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Praktikum: Check!

Ich habe das Praktikum in L. hinter mir! Ich kann es kaum glauben. Ich bin ehrlich gesagt stolz auf mich, dass ich es durchgezogen habe, obwohl es mir nicht gefallen hat. Vor ein paar Jahren noch hätte ich abgebrochen. Damals lebte ich noch nach dem Spassprinzip.

Sonst geht es mir gut. Ich bin immer noch ein bisschen im Stress. Nächste Woche habe ich Schule für die Peer Ausbildung. Aber das wird nicht so anstrengend. Danach kommen die Weihnachtsferien. Zwei Wochen frei, da freue ich mich darauf.

Gestern war ich bei Sab. und wir haben die Therapieziele besprochen. Sie war begeistert davon, dass ich die Ziele so formuliert habe. Mit der Traumatherapie will sie jedoch noch warten, bis ich stabiler bin. An den Stimmen werden wir jedoch weiter arbeiten und auch die anderen Punkte werden wir angehen.

Was die Zusammenarbeit mit Wo. betrifft, ist Sab. immer noch unsicher. Sie will nochmals einen Termin vereinbaren, da sie sich mit ihm (noch) nicht wohlfühlt. Wahrscheinlich werden wir also übernächste Woche einen gemeinsamen Termin haben. Ausserdem werde ich vielleicht noch die Psychiaterin vor Weihnachten treffen, mit der Sab. arbeitet. Ich bin gespannt, was sie zu meinen Medikamenten sagt.

Morgen werde ich mich meinen Haaren widmen. Eine gute Freundin von mir ist Coiffeuse und sie wird mir die Haare schwarz färben mit blauen Strähnchen. Ich bin gespannt wie das wird. Ich habe schon seit über einem Jahr nicht mehr mit meinem Haar herumexperimentiert. Ich färbe es normalerweise einfach schwarz und trage es kurz. Früher hatte ich lange Haare und auch schon jede Menge verschiedene Farben. Am liebsten mochte ich pink. Aber das musste ich jede Woche nachfärben, das war auch anstrengend.

Naja, jedenfalls gehe ich mit neuem Look in die nächste Woche!

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Nur noch eine Woche!

Das Praktikum dauert nur noch eine Woche! Dann habe ich es geschafft! Endlich!

Ganz ehrlich, es war ganz schön anstrengend. Ich wurde vom Team wie Luft behandelt. Statt den Patienten ein Gespräch mit mir zu vermitteln, organisierten die Bezugspersonen aus der Pflege Gespräche mit den externen Peers. Dabei arbeite ich auf Station und biete auch Einzelgespräche an.

Ein Pfleger hat mir einen Patienten zugewiesen. Und die Arbeit mit diesem Patienten war sehr schön und interessant. Auch sonst hatte ich gute Gespräche mit den Patienten. Aber immer musste ich mich darum bemühen, in ein Gespräch zu kommen. Ich musste Leute finden, die „bereit waren“, mit mir ein Einzelgespräch zu führen.

Auch in den Therapiegruppen, in denen ich mitmache, muss ich die Therapeuten fast dazu zwingen, mir die Möglichkeit zu geben, dass ich mich kurz vorstellen darf. Und als Co-Therapeutin Stichworte aufschreiben darf ich auch nicht. Dazu bin ich als Peer Praktikantin nicht qualifiziert.

Ich bin froh, dass das Praktikum bald vorbei ist. Im Januar werde ich ein weiteres Praktikum in M. machen. Da hat es mir im Schnupperpraktikum schon gut gefallen. Da freue ich mich drauf!

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Termin bei Sab.

Innere Anteile

Heute hatte ich zwei grosse Themen bei Sab. Das erste Thema war das Gespräch mit Wo. Ich erzählte von den inneren Anteilen, davon, dass die Diplomaten die Anteile vertreiben und deshalb nicht hilfreich sind. Dass ich die Medikamente absetzen soll, um unterdrückte Anteile hervorzuholen. In einem Gespräch stellte Wo. die ganze Arbeit von Sab. und E. in Frage.

Das erste Argument gegen die Arbeit mit den inneren Anteilen mit Wo. ist die Angst. Ich will nicht irgendwelche traumatisierte Anteile kennenlernen. Was, wenn es mich destabilisiert? Wenn ich in die Psychose zurückfalle? Wo. ist nur drei Tage pro Woche da, wer wird mich also dann auffangen? Ich will auf jeden Fall am Trauma arbeiten, aber mit Sab. Ihr Vertraue ich. Wo. nicht. Das ist der zweite Punkt.

Das dritte Argument ist, dass Wo. ganz klar seine Grenzen überschreitet. Er ist nicht mein Therapeut. Die Therapie mache ich bei Sab. Er ist meine Bezugsperson. Mit der Bezugsperson bespricht man das Leben im Alltag. Die aktuellen Probleme, die im „normalen“ Leben auftauchen. Auch über Medikamente weigere ich mich mit Wo. zu reden. Die Medikamente bespreche ich mit E. und eventuell mit We., die Psychiaterin, die für Sab. delegiert, die ich aber noch nie gesehen habe.

Oh Mann… im Ernst… Wo. ist Kunstpädagoge. Der hat vielleicht ein paar Bücher gelesen, aber hat keine therapeutische Ausbildung. Ich bin gerne bereit, bei ihm eine Art Kunsttherapie zu machen. Das wäre sogar cool. Aber innere Anteile? Nein, danke.

Ich werde nun nächste Woche das Gespräch mit P. suchen. Und dann gemeinsam mit P. und Wo. besprechen, was ich von meiner Bezugsperson erwarte.

Der Pädophile

Das zweite Thema, das ich mit Sab. besprochen habe, war ein Patient, den ich in der Klinik betreue. Ich nenne ihn Lenny. Meine Intuition sagt mir, dass er seine Tochter sexuell missbraucht. Ich bin überzeugt davon. Aber vielleicht ist es auch eine psychotische Überzeugung.

Als ich das erste Mal ein Einzelgespräch mit Lenny hatte, waren wir spazieren. Er lief immer auf meiner Seite und kam mir unangenehm nah. Ausserdem fragte er mich immer wieder ob ich einen Freund habe und warum ich keinen habe. Beim zweiten Spaziergang zeigte er mir ein Bild seiner 15-jährigen Tochter. Ich sagte, dass sie hübsch sei. Und er sagte: „Ja, sie ist wunderschön, ich weiss. Und sie weiss es auch“. Das machte mich etwas stutzig. Auch bei diesem Spaziergang lief er immer auf meiner Seite. Als wir dann an einer jungen Frau vorbeiliefen, die Sportübungen auf dem Vita-Parcours machte, fragte er mich, ob wir nicht etwas langsamer laufen können und dann drehte er sich mehrmals um und schaute dieser Frau auf den Arsch.

Ich weiss, ich weiss, das beweist nicht, dass er Pädophil ist. Aber bei mir leuchteten alle Alarmzeichen auf. Jetzt weigere ich mich, weiter mit Lenny zu arbeiten. Sab. sagte, ich solle das einfach so dem Stationsleiter mitteilen, ganz ohne Begründung. Sab. meint, ich soll auf meine Intuition hören. Vielleicht ist er nicht pädophil, aber er triggert mich und ich soll mich von ihm fernhalten.

 

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Innere Anteile

Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit meiner neuen Bezugsperson Wo. Wir sprachen über innere Anteile und darüber, ob die Stimmen zu mir gehören oder von aussen kommen. Das Gespräch war aus „intellektueller“ Sicht interessant, inhaltlich weiss ich aber nicht, was ich davon halten soll.

Wo. erzählte mir, dass jeder Mensch innere Anteile hat und dass, je nach Situation, ein anderer Anteil das Kommando übernimmt. Jeder Anteil hat seine Aufgabe und seine Daseinsberechtigung.

Wo. sieht seine Aufgabe darin, meine inneren Anteile ins System zu integrieren. Insbesondere die abgespaltenen Anteile, also die Stimmen, müssen integriert werden. Er meinte auch, dass die Medikamente innere Anteile unterdrücken, und dass man, wenn man die Medikamente absetzt, mit den Anteilen arbeiten und diese ebenfalls integrieren kann. Wenn diese Anteile integriert werden, dann kommt es auch nicht mehr zu einem Rückfall.

Ich habe jedoch grossen Respekt davor, die Medikamente abzusetzen. Jetzt, wo ich stabil bin, will ich es nicht riskieren, wieder rückfällig zu werden. Ich werde mit E. darüber reden. Ausserdem werde ich irgendwann in der nächsten Zeit, einen Termin mit der Psychiaterin haben, die für Sab. delegiert. Von ihr werde ich eine zweite Meinung für die Medikamente einholen.

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Interview

Ich habe ein Kurzinterview mit Frau Dr. med. B. (FMH für Psychiatrie und Psychotherapie) gemacht und möchte dieses hier mit ihrem Einverständnis veröffentlichen.

Wie lange arbeitest du schon mit psychisch erkrankten Klienten?

Ich bin seit mehr als 30 Jahren tätig in der Psychotherapie.

Was bedeutet für dich Gesundheit?

Gesundheit ist eine gute Balance zwischen Belastung und Ressourcen. Es geht darum, die Anforderungen des Lebens so zu meistern, dass ich mich immer wieder nach dem Stress genügend erholen kann. Gleichzeitig gilt es, die Freude am Leben nicht zu verlieren und dabei ein für mich sinnvolles Leben auch in der Gemeinschaft zu leben.

Wann betrachtest du jemanden als psychisch krank?

Die Grenzen  zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit sind nicht starr. Sie können fliessend, temporär starrer oder durchlässiger sein. Der kranke Zustand ist ganz oder teilweise reversibel.

Wie ist es für dich, mit Betroffenen zu arbeiten?

Ich habe gerne mit Betroffenen und deren Familien gearbeitet, weil es Spass macht, mit den Betroffenen zusammen, deren verschüttete Stärken erneut auszugraben.

Wie kannst du dich von den Klienten abgrenzen?

Ich habe mich immer als Hilfe zur Selbsthilfe gesehen, um die bereits beim Betroffenen vorhandenen Stärken zu mobilisieren. Wenn man den Betroffenen etwas zutraut, kann man sich recht gut abgrenzen.

Was würdest du an der Behandlung von psychisch Kranken ändern wollen?

Wichtig ist es, vor allem die Stärken und Ressourcen der Patienten herauszuarbeiten und Hoffnung vermitteln.

Wie versuchst du, den Betroffenen zu helfen?

Die Betroffenen ernst nehmen, ihnen Kompetenz zuschreiben und ihnen Hoffnung geben. Und das alles mit etwas Humor.

Was hältst du von Recovery?

Recovery halte ich für unumgänglich und sehr hilfreich.

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Therapieziele

Jetzt ist es schon zweieinhalb Jahre her, seit ich das letzte Mal meine Therapieziele definiert habe (diese sind hier zu finden). Damals ging es vor allem darum, einen Umgang mit meinem (psychotischen?) Erleben zu finden. Obwohl sich nicht alle Probleme gelöst habe, so hat sich die Situation doch in allen Punkten verbessert:

  1. Mit den Stimmen umgehen lernen: Ich habe inzwischen einen Umgang mit meinen Stimmen gefunden. Meistens ist es schwierig und schmerzhaft, oft ist es ein Kampf und manchmal erdrücken mit die Stimmen und Gedanken so sehr, dass ich nicht einmal aus dem Bett komme. Aber ich habe trotzdem gelernt, wie ich damit leben kann.
  2. „Resozialisation“: Meine Fähigkeit, mich sozial im Leben zu beteiligen hat sich wesentlich verbessert. Ich kann jetzt im Esssaal mit den anderen Mittagessen. Ich kann an Gruppentherapien in der Klinik teilnehmen und diese sogar leiten. Ich kann auch Smalltalk führen. Ich bin definitiv viel sozialkompetenter als früher.
  3. Abgrenzung und Vertrauen: Es fällt mir immer noch schwer, mich von anderen Leuten abzugrenzen und meinen Wahrnehmungen zu vertrauen. Oft verwirren mich ihre Gedanken und ihre Worte und vermischen sich mit meinen eigenen Gedanken und Stimmen. Trotzdem habe ich gelernt, mich abzugrenzen, vor allem im Gespräch mit Patienten in der Klinik. Ich würde mir jedoch wünschen, weiter an diesem Thema zu arbeiten.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was ich von der Therapie erwarte, dann fällt es mir schwer, dies zu formulieren. Ich möchte wieder „Mensch“ sein. Ich möchte wieder am „Leben teilnehmen“. Doch was brauche ich dafür? Woran möchte ich arbeiten?

  • Die Stimmen verstehen lernen: Wirklich verstehen, woher sie kommen und was ihre Ziele sind. Vielleicht kann ich damit auch bessere Strategien entwickeln, um mit ihnen umzugehen
  • „Trauma“: „Verarbeitung“, Desensibilisierung, Umgang mit Ängsten, Albträumen, Flashbacks
  • Mich selber besser kennenlernen: Selbstvertrauen aufbauen, mich selbst wiederfinden, „mehr“ sein als die Erkrankung, Gesunde Anteile fördern, weg von der Überidentifikation mit der Erkrankung, mich nicht mehr hinter der Krankheit verstecken.
  • Umgang mit den Gedanken und Emotionen anderer: Hier geht es wieder um Abgrenzung. Ich kann die Gedanken der anderen, die ich höre und oft nicht einordnen, weil sie nicht dem Gesagten entsprechen. Das löst oft in mir einen Konflikt aus, dadurch wiederum werden oft auch Stimmen ausgelöst, die ihrerseits bei mir Ängste und Spannungen hervorrufen. Dasselbe gilt für die Emotionen anderer, die oft widersprüchlich sind und nicht dem Gesagten oder Gedachten entsprechen. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass die Anderen, meine eigenen Gedanken auch hören können. So findet oft ein „stummer“ Dialog der Gedanken statt, der von aussen nicht wahrgenommen wird, jedoch bei mir sehr viel Unsicherheit verursacht.
  • Stabilität erhalten und Rückfälle frühzeitig abfangen: Obwohl ich meistens selber erkenne, wann ich mich überfordere, brauche ich doch jemanden, der mich dabei unterstützt. Die Angst vor einem Rückfall ist nach wie vor sehr gross und ich möchte weitere Klinikaufenthalte wenn möglich vermeiden.

Diese Liste ist wahrscheinlich noch unvollständig und ich werde sie noch ergänzen, wenn mir noch etwas in den Sinn kommt. Der morgige Termin bei Sab. fällt aus, weil sie die Grippe hat. Also habe ich noch eine ganze Woche Zeit, die Ziele zu definieren und kann diese auch noch mit Wo. besprechen.

Ich freue mich auf jeden Fall auf die weitere Zusammenarbeit mit Sab. und bin zuversichtlich, dass wir die neuen Themen gemeinsam werden bearbeiten können.

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Psychose und Schizophrenie

Seit ich mich vermehrt mit psychischen Erkrankungen auseinandersetze, sei es in der Peer-Ausbildung, im Psychose-Seminar (ich habe ganz vergessen zu erwähnen, dass ich seit einem Monat ein trialogisches Psychose-Seminar besuche, das alle zwei Wochen in Z. stattfindet) oder in der Stimmenhörerbewegung, werde ich immer wieder mit der Aussage konfrontiert, dass eine Psychose eigentlich „gar nicht so schlimm“ ist. Die beiden Leiter der Peer-Ausbildung haben „Psychose-Erfahrung“, nehmen jedoch seit Jahren keine Medikamente mehr und sind trotzdem „gesund“. Auch im Psychose-Seminar hat es Leute, die ohne Medikamente seit 10 Jahren oder so keine Psychose mehr hatten und als „geheilt“ gelten. Viele Mitbetroffene können auch ganz normal arbeiten.

Auch in der Stimmenhörerbewegung scheinen die meisten gut mit ihren Stimmen leben zu können. Sie haben Strategien entwickelt, so dass die Stimmen sie im Alltag kaum mehr einschränken. Viele empfinden ihre Stimmen auch als „bereichernd“. Andere haben Ursachenforschung betrieben und konnten damit die Stimmen ganz zum Verschwinden bringen.

Und ich? Ich fühle mich irgendwie verarscht. Meine Psychose verläuft nicht schubweise und verschwindet nach zwei Wochen von selber wieder, wie es Dorothea Buck in ihrem Buch anscheinend beschreibt (ich habe das Buch nicht gelesen). Meine Stimmen lassen sich nicht mit irgendwelchen Methoden besänftigen, sondern verlangen meine ganze Aufmerksamkeit, wenn sie auftreten. Ich kann ihnen nicht sagen, sie sollen doch bitte um 17 Uhr wieder kommen. Ich kann nicht normal arbeiten. Ich kann im Alltag nicht „funktionieren“, wie wenn nichts wäre.

Es scheint mir, wie wenn sich die „wirklich Kranken“ nicht in diesen Kreisen (Peer-Ausbildung, Psychose-Seminar und Stimmenhörerbewegung) bewegen. Vielleicht sind sie gar nicht fähig dazu, vielleicht fühlen sie sich auch verarscht. Vielleicht interessiert es sie nicht. Vielleicht findet man sie in den Klinken und den Wohnheimen, wo sie untergebracht sind. Ich weiss es nicht.

Ich habe heute mit Sab. darüber gesprochen. Sie hat gemeint, dass es schon einen Unterschied gibt, zwischen einer Schizophrenie und einer Psychose, die in einem anderen Zusammenhang auftaucht. Eine Psychose im Rahmen einer Borderline Persönlichkeitsstörung oder einer Depression sei leichter zu überwinden und weniger einschneidend. Ausserdem hat ein schubweiser Verlauf eine ganz andere Prognose bezüglich Arbeitsfähigkeit.

Mich macht die ganze Diskussion einfach unsicher. Soll ich es auch ohne Medikamente versuchen? Werden die Stimmen einfach so weggehen? Muss ich nur hart genug an mir arbeiten?

Blah.