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Brief an die Psychologin in der Klinik

Sehr geehrte Frau Kramer (Name geändert)

Ich kann mich nicht an einen Klinikaufenthalt erinnern, der bei mir innerlich so viel Schmerz und Chaos ausgelöst hat, wie der Aufenthalt in der Klinik Kornblumenberg (Name geändert). Ich leide heute noch an den Folgen des Aufenthalts. Ich höre Ihre Stimme in meinem Kopf, die mich für mein Verhalten verurteilt, die mir vorwirft, ich würde keine Selbstverantwortung übernehmen, die sich nicht die Mühe macht, mich wirklich zu sehen, zu verstehen, sondern einfach interpretiert und in Schubladen steckt. So viel kann ich Ihnen definitiv sagen: Es war nicht hilfreich.

Ich finde, ich habe immer wieder versucht, mit Ihnen zu kommunizieren. Ich habe versucht, Ihnen zu erklären, was los ist. Ich weiss aber nicht, was mit meinen Worten bei der Übertragung zu Ihnen passiert ist. Warum lösten Sie bei Ihnen so viel Widerstand aus? Nicht nur bei Ihnen, im ganzen Team. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, in einer Frauenklinik zu arbeiten und ich kann mir vorstellen, dass Sie und Ihr Team schon viel erlebt haben. Trotzdem verstehe ich nicht, warum Sie nicht versucht haben, mir zuzuhören? Konnten Sie nicht? Warum haben Sie nicht versucht, mir auf Augenhöhe zu begegnen? Habe ich Sie verletzt oder eingeschüchtert? Habe ich bei Ihnen etwas ausgelöst, womit Sie nicht umgehen konnten?

Ich weiss, mein Widerstand war gross und ich weiss, ich habe viel Wut und Aggression ausgestrahlt. Ich verstehe nur nicht, warum Sie diesem Widerstand nicht mit Verständnis und Mitgefühl begegnen konnten. Das betrifft nicht nur Sie, das betrifft fast das ganze Team. Wenn Widerstand auf Widerstand, Aggression auf Aggression trifft, dann löst sich dadurch nichts, die Spirale verstärkt sich nur. Aber das wissen Sie natürlich bereits.

Ich habe Ihnen in unserem vorletzten Gespräch gesagt, dass ich froh bin, diese aggressive, wütende Seite in mir entdeckt zu haben. Dass es mir das Sicherheit gibt, dass ich nicht mehr Opfer eines Übergriffs werde. Obwohl es nicht einfach war, ist es mir gelungen, diesen Anteil von mir zu akzeptieren, ihn anzunehmen und ihn sogar zu mögen und zu würdigen. Ihre Worte über Selbstverantwortung haben diese fragile Akzeptanz gleich wieder zerstört. Sie haben den Teil in mir geweckt, der mich selbst abwertet, der mir das Recht auf Gefühle abspricht, der mir nicht erlaubt, mich der Welt zuzumuten, weil mein Verhalten nicht “zumutbar” ist.

Damit bin ich in einer tiefen Abwärtsspirale gelandet und es gelingt mir immer noch nicht, daraus auszusteigen. Ich lehne mich selber ab dafür, dass ich in der Klinik nicht “die Kontrolle behalten” habe, dass es mir nicht gelungen ist, mich anzupassen und mich an die Regeln zu halten. Ich lehne mich dafür ab, mir Unterstützung gewünscht zu haben und Schwäche zu zeigen. Ich weiss nicht, wie gut Sie sich mit Selbstkritik auskennen, aber diese Art von denken tut verdammt weh und führt nicht in die Gesundheit, sondern eher tiefer in die bereits vorhandenen Muster hinein.

Ich schäme mich auch zutiefst für mein Verhalten in der Klinik. Dass Scham für mich ein grosses Thema ist, können Sie sich ja vielleicht vorstellen. Diese Scham hat mich weiter in die Depersonalisation getrieben. Ich will nicht so sein, wie ich bin. Ich will gar nicht mehr sein, weil es so weh tut zu sein.

Ich habe Ihnen gesagt, dass meine Mutter Psychiaterin war und dass es für mich schwierig ist, Fachpersonen zu vertrauen. Ich habe Ihnen auch erzählt, dass meine Therapeutin bei meiner Mutter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vermutet. Es geht nicht um das Label, es geht nur darum zu sagen, dass meine Kindheit scheisse war und dass ich einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht habe, dass mein Verhalten interpretiert statt wirklich verstanden wurde. Leider hat Ihre “Behandlung” dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden, weiter verstärkt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich jemand auf der Station wirklich die Mühe gemacht hat, mich zu sehen als den Menschen, den ich bin. Es wurde nur meine “Krankheit” gesehen. Das ist nicht nur meine Erfahrung, diese Erfahrung machen viele Patienten im psychiatrischen System.

Und ja, ich fühlte mich stigmatisiert, sogar eher pathologisiert. Sie haben mal gesagt, ich würde mich selber “pathologisieren”. Damit haben Sie recht, da mich meine Mutter so behandelt hat, ist diese Art von Denken tief in mir verankert. Aber trotzdem glaube ich nicht, dass Sie und Ihr Team mich nicht stigmatisiert und pathologisiert haben. Sie hätten mir ja auch erklären können, dass ich ein Mensch bin und dass mein Verhalten eine natürliche Reaktion auf ein Trauma ist oder etwas in diese Richtung. Stattdessen haben Sie mir gesagt, Sie glauben, ich würde mit Ihnen spielen, mein Rückzug sei ein Symptom der Schizophrenie und mein Verhalten sei unverantwortlich. Vielleicht können Sie mir ja erklären, wie mir diese Aussagen beim Gesundwerden weiterhelfen können? Mir ist es nämlich nicht ganz klar.

Ich bin wütend auf Sie. Wütend auf die Klinik. Wütend auf die Art, wie ich behandelt wurde. Ich finde nicht, dass ich diese Behandlung verdient habe. Niemand verdient es, so behandelt zu werden.

Hochachtungsvoll,
(Offizieller Name hier einfügen)

P.S. Ich werden diesen Brief nicht abschicken, aber es musste mal raus…

3 Gedanken zu „Brief an die Psychologin in der Klinik“

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