn irritierte.

So, es ist schon Viertel vor zwölf. Ich bin immer noch im Pyjama und habe ausser frühstücken und bloggen noch nichts gemacht. Ich muss mal meinen Tag planen und schauen, dass das Leben irgendwie weitergeht.

DIS

Diagnose DIS – Teil 4

Der Nacken und Hals tut weh, ich kann meinen Kopf fast nicht drehen. Der Kopf ist voller Zuckerwatte mit Wurststückchen drin. Wir haben uns aus dem Bett gewagt und Frankfurter Würstchen verputzt. Der Spezialsenf mit der grünen Sauce war lecker. So essen die Frankfurter also ihre Würstchen. Die Frage ist mir ein bisschen peinlich, aber wo genau liegt der Unterschied zwischen Frankfurter Würstchen und Wiener Würstchen, die bei uns in der Schweiz „Wienerli“ heissen?

Wir möchten noch ein bisschen weiterschreiben, wie es zur Diagnose kam. Im letzten Text haben wir beschrieben, wie wir ins Kriseninterventionszentrum (KIZ) kamen. Frau Stern hat uns nach einem Notfalltermin dort angemeldet. Leider hatte das KIZ nicht direkt ein Bett frei und wir musste noch für eine Nacht nach Hause. An diese Nacht habe ich keine Erinnerung mehr.

Im KIZ waren die Leute sehr lieb mit uns. Vor allem die Assistenzärztin war toll. Als ich ihr meine Geschichte erzählte, hielt sie mich für ein Genie. Sie sagte auch, sie finde mich sehr inspirierend, als ich erzählte, dass ich gerne eines Tages im Ausland mit Menschen arbeiten möchte, die psychische Probleme haben. Ich erwähnte das Projekt einer Freundin von mir, die in Sri Lanka mit ehemaligen Kindersoldaten Theater gespielt hat. Leider wurde das Projekt inzwischen beendet, da die Soldaten anscheinend zu alt sind. Naja, jedenfalls würde ich eines Tages gerne so ein Projekt starten. Nicht eine Klinik oder so, sondern mit den Menschen etwas verwirklichen und ihnen helfen, sich selber anzunehmen und im Leben zurechtzukommen. Ist das utopisch?

Naja, jedenfalls waren alle sehr lieb. Wir haben uns viel zurückgezogen, manchmal sind wir raus. Wir haben fotografiert, gemalt, gezeichnet und Ukulele gespielt. Im Bett haben wir uns sicher gefühlt und die Nachtwache war toll und hat uns sogar im Plural angesprochen. Als wir sagten, wir wollen versuchen, nochmals ein bisschen zu schlafen, sagte er: „Wenn’s nicht geht, könnt ihr einfach wieder kommen. Ich bin die ganze Nacht da.“ Bei diesen Worten wurde uns ganz warm ums Herz. Er hat uns auch Tee mit Honig gemacht in der Nacht und wir durften so lange bei ihm sitzen, wie wir wollten. Wenn wir reden wollten, hat er mit uns geredet oder wir haben geschwiegen und er sass am Computer und hat gearbeit. Zwischendurch hat er uns immer wieder gefragt, war wir jetzt brauchen, ob er etwas für uns tun könne, ob wir noch einen Tee wollen. Er war echt total süss.

Die Kleinen haben im KIZ viel geweint. Sie haben Toby vermisst, die Eltern, ein Kind war traurig, weil es nichts zum Anziehen hatte, das ihm gefiel. Einmal hat eine Pflegerin für einen kleinen Quark eine heisse Schokolade mit Marshmallows gemacht. Wir waren im siebten Himmel! So lieb war noch nie jemand mit ihm gewesen!

Doch nach drei Tagen wurden wir aus dem Paradies vertrieben. Wir müssen eine Anschlusslösung finden, wurde uns von der Pflege gesagt. Im KIZ darf man nur sechs Tage sein. Dann wurden einige von uns wütend, aggressiv, wir haben uns gewehrt. Sie wollten uns auf eine Akutstation schicken, doch wir hatten Angst, wollten das auf keinen Fall. Also sagten sie, wir müssen uns selber etwas organisieren. Von da an waren wir wieder im Funktionsmodus. Ich rief meine Therapeutin an. Sie meinte, ich solle in die Frauenklinik und nicht die normale Klinik, das sei besser für mich. Also bemühte ich mich um eine Anmeldung. Die Wartezeit sei drei Wochen wurde mir gesagt.

Ich geriet in Panik. Drei Wochen? Wie soll das gehen? Ich konnte nicht mehr nach Hause. Ich wusste zwar nicht weshalb, aber nach Hause gehen war unvorstellbar. Inzwischen weiss ich, dass es wegen dem Typen war, mit dem vielleicht irgendwas war. Vielleicht auch nicht. Damals verstand ich mein Verhalten nicht, respektierte jedoch die Panik in mir und suchte verzweifelt nach eine Lösung.

Mir kam meine Cousine F. in den Sinn, die Künstlerin ist. Sie war schon in der Vergangenheit oft sehr lieb mit mir und hatte mich auch gebeten, einen Text für ihre Ausstellung zu schreiben. Also rief ich sie an. Sie war gerade in Prag bei ihrem Freund, der dort Diplomat ist, doch ich durfte ihre Wohnung benutzen. Ich war total dankbar. So fuhr ich ans andere Ende der Schweiz, wo sie Französisch sprechen, und wohnte eine Zeitlang bei F.

Die Diagnose DIS wurde im KIZ gestellt. Sie haben alle früheren Klinikberichte gelesen, unser Verhalten beobachtet und mit Frau Stern gesprochen. Die Kombination dieser Fakten führte zur neuen Diagnose. Tada!

Leider wurde die neue Diagnose der Frauenklinik in Z. nicht mitgeteilt, denn der Bericht vom KIZ war noch nicht fertig, als die Anmeldung erfolgte und Frau Stern war im Urlaub, so dass sie die Info nicht weitergeben konnte. Die Klinik in Z. ist hauptsächlich auf Borderline spezialisiert und so wurden wir dort auch wie Borderlinepatienten behandelt: Respektlos, von oben herab, wie wenn wir sie manipulieren würden. Wir waren schockiert. Wir hätten nicht gedacht, dass in einer Frauenklinik eine solche Behandlung „normal“ ist. Als Schizophreniepatientin wurden wir meistens recht lieb behandelt, obwohl unser Verhalten manchmal als irrational eingestuft wurde. Aber irrational ist nicht manipulativ. Deshalb sind Borderlinepatienten anscheinend böse und Schizophreniepatienten können für ihr Verhalten nichts dafür. Was ist denn das für eine kranke Welt?

In der Klinik wurde die DIS nicht erkannt, sondern die Verdachtsdiagnose „Persönlichkeitsstörung“ gestellt, aber Frau Stern ist sich sicher, dass es eine DIS ist. Und wir wollen versuchen, ihr zu vertrauen.

Wir wissen, dass die Diagnose an sich nicht so wichtig ist. Aber für uns ist es wichtig, uns von der Schizophrenie zu lösen und zu verstehen, dass wohl in der Vergangenheit etwas passiert ist, das uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind: Viele.

DIS

Pity Party

Heute hatte ich Therapie. Nach dem Termin wollte ich mich umbringen. Dann habe ich eine Packung Weihnachtsplätzchen gekauft und sie im Zug verdrückt. Zu Hause kroch ich mit der Bettflasche ins Bett und versteckte mich vor der Welt.

Ich bin immer noch im Bett. Die Welt mag ich nicht sehen. Ich möchte mich bis Januar hier drin verkriechen. Einen Winterschlaf machen. Es wäre auch ok, wenn ich nicht mehr aufwachen würde.

Doch was ist in der Therapie passiert? Ich weiss es nicht. Ich versuche zu verstehen, doch ich kann nichts finden, das eine solche Reaktion auslösen könnte. Natürlich haben wir über schwierige Themen gesprochen, aber so schlimm, dass ich mich deshalb umbringen will?

Frau Stern hat mich gefragt, ob es mir gelungen ist, lieb mit mir selber zu sein, um das Erlebnis mit dem Typen zu verarbeiten. Sie brauchte das Wort „Sex“. Frau Stern ist überzeugt, dass jemand von uns mit dem Typen geschlafen hat, obwohl ich nie sowas erzählt habe und auch gar keine Erinnerung daran habe. Ich mag das Wort Sex nicht und mir gefällt die Vorstellung gar nicht, dass mein Körper Sex hatte. Ich glaube auch nicht, dass wir Sex hatten. Einfach, weil ich es mir nicht vorstellen kann. Und nein, es ist mir nicht gelungen, lieb mit mir selber zu sein. Vielmehr habe ich das Thema in einer grossen Kiste verstaut und gehofft, es würde darin für immer verschwinden.

Dann habe ich erzählt, dass ich Angst habe, mich bei anderen Menschen zu zeigen, weil ich mich niemandem zumuten will. Weil ich das Gefühl habe, ich bin für andere nicht zumutbar. Frau Stern holte dann zu einem längeren Vortrag aus, dass eine der Stimmen von früher, Anil, an die ich mich nicht erinnern kann, auch das Thema Scham und Schuld angesprochen hat. Sie sagte auch, dass sich die Themen in der Therapie nicht so sehr verändert haben im Vergleich zu früher, als Ut Stimmen hörte.

Ich war schockiert. Heisst das, wir sind keinen Schritt weitergekommen und drehen uns im Kreis? Dann kam mir Benita’s Wendeltreppe in den Sinn und ich war beruhigt. Doch, wir sind weitergekommen. Wir sind wieder am gleichen Ort, aber viel näher am Ziel als noch vor ein paar Jahren.

Frau Stern holte zu einem Vortrag aus. Sie sagte, ich hätte nie eine Schizophrenie gehabt und die Stimmen von früher, sowie Ut wären nie psychotisch gewesen. Sie habe viel mit Psychosepatienten gearbeitet und bei uns hätte das Schizophrenielabel nie gepasst. Ihr sei schon immer klar gewesen, dass es sich um eine komplexe Traumatisierung handelt. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob sie das Ut damals gesagt hat. Mir jedenfalls war das nicht klar.

Als wir am Schluss einen neuen Termin ausmachen wollten, ist mir rausgerutscht, dass ich die Therapie am liebsten abbrechen möchte. Dabei stimmt das gar nicht, warum erzähle ich sowas? Als sie wissen wollte, wieso, war die Antwort, dass wir nach den Terminen bei ihr meisten zwei Tage flach liegen und nicht mehr aus dem Haus können. Dass es einfach zu anstrengend ist.

Ich versuchte dann zu beschwichtigen, dass es gar nicht so schlimm ist, aber Frau Stern hat es gehört. Sie will es beim nächsten Mal besprechen. Ich nehme an, irgendein Anteil von mir hat das rausgelassen. Ich mag es nicht, wenn jemand anderes einfach reinredet, wenn ich am Sprechen bin. Das macht mir Angst.

Vielleicht war es das, was jetzt zur Krise geführt hat? Dass jemand anders da war und in der Therapie was gesagt hat. Kann das sein? Diese Woche ist etwas Ähnliches passiert als wir Besuch hatten. Ein Kind hat mit einem Hund gespielt und dann hat es dem Besuch gesagt, herumrennen sei nicht erwachsen und es dürfe das nicht. Danach rutschten wir in eine Krise und haben dissoziiert.

Vielleicht fehlt mir in der Therapie auch Zeit. Für 1.5 Stunden scheint mir, dass wir ziemlich wenig gesprochen haben. Normalerweise kann ich nach einem Termin viel mehr aufschreiben.

Vielleicht haben auch alle Themen irgendwie getriggert und zusammen war es dann zu viel. Ich komme nicht drauf, was genau passiert ist. Vorhin konnte ich kurz weinen, doch wirklich gelöst hat sich der Knoten nicht. Ich versuche es mal mit Essen. Wir haben von unserem Besuch Frankfurter Würstchen gekriegt. Eigentlich mag ich kein Fleisch, aber irgendwie haben wir Lust darauf.

DIS

Therapie

Am Freitag war ich in der Therapie. Wir haben über den Klinikaufenthalt gesprochen, über das Chaos, das er in mir ausgelöst hat, über die Scham. Ich schäme mich unglaublich für das Verhalten in der Klinik, aber ich verstehe langsam, dass es nicht meine Schuld war.

Vor einer Woche hat Frau Stern mit mir die Situation in der Klinik mit der Transaktionsanalyse angeschaut. Nicht nur ich war nicht in meinem Erwachsenen-Ich, sondern die Pflege und die Psychologin auch nicht. Die Verhaltenweisen haben sich gegenseitig verstärkt. Ich war das unartige Kind, sie die strengen Eltern. Damit haben wir meine Vergangenheit reinszeniert. Immer und immer wieder, bis ich zusammenbrach und nicht mehr reden konnte. Deshalb war der Aufenthalt so ein riesiger Horror.

Die Scham wird von Introjekten aufrecht erhalten. Sogar die Psychologin aus der Klinik und eine der Pflegerinnen haben ein eigenes Introjekt in uns gekriegt. Ich frage mich, ob sie sich freuen würden, das zu erfahren. Fakt ist: Die Klinik hat mich weiter retraumatisiert und nicht aus der Retraumatisierung rausgeholt, was eigentlich der Grund für den Klinikaufenthalt war.

Langsam krieche ich aus meiner Erstarrung heraus, doch es macht mir Angst, ich bin sehr unsicher. Kann ich das überhaupt schaffen? Meine Gedanken produzieren Zweifel an meiner Version, sie verurteilen mich für mein Verhalten, beschimpfen mich.

Frau Stern möchte, dass ich lieber mit mir selber umgehen, aber es fällt mir schwer. Ich glaube, ich habe es nicht verdient. Ich glaube, es ist verboten, lieb mit mir zu sein. Irgendwas in mir drin verbietet mir das. Frau Stern sagt, das sind die Introjekte. Deshalb habe ich keinen Zugang mehr zum Selbstmitgefühl, das früher so viel geholfen hat, deshalb kann ich fast nie mehr weinen und traurig sein, sondern verspüre nur noch Scham und Wut auf mich selber.

Das Leben ist verdammt kompliziert. Heisst das, meine Gedanken sind gar nicht meine Gedanken? Und wie kann ich das unterscheiden?

Jede Woche macht Frau Stern mehr Hinweise darauf, dass sie die anderen kennenlernen möchte. Sie sagt es nicht direkt, aber sie macht Bemerkungen dazu. Sie meinte auch, dass sie ein paar schon kennen würde. Das macht mir Angst. Woher kennt sie die? Waren sie da, ohne, dass ich es gemerkt habe? Am Freitag hat sie irgendwas gesagt, das ich nicht mitbekommen habe und dann sagte sie plötzlich: „Jetzt spreche ich in Sie hinein, das ist nicht fair.“

Mir gefällt das nicht. Sie hat am Freitag auch erzählt, wie sie Lou kennengelernt hat. Das war anscheinend eine Stimme von früher. Ich hätte damals einen graphischen Avatar von ihm kreiert, wir hätten ihn laminieren lassen und sie habe sein Bild auf einen Stuhl gesetzt und dann mit ihm gesprochen. Er hätte geantwortet und es habe sich herausgestellt, dass es mich beschützen wollte, obwohl ich meinte, er sei böse.

Ich weiss, sie will mich darauf hinweisen, dass Introjekte nicht böse sind, sondern mich beschützen wollen. Sie will mir mit dieser Erzählung auch zeigen, dass sie schon mal mit anderen in mir drin gesprochen hat und dass es gar nicht so schlimm war. Aber ich habe keine Erinnerungen mehr daran und für mich ist es schlimm. Für mich ist es schlimm, dass da andere sind und für mich ist es schlimm, dass ich mich selber und meiner Wahrnehmung nicht vertrauen kann.

Ganz ehrlich, ich hätte lieber eine Psychose als eine DIS. Dann könnte ich das Verhalten einfach als irrational abtun und müsste mich nicht damit auseinandersetzen. Aber so? Das ist doch echt scheisse.

Frau Stern meinte auch, ich müsse lernen, mich nicht für die anderen zu schämen, denn ich könne nichts dafür. Ich müsse auch nicht allein die Verantwortung für das Verhalten der anderen übernehmen und es sei unfair, dass die anderen etwas anstellen würden und ich würde dann die Kritik dafür kriegen.

Okay? Und was soll ich jetzt damit? Die Lösung sei anscheind, lieb und verständnisvoll mit mir selber umzugehen. Wie macht man das, wenn man das nicht darf?

DIS

Scherben

Ein deutscher Verlag hat einen Wettbewerb ausgeschrieben zum Thema Scherben. Man darf unveröffentlichte Romanauszüge oder eine Kurzgeschichte einschicken. Es soll eine coming-of-age story sein, die zeigt, wie Erinnerungen an die Kinheit Scherben sein können.

Wir haben ein Manuskript dazu geschrieben. Mehrere Scherben. Nicht die schlimmsten, aber doch so, dass sich daraus eine Geschichte ergibt. Es ist nicht unsere Geschichte, es ist Fiktion, aber doch so verdammt nah dran an der Realität. Morgen ist der Abgabetermin, doch wir haben beschlossen, unsere Geschichte nicht einzuschicken. Es ist zu persönlich, zu nah, zu wahr. Auch Fiktion kann manchmal wahr sein.

Einige von uns schreiben schon lange. Schon in der Primarschule haben wir Geschichten erfunden. Mit 16, als wir ganz traurig waren, haben wir sehr viel geschrieben. Einmal ist eine Geschichte über Selbstmord entstanden, der Deutschlehrer wollte mit uns darüber sprechen. Ich habe keine Ahnung, ob dieses Gespräch jemals stattgefunden hat oder ob der Lehrer es wieder vergessen hat. Fast alles unsere Erinnerungen sind Scherben. Fragmentiert. Unzusammenhängend und manchmal gibt es viele verschiedene Versionen für die gleiche Geschichte. Erinnern ist verwirrend.

Mit 16 hat uns die Mutter aus dem Haus geworfen, weil wir die Haare geschnitten und blond gefärbt haben. wir sind zu unserem Freund und haben erzählt, dass der Vater uns missbraucht. Die Eltern des Freundes haben mit meinen Eltern gesprochen, dann hat uns der Vater abgeholt und wir mussten wieder nach Hause. Ausserdem mussten wir uns bei allen beteiligten für unsere Lügen entschuldigen. Wie demütigend. Wie traurig. Wie schlimm.

Damals dachte ich, ich hätte wirklich gelogen und ich wusste nicht, warum ich sowas erzählen würde. Vor Kurzem ist mir die Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die Scherbe ist wieder aufgetaucht. Und heute bin ich ziemlich sicher: Das war keine Lüge.

Uns wurde zu Hause oft vorgeworfen, wir würden lügen, die Wahrheit verdrehen, Dinge erfinden. Doch was, wenn wir gar nicht gelogen haben, wenn die Dinge wahr waren oder zumindest teilweise wahr?

Beim Schreiben passiert es oft, dass die Dinge, die wir schreiben und von denen wir denken, sie sind erfunden, sich dann doch als wahr herausstellen. Das macht Angst. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte die Wahrheit erschreiben. Und manchmal bin ich nicht sicher, ob das, was ich schreibe, wahr oder erfunden ist, ob eine Geschichte meiner Fantasie oder unserer Erinnerung entspringt. Manchmal bin überzeugt, dass eine Geschichte Fiktion ist und nach Wochen oder Monaten finde ich Bilder dazu in meinem Kopf. Das ist unheimlich, macht Angst.

Ich möchte gerne wissen, was beim Schreiben mit uns passiert. Switchen wir? Schreibt plötzlich jemand anders? Sind wir in Trance oder dissoziiert und bekommen Zugang zum Unbewussten? Oder beides?

In der letzten Zeit entstehen immer mehr Texte, die uns Angst machen, die mich verwirren. Es geht so weit, dass ich mich fast nicht mehr traue, einen Stift in die Hand zu nehmen oder ein leeres Dokument auf dem Computer zu öffnen. Denn was geschrieben wird, ist unheimlich. Der Kontrollverlust macht mir Angst, manchmal verliere ich Zeit, manchmal sitze ich atemlos dabei und schaue meinen Figern zu, die auf die Tasten einschlagen.

Der Begriff „automatisches Schreiben“ bekommt für mich dadurch eine ganz andere Dimension. Der Körper schreibt tatsächlich automatisch.

DIS

Emotionen aus dem Innen

Ich schaue eine Serie auf Netflix. Ein Kind liegt im Krankenhaus, es hat einen schlimmen Fehler gemacht und schämt sich dafür, es möchte nicht, dass die Eltern informiert werden. Und die Ärztin sagt liebevoll,: „Dafür sind Eltern da“ und meint damit: „um dich zu lieben und zu trösten, auch wenn du mal was Dummes machst.“

Ich spüre einen kurzen Stich im Herzen. Ich weiss, es ist ein möglicher Trigger. Doch dann spüre ich nichts mehr. Ich schaue weiter und vergesse die Szene.

Eine halbe Stunde später werde ich von einem unendlichen Schmerz überrollt, so tief, so verzweifelt. Mein Bauch brennt, der Kopf pocht. „Was ist bloss los?“, frage ich mich. Und dann die Erkenntnis: Ein emotionales Flashback. Die Eltern werden vermisst. Wir hätten auch gern Eltern gehabt, die uns Fehler verzeihen und uns lieben. Wir sind Waisen, obwohl unsere Eltern noch leben. Die Eltern wollten uns nicht haben. Sie konnten uns nicht lieben. Sie haben uns benutzt und manipuliert. Sie haben uns kaputtgemacht und jetzt müssen wir damit leben.

Trauer, Wut, Verzweiflung, Hass, Ohnmacht, Hilflosigkeit. Alles gleichtzeitig. In einer Endlosschleife.

Kommen wir da jemals wieder raus?

DIS

Es tut weh in mir drin

Ich versuche, irgendwie im Leben zurechtzukommen, zu funktionieren, so gut es halt geht. Gestern hatte ich einen guten Tag. Ich fühlte mich stark, hatte den Eindruck, ich würde etwas gegen die Ohnmacht tun. Und heute möchte ich am liebsten sterben, weil das Leben so weh tut. Ich verstehe mich selbst nicht.

Ich schreibe einen Artikel zusammen mit einer Fachperson für eine Zeitschrift. Thema, naja, egal. Jedenfalls sollte ich seinen Teil des Textes lesen und kommentieren. Er hat mir die Email mit dem Text von seinem Yahoo-Account auf sein und mein Google-Account geschickt. Das heisst, das Dokument befindet sich auf einem Server von Yahoo und einem Server von Google.

Da ich es recht mühsam finde, ein Dokument mehrmals hin- und herzuschicken und da ich den Inhalt nicht für sehr kritisch hielt, editierte ich das Word-Dokument in Google Docs und schickte ihm eine Einladung, das Dokument ebenfalls auf Google zu bearbeiten. Mit Google Docs kann ich Kommentare einfügen, den Inhalt des Dokuments diskutieren, Änderungen vorschlagen und ich habe eine Versionierung, die mir erlaubt, Unterschiede im Dokument nachzuvollziehen und zu einer früheren Version zurückzukehren, wenn ich das möchte. All das passiert real-time und der Schreibpartner kann das Dokument jederzeit einsehen und ebenfalls bearbeiten.

Doch ich habe einen Fehler gemacht: Ich habe ihn nicht gefragt, ob ich das Dokument auf Google editieren darf, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass es ok ist. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand, der sowohl ein Google als auch ein Yahoo-Account hat, ein Problem damit haben könnte, ein Dokument in Google Docs zu bearbeiten.

Jedenfalls hat er mir jetzt sehr klar gesagt, dass er es nicht ok findet, dass ich seinen Text (es ist unser Text, ein Grossteil des Textes und der Ideen stammen von mir) bei Google hochgeladen habe und dass ich ihn sofort löschen solle.

Ich versuche zu verstehen, was bei ihm los ist und warum einen Text per Email zu versenden ohne Verschlüsselung und mit einem amerikanischen Anbieter, der Server auf der ganzen Welt hat, ok ist, aber editieren nicht. Doch vor allem, versuche ich zu verstehen, warum ich mich durch sein Verhalten so gekränkt und zurückgewiesen fühle.

Zurückweisung scheint ein Trigger zu sein. Aber was genau wird getriggert? Wer wird getriggert? Ich finde es schwierig, mich/uns zu verstehen. Vor allem, weil ich auch keinerlei Erinnerungen habe an ähnliche Situationen, sondern nur das Gefühl, dass es weh tut.

Und da ist diese Stimme im Kopf, die mir sagt, ich sei zu empfindlich, ich würde überreagieren. Sie sagt mir, ich nehme keine Rücksicht auf andere Menschen, dass ich egoistisch und gemein bin. Dass ich doch nicht einfach einen so wertvollen Text bei Google editieren dürfe. Dass ich falsch, dumm und rücksichtslos bin.

Wahrscheinlich ist es diese Selbstkritik, die so verdammt weh tut. Doch wie komme ich da wieder raus?

Herfergewalt

Wege aus der Ohnmacht

Ohnmacht ist dieses Gefühl, einer Person oder einer Situation total ausgeliefert zu sein. Es ist für uns das schlimmste Gefühl überhaupt. Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, dann kommen Quarks raus, die sich dem Gegenüber unterwerfen, die versuchen, das Gegenüber um jeden Preis umzustimmen. Gleichzeitig werden auch die Quirks aktiv, die uns beschuldigen, abwerten, die dem Gegenüber recht geben. In der Klink habe ich jedoch noch einen oder mehrere (?) andere Quarks entdeckt, die sich wehren wollen, die wütend werden und die das Gegenüber (verbal) angreifen.

Für mich war das eine grosses Aha-Erlebnis: Wow, ich/wir können das ja! Die Quarks, die uns beschützen wollen, haben niemanden schwer verletzt, sie haben einfach unsere Grenzen verteidigt, als das Personal in der Klinik uns zwingen wollte, morgens den Blutdruck zu messen oder ein EKG zu machen. Sie haben „Nein“ gesagt, sie haben gesagt, man solle uns doch bitte in Ruhe lassen. Sie haben das getan, was ich leider nie konnte: Für mich/uns einstehen.

Leider wurden diese Quarks in der Klinik als rebellisch bezeichnet, als unangepasst, sogar als „nicht tragbar“ in einem stationären Setting. Die Klinik wollte gegen uns einen Verweis aussprechen. Wir müssen uns an die Regeln halten, hiess es immer wieder, sie werden für uns keine Ausnahmen machen. Da kamen natürlich sofort wieder die kritischen, abwertend Quarks hervor, die dem Klinipersonal recht gaben und uns sagten, dass wir böse seien, dass wir kein Recht darauf haben, Dinge zu verweigern, nur weil wir Angst davor haben.

Wir haben vor ein paar Tagen ein tolles Video gefunden (über den Blog von „Benita“, danke dafür!), das uns geholfen hat, für das Erleben in der Klinik eine Bezeichnung zu finden: Helfergewalt. In diesem Video, erklären leben.lernen sehr schön, wie Helfergewalt aussieht.

Die Frage, die ich mir nun gestellt habe, ist, wie kommen wir aus dieser Ohnmacht wieder heraus? Ohn-MACHT, ist ja das Gefühl, nichts MACHEN zu können. Dieses Gefühl führt uns direkt in die Vergangenheit, aktiviert Dinge in uns, die nicht viel mit der jetzigen Situation zu tun haben. Ängste, Intrusionen, Flashbacks, Abwehrreaktionen, Unterwerfung, manchmal sogar einen Freeze, also wortwörtlich die körperliche Ohnmacht. Wie können wir in einer solchen Situation wieder ins Handeln kommen?

Die Antwort ist: In der Situation selber können wir das noch nicht. Die Abläufe sind automatisch und nicht kontrollierbar. Aber ich bin überzeugt, dass wir das lernen können. Dafür müssen wir im ersten Schritt uns dieses Gefühl der Ohnmacht erstmal bewusst machen und es anerkennen: Ja, in dieser Situation fühlten wir uns ohnmächtig. Wir können uns selber trösten, uns Wärme und Sicherheit schenken, uns klarmachen machen, dass das so schlimm für uns ist, weil wir das schon so oft in der Vergangenheit erleben mussten. Damals war niemand da, der uns getröstet hat, wir mussten ganz alleine damit klarkommen.

Im Falle des Klinikaufenthalts dauert dieses Annehmen, Trösten und Anerkennen schon über zwei Monate. Und ja, langsam fühlen wir uns etwas besser.

Gleichzeitig versuchen wir, ins TUN zu kommen. Wir haben mit anderen Menschen, die uns wohlgesinnt sind, darüber gesprochen, was in der Klinik passiert. Ein Freund, der selber als Pflegeperson in einer Klinik arbeitet, hat uns gebeten, mit ihm zusammen einen Reader zu entwickeln, der Fachpersonen bei der Kommunikation mit Patienten helfen soll. Daran haben wir noch während des Aufenthalts in der Klinik gearbeitet. Eine Freundin, die ebenfalls Peer ist, hat uns dabei unterstützt, im Kontakt mit der Psychologin die richtigen Worte zu finden. Alle, denen wir von unseren Erfahrungen in der Klinik erzählt haben, waren sehr unterstützend, lieb und empathisch.

Scham füttert die Ohnmacht. Leider war die Scham bis heute zu gross, um mit Frau Stern über die Erlebnisse in der Klinik zu reden. Doch wir haben uns fest vorgenommen, das am Freitag zu tun. Denn, um mit der Scham umzugehen, hilft es, die Dinge auszudrücken, für die man sich schämt. Es hilft, die Erfahrung zu machen, dass wir nicht von anderen dafür verurteilt werden. Denn die Angst vor Verurteilung erhält die Scham aufrecht.

Wir haben auch auf Facebook einen kurzen Post gemacht, in dem wir den Klinikaufenthalt und seine Folgen für uns beschreiben und auch dort haben wir Zuspruch erhalten. Wir müssen lernen, dass wir nicht falsch oder böse sind, dass wir nicht Schuld sind und dass wir das Verhalten des Klinikpersonals nicht verdient haben. Denn das sind die Selbstvorwürfe, die wir immer wieder in unserem Kopf wiederholen.

Wir haben aber noch mehr getan: Wir haben den Brief an die Psychologin, den wir vor ein paar Wochen hier im Blog veröffentlicht haben, tatsächlich abgeschickt. Mit Kopie an den Oberarzt und die Klinikleitung, damit die Psychologin uns nicht einfach ignorieren kann. Ein Freund hat uns dazu ermutigt. Wir sind auch am Überlegen, einen Artikel über den Klinikaufenthalt zu veröffentlichen und mit der Patientenvertretung des Kantons Kontakt aufzunehmen, um herauszufinden, was man in so einer Situation tun kann. Denn es geht nicht nur um uns, viele andere Menschen machen im psychiatrischen System ähliche Erfahrungen. Und wir wollen etwas dafür TUN, dass es besser wird.

Wir müssen lernen, dass wir heute diesen Situationen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, dass wir etwas TUN können, dass wir uns wehren können und dass das Urteil anderer Menschen, uns nicht definiert. Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber die Gegenwart und die Zukunft können wir mitgestalten. Das ist unser Weg aus der Ohnmacht. Und daran arbeiten wir.

DIS, Gedicht

Frageliste

Diese Frageliste ist wohl eine Art Fragegedicht. Sie ist einen Tag vor dem Eintritt ins KIZ entstanden. Ich glaube, sie zeigt recht klar, wie es mir damals ging und wie verwirrt ich war.

Warum lüge ich in manchen Situationen?
Warum kann ich es nicht kontrollieren?
Warum merke ich nicht, wenn ich lüge?
Warum weiss ich manchmal nach einem Gespräch nicht mehr, was passiert ist?
Warum sehe ich in eine Kawasaki, wenn ich noch nie eine gefahren bin?
Wie bin ich in R. aufs Gleis gekommen?

Spiele ich den Leuten wieder etwas vor?
Schlüpfe in jetzt wieder in eine Rolle?
Werde ich (wieder?) psychotisch?
Woher kommt die Fantasie vom sexuellen Miss­brauch?
Habe ich einfach zu viel Fantasie?
Warum habe ich Bilder von Dingen im Kopf, die ich nie erlebt habe?

Kann man zehn Jahre lang eine Psychose vorspielen?
Bin ich wirklich eine so gute Schauspielerin?
Habe ich das von meiner Mutter gelernt?
Warum kann ich mich nicht ans Schauspielern erinnern?
Kann man das unbewusst machen?
Wie funktioniert das Unbewusste?
Kann man überhaupt etwas definieren, das nicht bewusst ist?

Wie werden Erinnerungen abgespeichert?
Können Emotionen auch Erinnerungen sein?
Wie kann es passieren, dass eine Erinnerung verschwindet?
Wie holt man sie wieder hervor?
Ist es gut, sie hervorzuholen?
Oder sollte man sie ruhen lassen?
Gibt es Momente, in denen es Sinn macht, sie hervorzuholen?
Und andere, in den man sie ruhen lassen sollte?

Wie funktioniert Lernen?
Was ist eine neuronale Autobahn?
Funktionieren neuronale Verbindungen wie Pheromonspuren von Ameisen?
Kann mir das jemand erklären?
Oder werden die anderen dann ungeduldig?
Stelle ich zu viele Fragen?
Wann ist Fragen sinnvoll?
Wann nicht?
Gibt es Dinge, die man besser nicht wissen sollte?
Ist das Leben einfacher, wenn man keine Fragen stellt?

Soll ich diese Liste verbrennen?
Wohin gehen die Fragen, wenn ich die Liste zerstöre?
Können die Fragen ohne die Liste existieren?
Oder verschwinden sie dann?
Wohin?
Ins Unbewusste?

Warum sind die Informatikkenntnisse abge­spalten?
Warum habe ich so viel Angst vor Mathe?
Bin ich dissoziiert oder in Trance, wenn ich Mathe und Informatik mache?
Warum kann ich die Fähigkeiten nicht abrufen?
Warum kann ich nicht zwischen Sprachen übersetzen?
Warum bin ich so, wie ich bin?

Was ist der Unterschied zwischen Trance und Dissoziation?
Und wie unterscheidet sich das von der Halluzination?
Was ist ein Flashback?
Kann ein Flashback auch nur emotional sein?
Ohne Bilder?
Was passiert da im Gehirn?
Wer kann mir das erklären?

Warum konnte ich mich nie mit anderen Men­schen verbunden fühlen?
Oder habe ich mich verbunden gefühlt und es vergessen?

Warum lebe ich unter einer Glaskuppel, obwohl ich keine Medis mehr nehme?
Kommt das vom Mediabsetzen?
Warum ist das Leben so anstrengend?
Warum ist es mir im letzten Jahr besser gegangen?
Warum geht es mir jetzt so beschissen?
Wie komme ich wieder an meine Gefühle ran?

Hat mich meine Mutter manipuliert?
Wenn ja, wie?
Welchen Schaden kann man mit hypnosystemischen Fragetechniken bei einem Kind anrichten?
Was war mir meiner Mutter los?
Was hat mein Vater mir angetan?
Oder waren es die Au-Pairs?

Wie komme ich aus diesem Zustand raus?
Warum habe ich nie jemandem vertrauen können?
Wer kann mir diese Fragen beantworten?

Bin in hochbegabt?
Wie unterscheidet sich das Gehirn von Hochbegabten?
Wie denken Hochbegabte?
Kann man Hochbegabung simulieren?
Was, wenn ich nicht hochbegabt sein will?
Kann ich dann einfach normal sein?
Darf man sich im Leben aussuchen, wer man sein möchte?
Wäre das gut?
Was hätte das für Auswirkungen auf die Menschheit?

Wie kann ich den Widerstand gegen diesen Zustand auflösen?
Wie komme in in die Akzeptanz?
Muss man wirklich alles akzeptieren?
Wie geht das Leben weiter?
Was muss ich tun, damit ich nicht mehr dissoziiere?
Ist das überhaupt eine Dissoziation?
Wie weiss man das?
Wie kann ich ohne Medikamente meine Gedanken beruhigen?
Würde Achtsamkeit helfen?
Oder Mantras?
Ukulele spielen?
Schreiben?
Wie komme ich wieder ins Selbstmitgefühl?

Wer bin ich?
Habe in andere Anteile?
Wer sind sie?
Oder sind sie eine Illusion?
Warum verstehe ich die Welt nicht?
Warum verstehe ich die anderen Menschen nicht?
Bin ich überhaupt ein Mensch?

Warum macht mir meine Fantasie so viel Angst?
Was ist Realität?
Relativ oder absolut?
Beides?
Was ist meine Realität?
Welcher Realität soll ich vertrauen?
Kann ich mir selber vertrauen?
Wem kann ich vertrauen?

Soll ich aufhören mit der Innenschau?
Oder ist das eine Problemlösungsstrategie?
Wie weiss man, was in einer Situation richtig ist?
Woran erkenne ich, wenn ich mich „dumm“ stelle?

Wie kann ich authentisch sein?
Wann bin ich authentisch, wann nicht?
Warum kann ich manchmal nicht aussprechen, was ich eigentlich sagen möchte?

Sind das blöde Fragen?

Warum konnte ich so lange nicht selber denken?
Warum musste ich die Gedanken von anderen denken?
Wurde ich mit Hypnosemethoden „programmiert“?
Wenn ja, wie?
Ist das überhaupt möglich?
Ist diese Frage paranoid?
Wer kann mir erklären, was bei einer Hypnose passiert?
Was passiert bei Hypnose mit Kindern?
Können dann neuronale Autobahnen entstehen?

Hat meine Mutter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?
Was hat diesen Zustand ausgelöst?

Warum weiss ich nicht mehr, wer ich früher war?
Woher kommen die „falschen“ Erinnerungen?
Könnte es nicht doch eine Art Trance sein?
Wie funktioniert das false memory syndrome?
Was passiert da im Gehirn?
Wie wird es ausgelöst?

Wie funktioniert Kreativität?
Hat Kreativität etwas mit den Gehirnwellen zu tun?
Oder sind es neuronale Verbindungen?
Oder befindet sich Kreativität in den Synapsen?
Ist Kreativität chemisch oder elektromagnetisch?
Oder beides?
Kann man gleichzeitig kreativ und rational sein?

Wie funktioniert Intuition?
Kann man ihr vertrauen?

Kann ich meinen Gefühlen vertrauen?
Ohne Bilder und Erinnerungen?
Warum ist alles so kompliziert?
Wer kann mir helfen?
Wie komme ich wieder an meine Ressourcen ran?
Habe ich überhaupt Ressourcen?
Oder sind Ressourcen ein Konstrukt der Psychologen?
Welchen Konstrukten kann man vertrauen?
Wie überprüft man ein Konstrukt?

Warum denke ich, dass die Leute diese Fragen blöd finden werden?
Warum denke ich, dass niemand mir diese Fragen wird beantworten wollen?
Bin ich zu dumm?
Verstehe ich deshalb nichts?
Stellen sich andere Menschen auch solche Fragen?
Wenn ja, warum sagen sie es nicht?
Darf man überhaupt solche Fragen stellen?
Oder ist das verboten?
Darf man verbotene Dinge trotzdem tun?
Was sind die Konsequenzen?
Muss es immer Konsequenzen geben?
Gibt es Dinge, die keine Konsequenzen haben?
Wenn ja, welche?

Warum gibt es Gedanken, die ich nicht denken darf?
Kann man Menschen das Denken verbieten?
Muss denken immer weh tun?
Oder ist das bei anderen Menschen anders?
Warum tut mir das Denken weh?
Warum denke ich die Gedanken von anderen?
Warum darf ich nicht selber denken?
Ist denken verboten?
Wurde mir das Denken verboten?
Oder wurden mir Gedanken eingepflanzt?
Geht das überhaupt?

Ist die Welt deterministisch?
Was können wir darüber von der Quantenphysik lernen?
Oder vom radioaktiven Zerfall?
Lässt sich der Fall einer Schneeflocke berechnen?
Und von einer Million Schneeflocken?
Kann ein Schmetterling einen Sturm auslösen?
Warum löst nicht jeder Schmetterling einen Sturm aus?
Ist es wichtig, ob die Welt deterministisch ist?
Sollte mir das nicht einfach egal sein?

Wünsche ich mir, dass die Welt deterministisch ist?
Warum?
Möchte ich die Welt kontrollieren?
Geht das überhaupt?

Wer kann meine Fragen beantworten?
Ein Philosoph?
Ein Naturwissenschaftler?
Ein Mönch?
Ein Hund?
Ein Schriftsteller?
Hilft es mir, eine Antwort zu finden?
Oder soll ich die Fragen einfach stehen lassen?
Kann man diese Fragen einfach stehen lassen?

Ist es möglich, mit diesen Fragen zu leben?
Wie?

Und jetzt?