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Besser

Es geht mir… besser. Die Flashbacks sind weniger geworden. Mit Sab. habe ich auch geübt, besser mit ihnen umzugehen. Wir haben zusammen Erdungsübungen gemacht und den Sicheren Ort aufgesucht. Damit konnte ich den Flashbacks ein bisschen entgegenwirken. Sobald ich mich genügend stabilisiert habe, werden wir anfangen, das Trauma anzugehen. Ich glaube, ich bin bereit dazu. Ich will endlich aufhören, in der Vergangenheit zu leben, Opfer zu sein. Ich will leben. Im Hier und Jetzt. Das Leben geniessen können. Mit dem Trauma abschliessen. Ich weiss, das ist ein langer Weg bis dahin. Aber irgendwann muss ich den ersten Schritt gehen.

Ich war jetzt eine Weile krankgeschrieben und habe nicht gearbeitet. Am Montag will ich wieder arbeiten. Ich bin jetzt auf einer neuen Station. Einer Station für Sozialpsychiatrie. Vorher war ich auf einer Akutstation. Auf der neuen Station werde ich länger mit den Patienten arbeiten können, da die Aufenthaltsdauer länger sein wird. Das wird sicher interessant, aber auch herausfordernd. Zusätzlich werde ich weiterhin die Recovery-Gruppe anbieten, das macht mir eigentlich viel Freude. Dennoch zweifle ich ein bisschen daran, ob ich das auch wirklich schaffen werde. Ich bin immer noch sehr mit meinen eigenen Themen beschäftigt. Die Stimmen und die Flashbacks sind immer noch da. Ich weiss nicht, ob ich mich genügend nach Aussen orientieren kann.

Ich will mich aber auch nicht weiterhin krankschreiben lassen. Daheim sitzen und nichts tun, tut mir auch nicht gut. Das kenne ich auch von früher. Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeiten meines Blogs, als ich die ganze Zeit nur daheim verbrachte und krankgeschrieben war. Das war sehr schlimm für mich. Ich verbrachte die ganzen Tage vor dem Fernseher und tat nichts. Auch jetzt ist der Fernseher mein bester Freund, wenn meine Mitbewohnerin nicht daheim ist. Das ist nicht gut.

Zum Glück habe ich noch die Hunde. Die müssen morgens raus. Dann komme ich wenigstens aus dem Haus. Aber sobald ich nach Hause komme, schlüpfe ich in meine Trainerhosen, mache mir Kaffee und lege mich auf die Couch. Dann bewege ich mich nicht mehr, bis meine Mitbewohnerin nach Hause kommt. Dabei gibt es so viel, was ich tun könnte. Ich könnte lesen, ich habe vor Kurzem mit Handlettering angefangen, ich könnte malen, ich habe noch eine leere Leinwand, ich könnte etwas basteln, ich könnte mit den Hunden einen längeren Spaziergang machen. Aber ich kriege es einfach nicht hin.

Naja, jedenfalls fängt am Montag der Alltag wieder an. Ich hoffe, ich packe das. Ausserdem habe ich die Daten für die Schulvorträge bekommen, in denen ich meine Geschichte erzähle, werde im Juni zudem einen Vortrag in einer Firma halten und im Oktober einen Workshop in einem Wohnheim organisieren. Im September werde ich eine Radiosendung zum Thema Stimmenhören mitgestalten, da am 14. September der Welt-Stimmenhörer-Tag ist.

Soweit so gut. Das Leben geht weiter. Und ich bin irgendwo mittendrin.

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Grmpf

Ich habe mich immer noch nicht von der Ohnmacht erholt. Meine Psyche ist weiterhin im Alarmmodus. Nachts fällt es mir schwer zu schlafen, weil ich Angst habe vor den Albträumen. Tagsüber habe ich Angst das Haus zu verlassen, weil ich fürchte, ein Flashback zu haben.

Die Arbeit in der Klinik kriege ich geradeso noch hin. Ich darf nicht ausfallen und mich krankschreiben lassen, nicht schon wieder. Ich habe Angst, dass sie mir sonst kündigen mit der Begründung, ich sei nicht fit genug für den Job. Deshalb schleppe ich mich zweimal pro Woche dorthin. Ich mache jedoch nur das Nötigste, ich bereite meine Recovery-Gruppe vor, lese die Verlaufseinträge und gehe immer wieder raus zum Rauchen. Für Einzelgespräche habe ich im Moment einfach nicht die Kraft.

Ich habe schon mit E. darüber gesprochen. Er hat mir Trazodon verschrieben. Es hilft nicht wirklich zum Schlafen, aber die Panik nachts beim Erwachen aus dem Albtraum ist etwas weniger stark. Das ist schon viel wert. Besser wird es nicht. Ich hatte schon so viele Medis zum Schlafen, die alle nichts gebracht haben.

Den nächsten Termin bei Sab. habe ich erst in einem Monat. Aber ich habe ihr ein Email geschrieben, dass es mir nicht gut geht. Eigentlich wollte ich sie nicht damit belästigen, aber in meiner Verzweiflung wusste ich einfach nicht mehr weiter. Sie hat dann auch sofort geantwortet und mich heute angerufen. Wir haben darüber gesprochen, was ich brauche, um mich zu erden, um aus den Flashbacks und den Albträumen herauszukommen. Sie hat mir eine Skillsliste geschickt. Eigentlich hasse ich das Wort Skills, aber in meiner jetzigen Situation ist es wohl das Einzige, was helfen kann. Ich soll die Skills jetzt einüben, damit ich sie dann im Notfall anwenden kann.

TRIGGER

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Aber wie ich die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf kriegen kann, damit konnte mir Sab. nicht helfen. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer wieder, wie die Täter, meistens 3 oder 4, mich brutalst vergewaltigen. Wie sie mich festhalten, mich zwingen in einer Position zu bleiben, um mit stechenden Schmerzen in mich einzudringen. Wie sie mich anfassen mit ihren dunkelhäutigen Händen und sich beim Zuschauen einen herunterholen und mir nachher das eklige Zeug ins Gesicht spritzen. Die Ohnmacht, die ich in dieser Situation spüre, versetzt mich in Angst und Panik. Ich will nie, nie, nie wieder so ausgeliefert sein.

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Die Bilder und Gedanken verfolgen mich. Ich weiss nicht, wie ich das aushalten soll. Ich versuche, stark zu sein. Aber in mir drin fühle ich mich schwach und verletzlich.

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Ohnmacht

Die letzten Wochen auf der Arbeit in der Klinik waren sehr turbulent. Wir hatten einen Suizid und einen Vorfall mit einem Angriff auf die Assistenzärztin, bei dem die Patientin danach von mehreren Pflegern gehalten und ins Iso verfrachtet werden musste. Ausserdem hat sich eine Patientin am Montag, als ich allein auf Station war, tief geschnitten und musste zum Nähen ins Spital.

Und Lou sagt, alles sei meine Schuld. Wenn ich mich nicht umbringe, dann wird noch viel mehr und noch viel Schlimmeres geschehen.

Ich weiss, Lou hat unrecht. Aber ein kleiner Zweifel bleibt. Bin ich wirklich Schuld daran? Hätte ich nicht all diese Vorfälle verhindern müssen?

Vor allem die Schnittverletzung, hätte ich da nicht mehr auf die Patientin eingehen müssen? Sie hat gesagt, dass sie Schneidedruck hat. Da ich alleine auf Station war und die anderen Pfleger in der Visite sassen, musste ich in die Visite anrufen, damit sie ein Reservemedi kriegt. Dies hat sie dann auch bekommen. Eine halbe Stunde später stand sie wieder da, um nochmals ein Medi zu kriegen, doch diesmal sagte der Pfleger, sie müsse bis nach der Visite warten. Daraufhin habe ich mich mit ihr hingesetzt und wir haben besprochen, was sie jetzt tun könnte. Wir waren dann noch eins rauchen und dann sagte sie, sie wolle sich ein bisschen hinlegen und ging ins Zimmer. Zehn Minuten später kam sie mit einer tiefen Schnittverletzung ins Büro.

Am Freitag haben wir mit Sab. die Situationen angeschaut und besprochen. Sab. wollte daraufhin noch mit Lou reden, was ich zugelassen habe. Lou sagte, dass ihm vor allem diese Ohnmacht zu schaffen macht und dass für ihn der einzige Weg aus dieser Ohnmacht der Tod ist. Sab. meinte, dass sich das Muster von dieser Ohnmacht bereits beim Trauma entwickelt hat, in dem Lou gesagt hatte, dass er lieber sterben wolle, als den Missbrauch weiter zu ertragen.

So weit so gut. Auf dem Heimweg von der Therapie war noch alles ok. Auch am Abend ging es mir gut. Doch in der Nacht hatte ich, seit langem wieder einmal, einen heftigen Albtraum. Der Traum war so real, dass ich mich um Jahre zurückgeworfen fühlte. Gestern verbrachte ich den ganzen Tag im Zombie-Modus, hatte ein Flashback nach dem anderen und spürte diese Ohnmacht im ganzen Körper.

Heute fühle ich mich wie ein verwundetes Reh, ausgeliefert, schwach, ängstlich. Ich will nicht in diese Opferrolle gedrängt werden. Ich will ein „Survivor“ sein. Ich will stark sein. Ich will lernen, diese Ohnmacht zu besiegen.

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Jahresrückblick

Im letzten Jahr ist viel passiert, vieles hat sich verändert, einiges hat sich getan, im Innen wie auch im Aussen. Ich habe in den letzten Monaten nicht viel geschrieben und dieser Post liegt auch schon seit Ende Dezember bei mir im Entwürfe-Ordner. Ich habe gedachte, ich poste ihn trotzdem, auch wenn wir schon Februar haben.

Im Januar 2018 habe ich ein weiteres (freiwilliges) Praktikum in der Klinik in M. angefangen. Ich habe mich da wohlgefühlt, durfte von Anfang an meine eigene Recovery-Gruppe leiten und war voll im Team integriert. Ausserdem habe ich im Januar Toby, meinen Hund erhalten. Er war ein Jahr alt und stammte aus Ibiza, wurde aber von einer seriösen Organisation in die Schweiz vermittelt. Der Tierarzt, der Lucky das Kreuzband operiert hat, hat uns die Organisation empfohlen. Mit Toby habe ich einen Glückstreffer gelandet. Er ist so lieb und fast ein bisschen zu brav und ruhig, im 2019 will ich ihn zum Therapiehund ausbilden.

Im Februar hatte ich einen kleinen Durchhänger, nachdem wir in der Peer-Ausbildung das Thema Krisenintervention und Suizidalität durchgenommen haben. Dabei haben wir Rollenspiele gespielt, die zum Teil ziemlich realitätsnah waren, das hat mich getriggert. Ausserdem habe ich gemerkt, dass mich das Praktikum in M. mehr Energie kostet als anfangs gedacht, so dass ich beschlossen habe, die Arbeit auf dem Bauernhof auf ein Minimum zu reduzieren. Im Februar war mein Vater bei der Krebsvorsorgeuntersuchung, alles war gut, er war weiterhin kerngesund.

Der März brachte mir viele schöne Momente beim Praktikum. Eine Patientin, die schwer depressiv war, hat sich mir geöffnet und ich hatte das Gefühl, dass ihr die Gespräche mit mir wirklich gut getan haben. In meiner Therapie mit Sab. haben wir im März beschlossen, uns intensiver mit den Stimmen auseinanderzusetzen. So kam es, dass Sab. zum ersten Mal direkt mit Anil gesprochen hat. Das Gespräch war ziemlich aufschlussreich. Ich erfuhr, dass Anil eigentlich nur einen besseren Menschen aus mir machen möchte, dies jedoch auf sehr „aggressive“ Art kommuniziert. Mit Sab. wollen wir versuchen, Anil dazu zu bringen, mich auf positive Weise zu motivieren. Die Stimmen haben sehr heftig auf dieses Gespräch reagiert, so dass ich danach ein paar Wochen brauchte, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ausserdem habe ich mir im März ein Phönix-Tattoo auf den Rücken stechen lassen, als Symbol für Vergänglichkeit und Wiederauferstehung, sowie als Patronus von Dumbledore, meinem Diplomaten, der mir bei den Stimmen hilft.

Im April fand bei Sab. das erste Gespräch mit Chanita statt. Chanita hat von ihrer Angst erzählt und davon, dass sie weiss, wem ich vertrauen kann und wem nicht. Sab. hat versucht, ihr zu erklären, dass ich heute nicht mehr in Gefahr bin und dass ihre Angst oft unbegründet ist. Chanita behindert mich im Alltag, ich kann nicht mit öV fahren, ich muss grosse Menschenmengen meiden, ich kann nicht in einem normalen Laden einkaufen gehen, ich darf mit gewissen Personen nicht sprechen. Es wäre schön, wenn Chanita ein bisschen mutiger wäre. Daran arbeiten Sab. und ich noch.

Ende April fing dann der Stress mit T. an als ich einen Bezugspersonenwechsel wollte. Gleichzeitig entgleitet mir die Kontrolle über Lou, der immer lauter und dominanter wird. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das Clozapin bereits wesentlich reduziert und war sehr viel dünnhäutiger als sonst. Die Auseinandersetzung mit T. artete dann im Mai und Juni völlig aus und es ging mir immer schlechter und schlechter. Wohl nicht nur deshalb, aber ich glaube der Streit mit T. war mitunter ein wichtiger Grund, weshalb ich Ende Juni dann in der Klinik landete.

Am 25. Juni hatte ich einen Termin bei E. Mir ging es zu diesem Zeitpunkt extrem schlecht. Ich war sehr suizidal und hoffnungslos, Lou vollends ausgeliefert und wusste wirklich nicht mehr, wie ich so weiterleben sollte. E. hat jedoch verstanden, wie schlecht es mir ging und hat mich in die Klinik in R. eingewiesen. In der Klinik hat E. die Dosis des Ziprasidon erhöht, das Clozapin wieder angesetzt und sonst noch ein bisschen an meinen Medis herumgeschraubt. Ausserdem erhielt ich eine transkranielle Gleichstromstimulations-Therapie (tDCS). Das tDCS hat wirklich eine Verbesserung der Stimmen gebracht, so, dass die Stimmen weniger laut waren, nicht aber weniger aggressiv oder inhaltlich verändert.

Nach zwei Monaten verliess ich die Klinik wieder. Ein bisschen weniger suizidal, mit ein wenig leiseren Stimmen. Ich beschloss, mit Sab. an den Stimmen zu arbeiten und zu versuchen, die Traumabewältigung anzugehen. Das sind grosse Ziele und um diese zu erreichen, braucht es Zeit. Die tDCS hätte ich eigentlich nach der Klinik weitermachen sollen, aber ich habe sie dann abgebrochen. Mir ist es wichtiger, mit den Stimmen umgehen zu lernen.

Anfang September habe ich das Buch „Miracle Morning“ gelesen und mir eine Morgenroutine zusammengestellt. Diese dauert zwei Stunden und besteht aus Meditation, Hundespaziergang, Journaling und Lesen. An den Tagen, an denen ich arbeite, meditiere ich nur. Diese Morgenroutine hilft mir, den Tag positiv zu beginnen und gibt mir die Kraft und die Ausgeglichenheit, den Tag zu meistern.

Mitte September war ich mit dem Wohnheim (Bauernhof) in Andalusien. Es war supercool! Wir waren viel laufen und am Meer, was sehr schön war und ich war zwei Mal tauchen. Yay! Es war fantastisch, wieder einmal den Kopf unter Wasser zu haben und die absolute Stille zu geniessen! Obwohl das Tauchen nicht mehr zu meinen Prioritäten im Leben gehört, will ich trotzdem jede Möglichkeit nutzen, die sich ergibt.

Ende September habe ich einen Onlinekurs gemacht, in dem man seine eigene Vision kennenlernen soll und ich habe angefangen, mich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen. Im Januar 2019 habe ich dann die Rise Up and Shine University von Laura Malina Seiler gemacht und auch da viel über mich und meine Vision gelernt, aber davon werde ich in einem anderen Post berichten.

Im Oktober fing ich dann an, als offizielle Peer-Mitarbeiterin in der Klinik in M. zu arbeiten. So ganz richtig, mit Lohn und Batch und so. Die Arbeit ist toll und gefällt mir gut. Es macht mir Spass, mit den Patienten zu reden, Gruppen zu leiten, Spazieren zu gehen und Spiele zu spielen. Ich merke, wie mir die Patienten vertrauen und fühle mich privilegiert, dass sie mir dieses Vertrauen entgegenbringen.

Die Situation mit T. hat sich in der Zwischenzeit immer mehr zugespitzt und meine Mitbewohnerin M. und ich haben beschlossen, aus dem Bauernhof auszuziehen. Im November haben wir uns deshalb ganz viele Wohnungen angeschaut und uns beworben. Die Wohnungssuche war nicht ganz einfach, da wir beiden eine IV-Rente (Invalidenrente) und einen Beistand haben, sowie zwei Hunde. Wir haben aber trotzdem drei Zusagen für Wohnungen gekriegt. Bei einer, die eigentlich unser Favorit war, wurden wir im letzten Moment abgelehnt. Dafür hat uns das Universum eine andere, noch perfektere Wohnung beschieden!

Im Dezember sind M. und ich mit unseren beiden Hunden dann aus dem Bauernhof ausgezogen. Jetzt wohnen wir in einer riesigen 4.5-Zimmer Wohnung in A. Es geht mir viel besser, seit wir hier wohnen, ich fühle mich frei und glücklich und ich habe das Gefühl, dass mein Leben jetzt erst richtig beginnt. Es fühlt sich an wie ein Neuanfang…

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Arbeit und Zukunft

Langsam legt sich der Stress mit der Arbeit wieder und ich komme in einer Routine, die für mich stimmt. Zweimal pro Woche je sechs Stunden arbeiten, einmal die Woche zur Therapie, einmal ins Yoga, einmal kommt die Spitex (ambulante Psychiatrie- Pflegefachfrau) und einmal pro Woche habe ich Maltherapie. Ach ja, und die Hundeschule kommt auch noch dazu. Damit bin ich eigentlich relativ gut ausgelastet.

Natürlich könnte (sollte) ich noch auf dem Bauernhof arbeiten, aber dazu habe ich keine Lust. Seit dem Streit mit T. mag ich keine Energie mehr in den Bauernhof stecken. Die Arbeit wird ohnehin nicht geschätzt und man wird angeschrien und fertiggemacht, wenn man es nicht genau so macht, wie T. es möchte. Ja, T. schreit auch die anderen an, nicht nur mich.

Deshalb verbringe ich viel Zeit in der WG. Ich sitze am Computer und bilde mich weiter, ich lese, versuche an mir zu arbeiten und gehe viel mit den Hunden raus. Das macht mir Spass. Lange werde ich ohnehin nicht mehr auf dem Bauernhof wohnen. Wenn alles klappt, werden meine Mitbewohnerin M. und ich im Januar ausziehen. Ein Sofa haben wir schon, jetzt fehlt nur noch die Wohnung dazu!

Ich habe immer noch Schwierigkeiten, mir das Leben ausserhalb der Hofs vorzustellen, aber ich bin vorsichtig zuversichtlich, dass wir es schaffen.

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Achtung, fertig, los!

Letzten Mittwoch hatte ich meinen ersten Arbeitstag. Ich war voll nervös und konnte in der Nacht trotz Clozapin nicht richtig schlafen. Gleich als ich auf der Station ankam, wurde ich gefragt, ob ich die Recovery-Gruppe übernehmen könnte. Wow! Ich musste erstmal leer schlucken. Ich habe ja damit gerechnet, aber als ich dann da war, schien mir das trotzdem unmöglich.

Ich habe es dann doch getan. Ich habe in der Gruppe meine Geschichte erzählt, wie ich sie in den Schulklassen auch erzähle. Für drei Patienten war es einfach zu viel, sie fühlten sich mit meiner Geschichte überfordert und vielleicht auch getriggert. Sie verliessen dann die Gruppe. Die anderen waren sehr interessiert und haben viele Fragen gestellt und sich bei mir für meinen Mut und meine Offenheit bedankt.

Am Samstag war ich wieder arbeiten. Da habe ich viel mit den Patienten geredet, beim Rauchen, auf einem Spaziergang und beim Basteln. Und ich muss sagen: Die Arbeit macht mir echt Spass. Ich fühle mich nicht so gestresst, wie ich es vorher im Januar-Juni war. Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste etwas leisten, ich konnte einfach sein, sein wie ich bin. Und den Kontakt mit den Patienten pflegen.

Dass ich bei der Arbeit viel gelassener bin, könnte auch damit zusammenhängen, dass ich seit mehreren Monaten täglich meditiere. Ich weiss nicht, ob es wirklich damit zusammenhängt, aber sonst hat sich in meinem Leben nichts verändert. Jedenfalls fühle ich mich bei der Arbeit wohl und dass ist das wichtigste.

Nächste Woche werde ich zusammen mit einer Pflegerin im Rahmen einer Weiterbildung einen Vortrag zum Thema Stimmenhören halten. Sie wollte es spontan machen und will mir während dem Vortrag einfach Fragen stellen, was mir etwas Angst macht. Ich hätte es lieber gehabt, wenn ich mich hätte vorbereiten können.

Zusätzlich zu der Arbeit in der Klinik, werde ich noch mehrere Schulbesuche machen und dort meine Geschichte erzählen. Dieser Beitrag zur Entstigmatisierung ist mir sehr wichtig. Ich wäre damals, als ich erkrankte, auch froh gewesen, wenn ich gewusst hätte, was psychische Erkrankungen sind und wohin man sich wenden kann. Ich wäre dann vorbereitet gewesen und hätte entsprechend frühzeitig handeln können.

Ich habe vor einigen Monaten das Buch „Miracle Morning“ von Hal Erod gelesen und habe mir seit ein paar Wochen eine Morgenroutine zusammengestellt: Um sieben Uhr gehe ich für eine Stunde mit den Hunden raus, um acht meditiere ich eine halbe Stunde und von halb neun bis neun lese ich ein Buch oder einen Artikel oder was auch immer im Moment gerade meinem Interesse entspricht (zur Zeit ist es „Selbstbestimmt leben“ von Jorge Bucay).

Es läuft im Moment sehr viel in meinem Leben, auch privat. Ich werde zum Beispiel zusammen mit meiner Lieblingsmitbewohnerin aus dem Hof ausziehen in eine eigene Wohnung. Ein Sofa haben wir schon gefunden, jetzt fehlt nur noch die Wohnung dazu.

Ich bin bereit, in den Startlöchern. Möge das Leben beginnen 😉

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Long Time no See

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Am Anfang, weil ich in der Klinik war und es mir so richtig beschissen ging und dann, weil es mir gut ging und ich beschäftigt war, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Und zu guter Letzt, weil ich letzte Woche in Andalusien im Urlaub war. Aber erst einmal der Reihe nach.

Nach dem Klinikaufenthalt habe ich erst gedacht, es wäre alles noch so wie beim Eintritt. Ich war immer noch suizidal, ich konnte mir nicht mehr vorstellen weiterzuleben. Jede Faser in mir schrie nach dem Tod. Nach der Erlösung. Einfach weg sein. Nicht mehr leiden müssen.

Doch dann wendete sich das Blatt. Tag für Tag ging es aufwärts, jeden Tag ein bisschen besser. Ich fing wieder an, meine Morgenroutine durchzuziehen. Ich ging morgens eine Stunde mit den Hunden raus und meditierte daraufhin noch 10-20 Minuten. Ich begann zu verstehen, dass das Leben aus viel mehr besteht, als nur dem Leiden, dass ich selber mein Leben verändern kann, wenn ich will.

Ich fing an zu träumen, mir zu überlegen, was ich denn mit meinem Leben machen möchte. Trotz den Stimmen. Trotz den Flashbacks. Trotz allem, was mich daran hindert, glücklich zu sein. Ich stellte mir vor, wie ich in meiner Peer-Arbeit anderen Menschen Mut machen kann, ihnen Hoffnung geben, zeigen kann, dass das Leben auch schön sein kann, wenn man psychisch krank ist. Dass Recovery möglich ist und zwar für jeden.

Dann hatte ich eine Vision: Ich möchte so viele Leute wie möglich erreichen, alle sollen wissen, dass man trotz psychischer Erkrankung ein lebenswertes, sinnerfülltes Leben leben kann.

Ich möchte mit den Leuten reden, ich möchte Artikel schreiben, Vorträge halten, ich möchte ein Vorbild sein. Das kann ich alles nur tun, wenn ich am Leben bin.

Deshalb mache ich weiter. Ich bin motiviert und ich glaube, ich habe meine Berufung gefunden.

Ach ja, und nun das Tüpfelchen auf dem I: Ich war letzte Woche in Andalusien. Mit Flugzeug und allem drum und dran. Ich hatte Angst und es war nicht einfach. Aber es war toll! Ich bin zweimal Tauchen gegangen und ich habe die Freiheit und den Frieden unter Wasser gespürt, dieses Gefühl darf ich nie wieder vergessen!

Muriel_Taucherbild