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Urlaub

Wir waren eine Woche im Tessin im Urlaub. Mit einer Freundin und ihrem Freund. Sie war ganz lieb, aber er hat uns oft getriggert. Er hat narzisstische Züge, richtet seine Verachtung gegen andere Personen, inklusive meiner Freundin und erzählt Dinge, die nicht stimmen. Uns hat er sehr an die Mutter erinnert und ein paar andere Menschen, die wir kennen.

Auch die internen Repräsentanzen der Psychologin aus der Klinik, der ehemaligen Mitbewoherin und der Mutter waren im Urlaub sehr aktiv und haben uns weh getan. Ist das normal, dass wir so viele Leute aus dem Aussen im Innen haben? Wir haben echt ganz viele Leute, die wir früher mal gekannt haben, die immer noch im Innen aktiv sind. Sind das Introjekte?

Gestern hatten wir Therapie. Deshalb sind wir früher aus den Ferien zurückgefahren. Die Therapie war sehr verwirrend. Jemand von uns hat einen Text geschrieben. Ich wollte ihn Frau Stern nicht zeigen, aber sie wollte wissen, was drin steht und hat Fragen gestellt. Irgendwann habe ich ihn ihr doch zum Lesen gegeben. Sie meinte, es lese sich wie die Beschreibung eines Pädophilenrings. Warum schreiben wir solche Dinge? Haben wir wirklich so viel Fantasie oder ist uns in der Kindheit wirklich so etwas Schreckliches passiert?

Frau Stern war nach dem Lesen erstmal ziemlich sprachlos und fragte, wie die Leute im Schreibkurs auf die Texte reagieren würden. Ich sagte, dass sie die Texte ziemlich cool finden, aber dass ich nicht glaube, dass sie die Inhalte wirklich verstehen. Frau Stern war schockiert. Ich bin eigentlicht ziemlich froh, dass im Schreibkurs niemand versteht, was wir schreiben. Ich müsste mich unglaublich schämen, wenn rauskommt, dass ich keine Kontrolle darüber habe, was geschrieben wird.

Trotzdem macht mir das alles grosse Angst. Was ist bloss mit mir / mit uns? Warum sind wir so kaputt? Warum gibt es Momente, in denen wir vor Schmerz sterben möchten? Warum tut das Leben so weh?

Heute Morgen spüre ich den Druck zu weinen in mir, aber keine einzige Träne fliesst. Ich darf nicht weinen, weil mich die „Introjekte“ fertigmachen. Ich bin böse, schwach, dumm und übernehme keine Selbstverantwortung. Ich bin selber Schuld an meinem Zustand und jetzt will ich deshalb noch weinen? Sie sagen, sie werden mir einen Grund zum Weinen geben. Ja, herzlichen Dank, das hilft mir wirklich weiter.

Ich fühle verloren. Und nein, ich höre keine Stimmen, es sind nur Gedanken. Ich möchte mich am Liebsten im Bett verstecken und die Decke über den Kopf ziehen. Ich habe keine Kraft. Ich kann das nicht. Ich weiss nicht, wie ich die anderen Anteile trösten soll, ich weiss nicht, wie ich mit ihnen kommunizieren kann. Ich weiss nicht, wie ich mit dem Chaos umgehen soll. Ich bin eine „gesunde Erwachsene“, meinte Frau Stern vor ein paar Wochen. Ich fühle mich weder gesund noch erwachsen, aber das habe ich nicht gesagt. Vielleicht hatte die Psychologin in der Klinik recht: Ich will einfach keine Selbstverantwortung übernehmen.

Ich glaube, dieser Blogpost wird nicht in einem Freudenfeuer enden. Aber ich will auch nicht mit einer Selbstkritik schliessen, deshalb hier noch was Positives: Ich werde die Verantwortung für die sozialen Medien und das Magazin (ein richtiges Magazin, das gedruckt wird!) einer Organisation übernehmen, die Menschen, die mit Angst und Panik kämpfen, unterstützt. Ich darf dort echte Artikel schreiben, ein paar von uns möchten auch Comicstrips und Zeichnungen machen. Und der Anteil, der Informatik studiert hat, wird sich um die Website kümmern. Das ist eigentlich ganz cool und wir freuen uns auf die neue Aufgabe.

Einen richtigen Job mit Präsenzzeiten kriegen wir im Moment nicht hin. Dafür ist das Chaos zu gross. An die Uni gehen wir nicht mehr, aber es gibt Pläne für ein Kunst- und Gestaltungsstudium im Bereich Prozessgestaltung. Ich selber traue mir das nicht zu, ich bin künsterlisch überhaupt nicht begabt, aber es gibt ein paar von uns, die das ganz gut können und vielleicht brauchen wir wirklich mal eine Herausforderung, die nicht akademisch, sondern eher praktisch ist. Frau Stern ist begeistert von der Idee, viele von uns auch. Ich (noch) nicht so.

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Hier lesen

Wir haben seit ein paar Tagen einen neuen Follower, der viele unserer Beiträge von früher liked. Falls du das liest: Hallo und herzlich Willkommen hier! Ich hoffe, es gefällt dir bei uns.

Da für jedes Like eine Email bei mir im Postfach landet (note to self: Email-Notifikationen abschalten, wenn das geht), werde ich immer wieder daran erinnert, dass es in diesem Blog Beiträge gibt, die ich gar nicht kenne, die viele von uns nicht kennen. Und so habe ich vor ein paar Tagen angefangen, hier zu lesen.

Ich bin noch nicht durch, es ist so viel. Heute Morgen habe ich einen Beitrag gelesen, in dem steht, dass 2016 im KIZ in W. eine Traumafolgestörung vermutet wurde und als Differenzialdiagnose im Bericht stand. Im selben Jahr hat Ut im Kommentar geschrieben, dass eine Psychologin (ich nehme an, es war Ste (früher Sab) oder vielleicht die Psychologin im KIZ) vermutet, dass ich Anteile habe und dass da „mehr “ ist als „nur“ eine Schizophrenie. Es macht mich traurig, sowas zu lesen. Warum hat sich niemand die Mühe gemacht, herauszufinden, was lost ist? Warum waren die Ärzte bei der Diagnosestellung so unvorsichtig? Diese Gedanken bringen mich natürlich nicht weiter, aber ich kann nicht verhindern, dass sie aufkommen.

Zu den meisten Dingen, die im Blog stehen, habe ich keinen Bezug. Viele Dinge weiss ich gar nicht, bei anderen habe ich eine andere Erinnerung. Vor allem kann ich ich mich nicht an die Gefühle damals erinnern, die Ut beschreibt. Diese Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Einsamkeit, der tiefe Schmerz, all diese Dinge kenne ich aber auch. Ut scheint meine jetzige Verfassung zu beschreiben, aber die Beiträge sind mehrere Jahre alt. Auch diese Zweifel an den Traumaerinnerungen. An das Trauma, das Ut beschreibt, habe ich gar keine Erinnerung. Ich weiss davon wirklich nichts. Meiner Meinung nach passt das Trauma und die Beschreibung von Ut gar nicht in die zeitliche Abfolge meines Lebens. Es kann gar nicht passiert sein. Macht das Sinn?

Dafür habe ich andere Bilder im Kopf, die auch sehr erschreckend sind. Bilder aus der Kindheit, die überhaupt keinen Sinn machen. Kann ein Mensch mehrere Traumata haben?

Auch die „Stimmen“, von denen Ut schreibt, kenne ich nicht. In meiner Welt kommen sie nicht vor, dafür sind da andere, kleinere. Und es sind keine Stimmen, sondern eher Gedanken, die eine Art Klangfärbung haben. Es ist alles sehr verwirrend, aber ich bin froh, dass wir diesen Blog haben, sonst wäre es noch schwieriger, etwas über uns selber herauszufinden.

Vor ca. einem Jahr habe ich beschlossen, dass die Stimmen und das Trauma erfunden waren und habe das Ste auch so gesagt. Ich habe ihr erzählt, ich hätte die Symptome nur vorgespielt. Ich hatte Angst, dass Ste mich deshalb rauswerfen würde, aber sie war sehr verständnisvoll und lieb. Das hat uns gut getan. Seither ist viel Vertrauen in sie da.

Irgendwann kamen mir Zweifel, da ich nicht wusste, wie ich die Symptome vorgespielt habe. Ich meine, zehn Jahre sind eine lange Zeit und ich hatte nur ganz wenige, kurze Momente im Kopf, in denen ich Dinge erzählt habe, die keinen Sinn machten. Inzwischen weiss ich, dass sich das Co-Präsenz nennt. Damals wusste ich das noch nicht.

Mit wurde bewusst, dass etwas mit meinen Erinnerungen nicht stimmte, dass Dinge fehlten, nicht passten. Ich fing also an zu zweifeln und begann, die Orte meiner Vergangenheit zu besuchen. Ich war in der Klinik in O. und R., ich habe die Stadt meiner Kindheit besucht und entdeckte Bilder und Gedanken, die mir irgendwie fremd erschienen. Ich hatte auch oft das Gefühl, neben mir zu stehen und nicht dabei zu sein bei diesen Ausflügen. Ich wusste nicht, was Dissoziation ist, ich hatte keine Ahnung von diesen Dingen. Aber Ut hat viel über Dissoziation geschrieben, das heisst, wir haben früher schon oft dissoziiert.

Warum haben die Ärzte nicht 1+1 zusammengezählt? Ich meine, Stimmen hören, dissoziieren, Ängste, Panikattacken, das Gefühl, dass eine „Stimme“ das Handeln übernehmen könnte, nachtwandeln (irgendwo schreibt Ut, dass wir nachts aus dem Fenster springen wollten), Gedächtnisprobleme. Ausserdem scheinen die Inhalte der Stimmen, die Ut gehört hat, eindeutig mit unserer Geschichte verknüpft zu sein, das ist nicht „psychotisch“.

Ich gebe zu, es nervt mich, dass wir über zehn Jahre mit einer falschen Diagnose herumgelaufen sind und der Gedanke, dass man uns schon früher hätte helfen können, tut wirklich weh. Dennoch muss ich sagen, dass Ste sehr gut damit umgegangen ist. Lol, die Kleinen möchten, dass ich sie Frau Stern nenne, nicht Ste. Also gut, dann Frau Stern. Frau Stern hat anscheinend sehr viel mit den Stimmen gearbeitet und versucht, ein Zusammenleben zu ermöglichen. Sie hat auch Dumbledore eingeführt, der heute immer noch bei uns ist. Das heisst, dass wir therapeutisch schon „richtig“ an unseren Schwierigkeiten gearbeitet haben und die Kommunikation verbessert haben. Trotzdem wäre es einfacher gewesen, wenn wir eine Erklärung für unsere Symptome gehabt hätten, die besser passt als die Schizophrenie.

Ich schwanke im Moment noch sehr zwischen Akzeptanz der Diagnose und Ablehnung. Es gibt Momente, da kann ich nicht glauben, dass da noch andere sind und dann tu ich etwas oder habe einen seltsamen Gedanken und plötzlich wird mir bewusst, dass da doch etwas sein muss. Das Lesen dieses Blogs hat mich wieder mehr Richtung Akzeptanz gebracht und ich glaube, das tut mir gut, auch wenn die Inhalte teilweise sehr grausam sind. Da ich keine Bilder und Gefühle habe, die mit diesen Bildern verbunden sind, ist das Lesen für mich auch nicht so schlimm. Ich will versuchen, Ut zu glauben und ich will versuchen, den Dinge, die hier im Blog stehen, mit Mitgefühl zu begegnen. Wenn wir tatsächlich so viel scheisse erlebt haben, dann brauchen wir Mitgefühl, nicht Ablehnung.

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Kopfweh und neuer Blogname

Ich habe Kopfweh. Es fühlt sich an, wie wenn jemand mit dem Vorschlaghammer auf meinen Kopf hämmern würde. Ich habe mal gelesen, das kann vom Switchen kommen. Wir haben gerade „bewusst“ geswitcht, weil jemand von uns auf einen Kommentar antworten wollte, aber keinen Beitrag schreiben möchte.

Um das Chaos auf dem Blog ein bisschen einzudämmen, haben wir uns nun einen neuen Blognamen gegeben: Quarks und Quirks und einen neuen Account dazu kreiert. Weil wenn hier jeder von uns einen neuen Account macht, ist das irgendwie doof und wir kriegen dann auch die Kommentare und so nicht mit, weil sie in verschiedenen Email-Accounts landen. Das führt nur zu noch mehr Verwirrung und Chaos. Wir hoffen jetzt einfach, dass sich alle daran halten. Unsere interne Kommunikation ist noch nicht so toll. Wir sind am Lernen.

Ut hat früher die „anderen“ peanut gallery genannt. Aber wir haben beschlossen, den Namen zu ändern, weil „peanut gallery“ eigentlich die billigen Plätze im Footballstadium sind. Wir wollen nicht auf billigen Plätzen sitzen, wir wollen einen „richtigen“ Platz haben. Einer von uns liebt die Naturwissenschaften und die Physik und hat deshalb die Bezeichnung „Quarks“ vorgeschlagen.

Zum Thema Quarks sagt Wikipedia:

Quarks (kwɔrks, kwɑːks oder kwɑrks) sind Elementarteilchen und fundamentale Bestandteile der Materie. Quarks verbinden sich zu zusammengesetzten Teilchen, die Hadronen genannt werden. Hierzu gehören die Protonen und Neutronen, die Bestandteile der Atomkerne. Aufgrund eines Phänomens, das als Confinement bekannt ist, werden Quarks nie isoliert gefunden, sondern nur gebunden in Hadronen oder in Quark-Gluon-Plasmen.

Wikipedia

Wir finden das sehr passend. Da es aber Quarks gibt, die nicht Quarks sein wollen haben wir noch das Wort „Quirks“ hinzugefügt.

Im Moment ist bei uns viel Aufruhr. Die Quark, die in die Therapie geht, will nicht annehmen, dass wir Viele sind und wehrt sich gegen uns. Sie ist manchmal sehr böse und abwertend. Sie sagt immer wieder, dass sie kein Trauma hat und dass sie uns nicht haben will. Das tut manchen von uns sehr weh. Natürlich verstehen wir, dass es nicht so einfach ist, herauszufinden, dass man nicht allein ist und Ut sagt, wir sollen lieb mit ihr sein, für sie war es am Anfang auch ganz schwierig. Also sind wir lieb und versuchen, so still wie möglich zu sein. Aber es halten sich nicht alle daran.

Gestern Abend ist die Ehefrau einer Freundin von uns gestorben. Wir haben versucht, die Freundin in den letzten Wochen zu unterstützen und es war klar, dass ihre Frau bald sterben würde. Trotzdem sind wir mit ihrem Schmerz überfordert, weil ihr Verlust so viel Schmerz in uns drin auslöst. Wir haben schon mehrere liebe Menschen verloren und nie richtig um sie getrauert, weil wir funktionieren mussten. Dieser Schmerz ist in uns festgefroren und jetzt, wo wir selber am Wackeln sind, können uns äussere Ereignisse ganz schön aus der Bahn werfen. Es wäre schön, wenn uns die Therapeutin damit helfen könnte, aber solange wir nicht mit der Therapeutin reden können, müssen wir selber zurechtkommen.

Meinem Kopf geht’s jetzt wieder besser.

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Brief an die Psychologin in der Klinik

Sehr geehrte Frau Kramer (Name geändert)

Ich kann mich nicht an einen Klinikaufenthalt erinnern, der bei mir innerlich so viel Schmerz und Chaos ausgelöst hat, wie der Aufenthalt in der Klinik Kornblumenberg (Name geändert). Ich leide heute noch an den Folgen des Aufenthalts. Ich höre Ihre Stimme in meinem Kopf, die mich für mein Verhalten verurteilt, die mir vorwirft, ich würde keine Selbstverantwortung übernehmen, die sich nicht die Mühe macht, mich wirklich zu sehen, zu verstehen, sondern einfach interpretiert und in Schubladen steckt. So viel kann ich Ihnen definitiv sagen: Es war nicht hilfreich.

Ich finde, ich habe immer wieder versucht, mit Ihnen zu kommunizieren. Ich habe versucht, Ihnen zu erklären, was los ist. Ich weiss aber nicht, was mit meinen Worten bei der Übertragung zu Ihnen passiert ist. Warum lösten Sie bei Ihnen so viel Widerstand aus? Nicht nur bei Ihnen, im ganzen Team. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, in einer Frauenklinik zu arbeiten und ich kann mir vorstellen, dass Sie und Ihr Team schon viel erlebt haben. Trotzdem verstehe ich nicht, warum Sie nicht versucht haben, mir zuzuhören? Konnten Sie nicht? Warum haben Sie nicht versucht, mir auf Augenhöhe zu begegnen? Habe ich Sie verletzt oder eingeschüchtert? Habe ich bei Ihnen etwas ausgelöst, womit Sie nicht umgehen konnten?

Ich weiss, mein Widerstand war gross und ich weiss, ich habe viel Wut und Aggression ausgestrahlt. Ich verstehe nur nicht, warum Sie diesem Widerstand nicht mit Verständnis und Mitgefühl begegnen konnten. Das betrifft nicht nur Sie, das betrifft fast das ganze Team. Wenn Widerstand auf Widerstand, Aggression auf Aggression trifft, dann löst sich dadurch nichts, die Spirale verstärkt sich nur. Aber das wissen Sie natürlich bereits.

Ich habe Ihnen in unserem vorletzten Gespräch gesagt, dass ich froh bin, diese aggressive, wütende Seite in mir entdeckt zu haben. Dass es mir das Sicherheit gibt, dass ich nicht mehr Opfer eines Übergriffs werde. Obwohl es nicht einfach war, ist es mir gelungen, diesen Anteil von mir zu akzeptieren, ihn anzunehmen und ihn sogar zu mögen und zu würdigen. Ihre Worte über Selbstverantwortung haben diese fragile Akzeptanz gleich wieder zerstört. Sie haben den Teil in mir geweckt, der mich selbst abwertet, der mir das Recht auf Gefühle abspricht, der mir nicht erlaubt, mich der Welt zuzumuten, weil mein Verhalten nicht “zumutbar” ist.

Damit bin ich in einer tiefen Abwärtsspirale gelandet und es gelingt mir immer noch nicht, daraus auszusteigen. Ich lehne mich selber ab dafür, dass ich in der Klinik nicht “die Kontrolle behalten” habe, dass es mir nicht gelungen ist, mich anzupassen und mich an die Regeln zu halten. Ich lehne mich dafür ab, mir Unterstützung gewünscht zu haben und Schwäche zu zeigen. Ich weiss nicht, wie gut Sie sich mit Selbstkritik auskennen, aber diese Art von denken tut verdammt weh und führt nicht in die Gesundheit, sondern eher tiefer in die bereits vorhandenen Muster hinein.

Ich schäme mich auch zutiefst für mein Verhalten in der Klinik. Dass Scham für mich ein grosses Thema ist, können Sie sich ja vielleicht vorstellen. Diese Scham hat mich weiter in die Depersonalisation getrieben. Ich will nicht so sein, wie ich bin. Ich will gar nicht mehr sein, weil es so weh tut zu sein.

Ich habe Ihnen gesagt, dass meine Mutter Psychiaterin war und dass es für mich schwierig ist, Fachpersonen zu vertrauen. Ich habe Ihnen auch erzählt, dass meine Therapeutin bei meiner Mutter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vermutet. Es geht nicht um das Label, es geht nur darum zu sagen, dass meine Kindheit scheisse war und dass ich einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht habe, dass mein Verhalten interpretiert statt wirklich verstanden wurde. Leider hat Ihre “Behandlung” dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden, weiter verstärkt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich jemand auf der Station wirklich die Mühe gemacht hat, mich zu sehen als den Menschen, den ich bin. Es wurde nur meine “Krankheit” gesehen. Das ist nicht nur meine Erfahrung, diese Erfahrung machen viele Patienten im psychiatrischen System.

Und ja, ich fühlte mich stigmatisiert, sogar eher pathologisiert. Sie haben mal gesagt, ich würde mich selber “pathologisieren”. Damit haben Sie recht, da mich meine Mutter so behandelt hat, ist diese Art von Denken tief in mir verankert. Aber trotzdem glaube ich nicht, dass Sie und Ihr Team mich nicht stigmatisiert und pathologisiert haben. Sie hätten mir ja auch erklären können, dass ich ein Mensch bin und dass mein Verhalten eine natürliche Reaktion auf ein Trauma ist oder etwas in diese Richtung. Stattdessen haben Sie mir gesagt, Sie glauben, ich würde mit Ihnen spielen, mein Rückzug sei ein Symptom der Schizophrenie und mein Verhalten sei unverantwortlich. Vielleicht können Sie mir ja erklären, wie mir diese Aussagen beim Gesundwerden weiterhelfen können? Mir ist es nämlich nicht ganz klar.

Ich bin wütend auf Sie. Wütend auf die Klinik. Wütend auf die Art, wie ich behandelt wurde. Ich finde nicht, dass ich diese Behandlung verdient habe. Niemand verdient es, so behandelt zu werden.

Hochachtungsvoll,
(Offizieller Name hier einfügen)

P.S. Ich werden diesen Brief nicht abschicken, aber es musste mal raus…

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Nicht gut

Es geht uns gar nicht gut. Es sind so viele Gefühle und Bilder da, die wir nicht verstehen. Dinge, die vielleicht passiert sind oder doch nicht. Woher weiss man, ob die Dinge im Kopf wahr sind oder nicht?

Wenn wir früher über diese Dinge gesprochen haben, hiess es, es sei eine Psychose. Damit konnten wir leben, dann mussten wir die Bilder nicht ernst nehmen. Aber jetzt? Wenn es keine Psychose ist, heisst das, da ist an den Bildern was dran? Wir haben wirklich ganz schlimme Dinge im Kopf, die eigentlich nicht wahr sein dürften.

Ich habe Angst. Angst, dass etwas passiert, das wir nicht kontrollieren können. Vor drei Monaten war da was mit einem Mann. Ich habe nicht viel mitgekriegt, aber seither sind ein paar von uns in Panik. Diejenigen, die dafür zuständig sind, dass wir funktionieren, werden von den anderen überflutet und kommen kaum zurecht. Mü. schwankt zwischen akzeptieren, dass wir da sind und dem Wunsch zu sterben. Wenn sie Zeit verliert, bricht sie in Panik aus. Leider verliert sie im Moment viel Zeit, weil sie versucht, das innere Erleben abzuspalten.

Ich verstehe leider zu wenig von allem, um wirklich etwas zu tun. Ich bin auch nicht so oft da. Ich bin in der Klinik aufgewacht, weil eine Mitpatientin meinen Freund P. kannte. Sie kommt aus dem gleichen Dorf. P. ist gestorben, als ich 17 war. Bei einem Kletterunfall in den Sommerferien. Wir waren acht Monate zusammen. Nach seinem Tod bin ich verschwunden.

Ich würde gerne um P. trauern, das durfte ich nämlich damals nicht, aber ich kann die anderen jetzt nicht auch noch mit meinen Problemen belasten. Wenn ich den Bildern im Kopf traue, dann haben einige von uns viel schlimmere Dinge erlebt. Trotzdem bin ich sehr traurig. Ich vermisse P. sehr.

Viele von uns scheinen im Moment jemanden zu vermissen. Einige vermissen Toby, unseren Hund, der weggegeben wurde. Mit Toby im Bett war der Schlaf viel besser. Auch unsere Eltern werden schmerzlich vermisst, obwohl sie wahrscheinlich böse mit uns waren. Wir vermissen M., unsere ehemalige Mitbewohnerin, die uns wohl auch ausgenutzt hat. Wie können wir Menschen vermissen, die uns geschadet haben? Ich verstehe das nicht ganz, aber anscheinend ist das möglich.

Letzte Woche haben wir den Klinikbericht gekriegt. Da stehen viele erschreckende Dinge drin. So, wie sie schreiben, waren wir total ausser Kontrolle. Ich habe gewusst, dass uns die Psychologin und ein paar von der Pflege in der Klinik nicht gemocht haben, uns wurde auch immer wieder unterstellt, wird würden uns absichtlich so verhalten, aber es tut trotzdem weh, das so zu lesen. Sie stellen uns dar, wie wenn wir Monster wären.

Es ist so viel Schmerz da und so viele Dinge, die ich nicht verstehe. Ich würde gerne mit der Therapeutin darüber reden, ich glaube, sie könnte uns helfen. Leider dürfen wir oder können wir nicht darüber reden. Es ist ziemlich kompliziert.