DIS

Diagnose DIS – Teil 1

Ich möchte mal versuchen zusammenzustellen, wie es zu der neuen Diagnose kam. Ich glaube, das ist wichtig für uns, das hier festzuhalten. Für diesen Text bin ich auf die Hilfe der anderen Quarks angewiesen und ich möchte euch im Innen deshalb bitten, mit mir zu teilen, was ihr wisst. Nur, wenn ihr möchtet und nur so viel, wie für euch geht. Es wäre echt schön, wenn wir das hier aufschreiben könnten und ich bin euch allen dankbar für alles, was ihr bereit seid zu teilen. Es kann sein, dass hier mehrere Ich’s schreiben. Wenn das die Leser verwirren sollte, tut es uns leid.

Angefangen hat es damit, dass ich merkte, wie mir viele Erinnerungen an die Vergangenheit fehlen. Da ich vorhatte, im September ein neues Studium zu beginnen, wollten ich die Zeit davor nutzen, um meine Vergangenheit zu rekonstruieren. Noch war ich allein und ich wusste nichts vom „uns“. Ich begann, die Stationen in meinem Leben aufzuschreiben, die Orte, von denen ich wusste, dass ich da mal war oder gelebt habe. Im Rahmen des Schreibkurses mussten wir über Erinnerungen schreiben und einen Zeitstrahl unseres Lebens erstellen.

Ich schien viel über mein Leben zu wissen, konnte aber das Wissen nicht mit Erinnerungen füllen. Da ich aber die Erfahrung gemacht habe, dass ich auch schreiben kann, ohne die Inhalte zu planen, setzte ich mich einfach mal hin und fing an zu schreiben. Beim Schreiben passiert bei mir meistens etwas Seltsames: Ich verschwinde und habe danach eine Amnesie und weiss nicht, was ich geschrieben habe. Da ich es nicht anders kannte, fiel mir das aber gar nicht auf. Es war halt einfach so.

Durch das Schreiben sind viele Erinnerungen wiedergekommen. Die meisten konnte ich auch „irgendwie“ meinem Leben und mir selber zuschreiben. Ich konnte sie als „meine“ Akzeptieren. Doch es gab auch Stationen auf der Zeitachse, zu denen ich überhaupt keinen Zugang hatte. Frau Stern (, die früher hier im Blog Sab. hiess und geheiratet hat und daher einen neuen Namen angenommen hat) versuchte schon seit Langem, mit den „inneren Kindern“ zu arbeiten. Es gab „innere Kinder“, zu denen ich Kontakt aufnehmen konnte, aber es gab auch welche, die mir den Zugriff zu ihrem Erleben total verweigerten. Zum Beispiel mein „16-jähriges Ich“, das wollte auf keinen Fall mit mir oder Frau Stern kommunizieren.

Das war irgendwie seltsam, aber ich dachte, naja, ok, das ist halt ein Teenager und sie will nicht reden. Ich wäre jedoch nie im Leben auf die Idee gekommen, dass da eine strukturelle Dissoziation mit im Spiel sein könnte. Ich würde Frau Stern gerne fragen, wie das für sie war. Sie meinte nur, ich solle „das 16-jährige Ich“ in Ruhe lassen, wenn es nicht reden wolle, ich könne ihm aber immer wieder ein freundliches Beziehungsangebot machen, wenn ich möchte.

Als ich Frau Stern davon berichtete, wie mein Denken funktioniert, sagte sie immer wieder, dass andere Menschen nicht so denken würden. Ich erzählte ihr von komplizierten inneren Diskussionen, dass ich manchmal die Dinge laut ausprechen muss, um überhaupt zu wissen, was ich denke. Davon, wie schwer es mir fällt, meine Meinung zu einem Thema zu äussern, weil ich so viele verschiedene Standpunkte gleichzeitig vertreten kann. Da Frau Stern schon länger glaubte, ich hätte ein Hochbegabung (auch wenn ich immer noch ziemlich sicher bin, dass das nicht stimmt), nahm ich an, sie wolle mir damit nur sagen, dass mein Denken komplexer ist, als das anderer Menschen. Von irgendwelchen Anteilen, war jedoch in meiner Erinnerung nie die Rede.

Irgendwann war ich dann so weit, dass ich wissen wollte, was in den letzten 12 Jahren passiert ist. Ich hatte Frau Stern im September 2020 erzählt, dass ich nie Stimmen gehört habe und dass das Trauma erfunden war. Ich war überzeugt, dass das alles nicht sein konnte und dass ich wohl irgendwie allen Menschen etwas vorgespielt haben muss. Dass ich eine gute Schauspielerin bin, hat mir meine Mutter in der Vergangenheit immer wieder bestätigt. Ich war daher sicher: Ich habe das alles nur geschauspielert. Doch die Frage war: Wie habe ich das bloss gemacht? Echte Erinnerungen an die Zeit, hatte ich keine. Ein paar wenige Bilder, das war alles.

Ich bin also in die Klinik nach O. und R. gereist. In R. habe ich sogar den Psychiater (im Blog heisst er E.) gefragt, ob er mich auf die Station begleiten würde, auf der ich lange war. Ich habe viele Erinnerungslücken, was diese Klinikbesuche betrifft, aber danach habe ich zwei Texte darüber geschrieben, die irgendwie interessant waren. Beide Texte fangen in der der Ich-Form an, welchseln aber nach einem Abschnitt in die Du-Form. Das heisst, was uns in der Klinik passiert ist, haben wir nicht einem „Ich“, sondern einem „Du“ zugeordnet. Das war irgendwie schräg. Ich muss dabei an das Stück „Not I“ von Samuel Beckett denken. Das ist jemandem passiert, aber „nicht mir“. Dennoch verstand ich immer noch nicht, was los war und weder Frau Stern noch E., denen ich mein Erleben beschrieb, gaben mir irgendwelche Hinweise, was los sein könnte.

Uff, jetzt werde ich gerade im Inneren von Gedanken und Bildern überschwemmt. Wir müssen uns schnell ordnen, um zu schauen, wie wir im Text weitermachen wollen, Moment…

Ok, wir sind wieder da, sorry.

Es gab beim Besuch in der Klinik in O. einen Hinweis, der sehr interessant war. Ich setzte mich im Eingangsbereich auf ein schwarzes Sofa mit Lederkissen. Intuitiv nahm ich das Lederkissen in den Arm und setzte mich im Schneidersitz nach vorne gebeugt auf das Sofa, den Blick zum Boden gerichtet. Und plötzlich fühlte ich mich ganz klein, hilflos, ängstlich, aber gleichzeitig auch sicher und hoffnungsvoll. Ich spürte, die Hoffnung, dass sie mir in der Klinik helfen werden, dass sie mich retten werden.

Da ich mich viel mit dem Umgang mit Gefühlen befasst habe, wusste ich, dass ich die Gefühle zulassen kann, dass sie mich nicht umbringen werden, gleichzeitig beobachtete ich auch neugierig, was mit mir passiert. Das habe ich in der Achtsamkeit gelernt. Im Nachhinein fand ich jedoch diese Erfahrung sehr schräg und konnte sie nicht wirklich einordnen. Da ich mich für dieses Gefühl der Hilflosigkeit und die Rettungsfantasien schämte, sprach ich nicht mit Frau Stern darüber. Ich hielt sie jedoch in meinem Tagebuch fest. Damals gelang es mir, gefühlsmässig mit einem der Anteile Kontakt aufzunehmen, die vor vielen Jahren in der Klinik in O. waren. Das habe ich jetzt verstanden.

Die Geschichte geht noch weiter, aber wir sind gerade sehr erschöpft vom Schreiben und erinnern, deshalb machen wir ein andermal weiter. Ich möchte mich ganz herzlich bei allen Quarks bedanken, dass ich diesen Text schreiben darf. Ich bin euch unendlich dankbar dafür. Ihr seid toll! Und bei den Lesern, die die Geduld hatten, bis hier zu lesen: Danke, dass ihr hier seid und uns unterstützt!