DIS, Gedicht

Frageliste

Diese Frageliste ist wohl eine Art Fragegedicht. Sie ist einen Tag vor dem Eintritt ins KIZ entstanden. Ich glaube, sie zeigt recht klar, wie es mir damals ging und wie verwirrt ich war.

Warum lüge ich in manchen Situationen?
Warum kann ich es nicht kontrollieren?
Warum merke ich nicht, wenn ich lüge?
Warum weiss ich manchmal nach einem Gespräch nicht mehr, was passiert ist?
Warum sehe ich in eine Kawasaki, wenn ich noch nie eine gefahren bin?
Wie bin ich in R. aufs Gleis gekommen?

Spiele ich den Leuten wieder etwas vor?
Schlüpfe in jetzt wieder in eine Rolle?
Werde ich (wieder?) psychotisch?
Woher kommt die Fantasie vom sexuellen Miss­brauch?
Habe ich einfach zu viel Fantasie?
Warum habe ich Bilder von Dingen im Kopf, die ich nie erlebt habe?

Kann man zehn Jahre lang eine Psychose vorspielen?
Bin ich wirklich eine so gute Schauspielerin?
Habe ich das von meiner Mutter gelernt?
Warum kann ich mich nicht ans Schauspielern erinnern?
Kann man das unbewusst machen?
Wie funktioniert das Unbewusste?
Kann man überhaupt etwas definieren, das nicht bewusst ist?

Wie werden Erinnerungen abgespeichert?
Können Emotionen auch Erinnerungen sein?
Wie kann es passieren, dass eine Erinnerung verschwindet?
Wie holt man sie wieder hervor?
Ist es gut, sie hervorzuholen?
Oder sollte man sie ruhen lassen?
Gibt es Momente, in denen es Sinn macht, sie hervorzuholen?
Und andere, in den man sie ruhen lassen sollte?

Wie funktioniert Lernen?
Was ist eine neuronale Autobahn?
Funktionieren neuronale Verbindungen wie Pheromonspuren von Ameisen?
Kann mir das jemand erklären?
Oder werden die anderen dann ungeduldig?
Stelle ich zu viele Fragen?
Wann ist Fragen sinnvoll?
Wann nicht?
Gibt es Dinge, die man besser nicht wissen sollte?
Ist das Leben einfacher, wenn man keine Fragen stellt?

Soll ich diese Liste verbrennen?
Wohin gehen die Fragen, wenn ich die Liste zerstöre?
Können die Fragen ohne die Liste existieren?
Oder verschwinden sie dann?
Wohin?
Ins Unbewusste?

Warum sind die Informatikkenntnisse abge­spalten?
Warum habe ich so viel Angst vor Mathe?
Bin ich dissoziiert oder in Trance, wenn ich Mathe und Informatik mache?
Warum kann ich die Fähigkeiten nicht abrufen?
Warum kann ich nicht zwischen Sprachen übersetzen?
Warum bin ich so, wie ich bin?

Was ist der Unterschied zwischen Trance und Dissoziation?
Und wie unterscheidet sich das von der Halluzination?
Was ist ein Flashback?
Kann ein Flashback auch nur emotional sein?
Ohne Bilder?
Was passiert da im Gehirn?
Wer kann mir das erklären?

Warum konnte ich mich nie mit anderen Men­schen verbunden fühlen?
Oder habe ich mich verbunden gefühlt und es vergessen?

Warum lebe ich unter einer Glaskuppel, obwohl ich keine Medis mehr nehme?
Kommt das vom Mediabsetzen?
Warum ist das Leben so anstrengend?
Warum ist es mir im letzten Jahr besser gegangen?
Warum geht es mir jetzt so beschissen?
Wie komme ich wieder an meine Gefühle ran?

Hat mich meine Mutter manipuliert?
Wenn ja, wie?
Welchen Schaden kann man mit hypnosystemischen Fragetechniken bei einem Kind anrichten?
Was war mir meiner Mutter los?
Was hat mein Vater mir angetan?
Oder waren es die Au-Pairs?

Wie komme ich aus diesem Zustand raus?
Warum habe ich nie jemandem vertrauen können?
Wer kann mir diese Fragen beantworten?

Bin in hochbegabt?
Wie unterscheidet sich das Gehirn von Hochbegabten?
Wie denken Hochbegabte?
Kann man Hochbegabung simulieren?
Was, wenn ich nicht hochbegabt sein will?
Kann ich dann einfach normal sein?
Darf man sich im Leben aussuchen, wer man sein möchte?
Wäre das gut?
Was hätte das für Auswirkungen auf die Menschheit?

Wie kann ich den Widerstand gegen diesen Zustand auflösen?
Wie komme in in die Akzeptanz?
Muss man wirklich alles akzeptieren?
Wie geht das Leben weiter?
Was muss ich tun, damit ich nicht mehr dissoziiere?
Ist das überhaupt eine Dissoziation?
Wie weiss man das?
Wie kann ich ohne Medikamente meine Gedanken beruhigen?
Würde Achtsamkeit helfen?
Oder Mantras?
Ukulele spielen?
Schreiben?
Wie komme ich wieder ins Selbstmitgefühl?

Wer bin ich?
Habe in andere Anteile?
Wer sind sie?
Oder sind sie eine Illusion?
Warum verstehe ich die Welt nicht?
Warum verstehe ich die anderen Menschen nicht?
Bin ich überhaupt ein Mensch?

Warum macht mir meine Fantasie so viel Angst?
Was ist Realität?
Relativ oder absolut?
Beides?
Was ist meine Realität?
Welcher Realität soll ich vertrauen?
Kann ich mir selber vertrauen?
Wem kann ich vertrauen?

Soll ich aufhören mit der Innenschau?
Oder ist das eine Problemlösungsstrategie?
Wie weiss man, was in einer Situation richtig ist?
Woran erkenne ich, wenn ich mich „dumm“ stelle?

Wie kann ich authentisch sein?
Wann bin ich authentisch, wann nicht?
Warum kann ich manchmal nicht aussprechen, was ich eigentlich sagen möchte?

Sind das blöde Fragen?

Warum konnte ich so lange nicht selber denken?
Warum musste ich die Gedanken von anderen denken?
Wurde ich mit Hypnosemethoden „programmiert“?
Wenn ja, wie?
Ist das überhaupt möglich?
Ist diese Frage paranoid?
Wer kann mir erklären, was bei einer Hypnose passiert?
Was passiert bei Hypnose mit Kindern?
Können dann neuronale Autobahnen entstehen?

Hat meine Mutter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?
Was hat diesen Zustand ausgelöst?

Warum weiss ich nicht mehr, wer ich früher war?
Woher kommen die „falschen“ Erinnerungen?
Könnte es nicht doch eine Art Trance sein?
Wie funktioniert das false memory syndrome?
Was passiert da im Gehirn?
Wie wird es ausgelöst?

Wie funktioniert Kreativität?
Hat Kreativität etwas mit den Gehirnwellen zu tun?
Oder sind es neuronale Verbindungen?
Oder befindet sich Kreativität in den Synapsen?
Ist Kreativität chemisch oder elektromagnetisch?
Oder beides?
Kann man gleichzeitig kreativ und rational sein?

Wie funktioniert Intuition?
Kann man ihr vertrauen?

Kann ich meinen Gefühlen vertrauen?
Ohne Bilder und Erinnerungen?
Warum ist alles so kompliziert?
Wer kann mir helfen?
Wie komme ich wieder an meine Ressourcen ran?
Habe ich überhaupt Ressourcen?
Oder sind Ressourcen ein Konstrukt der Psychologen?
Welchen Konstrukten kann man vertrauen?
Wie überprüft man ein Konstrukt?

Warum denke ich, dass die Leute diese Fragen blöd finden werden?
Warum denke ich, dass niemand mir diese Fragen wird beantworten wollen?
Bin ich zu dumm?
Verstehe ich deshalb nichts?
Stellen sich andere Menschen auch solche Fragen?
Wenn ja, warum sagen sie es nicht?
Darf man überhaupt solche Fragen stellen?
Oder ist das verboten?
Darf man verbotene Dinge trotzdem tun?
Was sind die Konsequenzen?
Muss es immer Konsequenzen geben?
Gibt es Dinge, die keine Konsequenzen haben?
Wenn ja, welche?

Warum gibt es Gedanken, die ich nicht denken darf?
Kann man Menschen das Denken verbieten?
Muss denken immer weh tun?
Oder ist das bei anderen Menschen anders?
Warum tut mir das Denken weh?
Warum denke ich die Gedanken von anderen?
Warum darf ich nicht selber denken?
Ist denken verboten?
Wurde mir das Denken verboten?
Oder wurden mir Gedanken eingepflanzt?
Geht das überhaupt?

Ist die Welt deterministisch?
Was können wir darüber von der Quantenphysik lernen?
Oder vom radioaktiven Zerfall?
Lässt sich der Fall einer Schneeflocke berechnen?
Und von einer Million Schneeflocken?
Kann ein Schmetterling einen Sturm auslösen?
Warum löst nicht jeder Schmetterling einen Sturm aus?
Ist es wichtig, ob die Welt deterministisch ist?
Sollte mir das nicht einfach egal sein?

Wünsche ich mir, dass die Welt deterministisch ist?
Warum?
Möchte ich die Welt kontrollieren?
Geht das überhaupt?

Wer kann meine Fragen beantworten?
Ein Philosoph?
Ein Naturwissenschaftler?
Ein Mönch?
Ein Hund?
Ein Schriftsteller?
Hilft es mir, eine Antwort zu finden?
Oder soll ich die Fragen einfach stehen lassen?
Kann man diese Fragen einfach stehen lassen?

Ist es möglich, mit diesen Fragen zu leben?
Wie?

Und jetzt?

DIS

Diagnose DIS – Teil 3

Dieser Beitrag hat eine Triggerwarnung drin. Die Stelle, die triggern könnte, ist gekennzeichnet.

Es ist schon Nachmittag. Wir waren joggen. Jetzt sitzen wir im Wohnzimmer und die Sonne scheint uns ins Gesicht. Der See glänzt wie wenn ein Schwarm silberner Feen auf ihm Tanzen würden. Das Wetter ist heute wie unsere Stimmung: Wechselhaft. Wind, Regen, Sonne, Wolken. Alles auf einmal. Wir sind auch alles auf einmal.

So, wir wollen mit der Diagnose weitermachen. Kann mir jemand sagen, was wir als Letztes geschrieben haben? Stille? Echt jetzt? Hmm… Ich weiss es wirklich nicht. Ach ja, das MID-Inventar. Ok, also unsere eigene Auswertung des MID-Inventars segnete uns mit einer DIS.

Natürlich war ich damit nicht zufrieden. Es machte keinen Sinn und gleichzeitig machte es viel Sinn. „Sich selber diagnostizieren darf man nicht“, schrie eine Stimme in mir. „Das ist unseriös.“ Das stimmt, ist es auch und ich wollte mich auch gar nicht selber diagnostizieren, sondern nur verstehen, was vor sich geht.

Ich fing an, die Dinge zusammenzustellen, die ich über mein Leben wusste. Es war nicht viel. Zusammenbruch in Asien, Rückkehr in die Schweiz, Schizophreniediagnose für 12 Jahre. Die Zeit vor dem Zusammenbruch war in dicken Nebel gehüllt, die Zeit der „Psychose“ auch. Ich fing an, die alten Klinikberichte zu lesen, die waren schliesslich von „echten Fachpersonen“ verfasst worden: Imperative und kommentierende Stimmen, chronifizierte psychotische Symptome, posttraumatisches Syndrom, chronische Suizidalität, Therapieresistenz, irgendwo stand noch, dass sich die psychotischen Symptome in ungünster Weise mit den posttraumatischen vermischen und diese verstärken.

Ich las so gut wie alles, was im Internet zum Thema DIS finden konnte. Es stand fast überall dasselbe: Die Diagnosestellung ist komplex, dauert meist mehrere Jahre, oft kommen die Betroffenen wegen anderen Symptomen in Behandlung. Die ANP weiss selten was vom Trauma. Das hiess für mich: Es war also möglich, ein Trauma zu haben, ohne es zu wissen. Eine DIS würde auch das Stimmenhören erklären, das gemäss Klinikberichten und Frau Stern jahrelang das Hauptsymptom war, das „ich“ anscheinend gehabt haben soll. Doch ich hörte keine Stimmen. Nie. Ja, da war ganz viel Chaos im Kopf, aber das war in mir drin und kam nicht von aussen.

Dann passierte etwas, wovon ich erst im Nachhinein erfahren habe: Der Körper war mit einem Mann zusammen. Ein Nachbar, anscheinend hat er unsere Grenzen nicht respektiert. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind wir geflohen, bevor etwas passiert ist. Ich hoffe es jedenfalls. Das war am 24. Juni dieses Jahres. Ich weiss es, weil wir an diesem Tag eine Onlineweiterbildung gegeben haben. Nach der Weiterbildung wollten wir uns ein bisschen am See erholen. Wir gingen nicht zu unserem privaten Seeplatz, sondern zur öffentlichen Wiese, die sich ebenfalls gegenüber unseres Hauses befindet. Dort haben wir den Mann getroffen und mit ihm Wein getrunken. Der Rest der Erinnerung ist im Nebel zwischen Fantasie und Wirklichkeit.

Am nächsten Tag herrschte innerlich ein Riesenchaos. Die Jacke und eine Decke des Mannes befand sich bei uns im Keller. Mein Kopf dachte darüber nach, ob die Begegnung mit dem Mann jetzt schön war oder nicht und anscheinend waren sich meine Gedanken nicht einig. Ich spürte Angst, Ekel, Schmerz (auch physisch) und eine Schwere legte sich über meine Brust und drückte auf meinen Bauch. Ich verstand überhaupt nicht, was mit mir los war.

Da funktionieren meine Aufgabe ist, habe ich weiter funktioniert. Tagsüber. Im Aussen. Die Nächte verbrachte ich schlaflos mit irgendwelchen Grübeleien, die ich nicht verstand, wenn ich mal einschlief, erwachte ich in Panik. Albträume hatte ich keine. Ich hatte gar keine Träume. Wenn ich schlief, war alles schwarz. Das Aufwachen morgens wurde immer schlimmer, plötzlich brauchte ich mehrere Stunden, bis ich mich selber genug beruhigt hatte, um aus dem Bett zu steigen. Ich verstand nicht, was los war.

Wow, das ist ziemlich anstrengend, das aufzuschreiben. Schon beim Schreiben kann ich dieses Chaos wieder spüren. Und ich kann gerade auch nicht mehr klar denken. Es gab noch etwas Anderes, das wir aufschreiben wollten, aber das ist jetzt weg. Im Moment ist gerade alles weg. Nur mein Fuss tut weh. Der Hallux, der eigentlich ganz klein ist und fast nicht sichtbar, bereitet mir höllische Schmerzen.

Das war auch immer so ein Rätsel: Warum tut mir etwas weh, das eigentlich gar nicht weh tun sollte? Es gibt Tage, an denen ich fast nicht laufen kann, oder mein Rücken tut so weh, dass ich nicht aufstehen kann. Meine Oberschenkel brennen manchmal wie wenn ich einen Marathon gelaufen wäre. Und dann diese schlimmen Kopfschmerzen. Das machte keinen Sinn, aber mit Dissoziation macht es dann doch irgendwie Sinn.

Eigentlich wollten wir Pause machen, aber da ist noch was, das geschrieben werden möchte (Achtung, anderes Ich):

Mein ehemaliger Lateinlehrer hat sein Pensionsalter erreicht. Deshalb schickte mir eine ehemalige Mitschülerin vor ein paar Monaten eine Nachricht per Facebook. Ein paar Stunden später fand ich ein Foto unserer Klassenreise in meinen Nachrichten und ein paar witzige Kommentare der Mitschüler, wie toll es doch damals in England war. Plötzlich hatte ich Bilder und Gedanken im Kopf. England. Ein youth hostel. Das Narrowboat. Die Gefühle, die mit diesen Gedanken verbunden waren, waren sehr unangenehm. Selbstvorwürfe. Du hast Rückenschmerzen vorgespielt, du lagst im Narrowboat die ganze Zeit im Bett. Ja, schon damals habe ich wohl Dinge vorgetäuscht, ich war schon immer eine tolle Schauspielerin, dachte es in mir.

————— TRIGGER ————–

Irgendwann kamen mehr Bilder. Der Anfang der Klassenreise. Ein Teich beim youth hostel. Eine schwarze Trainerhose mit Sperma drauf. Shit, Sperma, warum denn Sperma? Dann folgte ein Flashback. Ich will nicht in die Details gehen. Anscheinend wurde der Körper damals von einem Mitschüler vergewaltigt, da wir den Mitschüler aber weggeschoben haben, landete sein Sperma auf der Trainerhose.

———- TRIGGER ENDE ————

Das Flaschback erschreckte mich. Doch plötzlich machten die Rückenschmerzen Sinn. Ich musste mich nicht für meine Schmerzen verurteilen, sie waren eine Reaktion auf etwas Schlimmes, das mir damal wohl passiert ist.

Doch auf diese Realisation folgte eine riesige innerliche Panik. Die Quark, die sich hauptsächlich um unseren Alltag kümmerte, hat wohl das Flashback und die anderen Dinge teilweise mitgekriegt. Jedenfalls ging sie in einen Zustand der tiefen Depersonalisation hinein und wollte nicht mehr rauskommen. In Panik schrieb sie Frau Stern, ob sie vorbeikommen könne. Sie fing an, alle Hinweise aufzuschreiben, dass da Anteile sein könnten. Sie schrieb eine Frageliste mit allen Fragen, die sie sich in ihrem Leben gestellt hat.

Beim Besuch bei Frau Stern sagte die Quark, sie wolle in die Klinik. Frau Stern organisierte einen Aufenthalt im Kriseninterventionszentrum, da sie ihr (uns?) den Aufenthalt auf einer Akutstation ersparen wollte. Und so landeten wir im KIZ.

Jetzt brauchen wir definitiv eine Pause. Das war ziemlich viel und sehr anstrengend. Aber irgendwie tut es auch gut, das alles aufzuschreiben. Danke, liebe Quarks, dass wir das schreiben dürfen.

DIS

DIS-Diagnose Teil 2

Warum schreiben wir diesen Beitrag eigentlich? Es geht darum, dass diejenigen von uns, die nicht glauben, verstehen, warum es tatsächlich so sein könnte. Es geht darum, uns selber zu glauben, an uns zu glauben. Und das ist ein Prozess, der wohl noch lange dauern wird. Wir hoffen, dass wir hier immer wieder nachlesen können, warum es so ist. Ziel ist, die Zweifel langsam aufzuweichen und Platz zu schaffen für etwas, das uns hilft zu heilen.

Also, wo sind wir stehengeblieben? Genau, in der Klinik in O., wo jemand von uns Kontakt zu einem Kind aufgenommen hat. Ich möchte euch wieder bitten, liebe Quarks und Quirks, mir beim Schreiben und Erinnern zu helfen. Ich kann das nicht allein.

Nachdem Frau Stern anfing, mich mit der Idee einer Hochbegabung zu konfrontieren, passierten ein paar interessante Dinge: Ich begann, mehr auf meine Gedanken zu achten, sie zu beobachten, meine Denkprozesse zu analysieren. Mir war vorher nicht so richtig bewusst, dass mein Denken in Dialogen stattfindet, ich wusste auch nicht, dass mir die Ideen, die Einfälle, irgendwie in die Gedanken eingegeben wurden. Es fühlte sich nicht an, wie wenn das meine Einfälle waren, auch wenn mein Hirn sie produzierte. Deshalb hat mich Frau Sterns Hartnäckigkeit, mich mit der Hochbegabung anzufreunden, auch eher irritiert. Ich fühlte mich nicht intelligent und ich meinte, dass meine „intelligenten“ Ideen einfach Zufallsprodukte meines Gehirns waren.

Ich merkte auch, dass meine Gedanken mit Emotionen verknüft sind. Ich fing an zu glauben, ich denke in Emotionen, nicht mit dem rationalen Teil des Gehirns. Mir war sehr bewusst, dass die Medikamente die Gefühle unterdrückt haben und ich glaubte, dass ich nun, mit den ganzen Gefühlen einfach besser denken konnte. Irgendwie stimmt das ja auch. Ich genoss mein Denken, ich genoss die anregenden Diskussionen in meinem Kopf und ich fand es spannend, wieviel Wissen in mir drin zu stecken schien, von dem ich gar nichts wusste. Gleichzeitig war innerlich eine grosse Angst da, diese Vielfalt im Kopf wieder zu verlieren. Ich bin heute nicht sicher, ob das meine Angst war oder die von anderen Quarks. Da ich die „Psychose“ selber nicht erlebt habe, hatte ich niemals Angst, ich könnte psychotisch werden. Dieser Gedanke schien mir absurd, aber ich glaube, E. und andere Leute in meinem Umfeld hielten das für durchaus möglich.

Ok, was war noch? Sollen wir schon von der Kawasaki erzählen oder gibt es noch etwas Wichtiges, das wir vergessen haben? Ich habe gerade nur die Kawasaki im Kopf, also erzählen wir von der Kawasaki:

Vor ein paar Monaten kam der Vermieter zu mir in die Wohung um, den Keller zu streichen. Ich bot ihm in der Pause einen Kaffee an und wir unterhielten uns. Irgendwas muss mich getriggert haben, denn ich bin im Gespräch verschwunden und hatte ein Blackout. Mein Körper schien jedoch weiter mit dem Vermieter zu reden. Nachdem der Vermieter gegangen war, fühlte ich mich total scheisse, hatte den Eindruck, ich hätte mich blamiert und schämte mich für mein Verhalten, obwohl ich gar nicht wusste, was passiert war.

Ich erzählte das am Abend meiner Mitbewohnerin K.. Ich hatte ein total schlechtes Gewissen, dass ich den Vermieter verärgert haben könnte. Ein paar Tage später sagte mir K., der Vermieter hätte das Gespräch sehr toll gefunden und hätte es genossen, mit mir zu reden. Ich hätte so interessante Dinge erzählt und so viel gewusst, er war total beeindruckt von mir. Und ich so: Hä?!? Was war da los?

Als ich das Frau Stern erzählte, ging sie gar nicht so richtig darauf ein, vielleicht kann ich mich auch nicht daran erinnern. Sie erklärte mir jedoch, dass ich mit Achtsamkeit den Fokus auf einen Körperteil von mir richtigen könne, um bei „mir“ zu bleiben, damit ich im Gespräch nicht verschwinde. Ich konnte damit nicht so viel anfangen, also vergass ich das wieder.

Ein paar Tage später passierte etwas Ähnliches. Ich sass mit K. und einem Freund von ihr am Seeplatz und wir unterhielten uns über die Ferien ihres Freundes. Er erzählte, dass er nicht mit dem Motorrad nach Südfrankreich fahren werde, sondern mit dem Auto und ich fragte, warum. Er antwortete, dass er eine Sehnenscheidenentzündung habe und mein Körper fragte ihn, warum er nicht mit einem Automaten fahren würde. Hä?! Ein Automat? Woher weiss ich überhaupt, dass die Sehnenscheidenentzüdung durch die Kupplung beim Motorrad verstärkt wird? Gleichzeitig glaubte ich zu merken, dass K. sich mit dem Thema Motorrad überhaupt nicht wohlfühlte und mich böse anschaute.

Als ich wieder zu mir kam, fragte mich der Freund von K. gerade, ob ich mal mit einem Automaten gefahren sei und mein Körper sagte ja. Und ich so: Nein, niemals! Ich bin nie Automat gefahren, traute mich aber nicht, was zu sagen und mir selber zu widersprechen. Dann passierte etwas Seltsames: Ich hatte ein 3-D Bild vor Augen, in dem ich mit einer weiss-grünen Kawasaki einen Hügel hochfahre und sie schaltet einfach nicht. Ich merke, wie die Kawasaki immer langsamer wird und plötzlich gibt es einen Ruck, der Motor heult auf und sie wird wieder schneller. Ich spürte die Unebenheiten des Bodes, auf der die Kawasaki fuhr, ich spürte den Wind, die Angst, dass sie nicht schalten würde. Es war ziemlich schräg. Gleichzeitig erzählte mein Körper davon, dass er nicht gerne Automat fährt, weil das Schalten manchmal nicht so optimal erfolgt.

Nach diesem Gespräch war ich erstmal baff. Wie konnte mein Gehirn eine solche Fantasie entwickeln und Dinge über Motorräder wissen, die ich gar nicht weiss? Vage ist mir bewusst, dass wir mal ein Motorrad hatten, in Thailand, aber das war schwarz, nicht weiss-grün. Erschrocken erzählte ich dies Frau Stern. Leider weiss ich nicht mehr, was sie dazu gesagt hat.

Die beiden Erlebnisse mit dem Vermieter und der Kawasaki liessen mich nicht mehr los. Wie war sowas möglich? Mein Gehirn beschäftigte sich ununterbrochen damit. Irgendwann erschien das Wort „Dissoziation“ in meinem Kopf und ich fing an, mich damit zu befassen. Ich las, dass Dissoziationen oft bei Traumafolgestörungen auftauchen, etwas, das ich irgendwie auch zu wissen schien. Aber Trauma? Ich? Im Ernst? Das kann gar nicht sein.

Irgendwann fasste ich den Mut, Frau Stern zu fragen, ob dieses Phänomene eine Art Dissoziation sein könnten. Auch hier kann ich mich nicht an ihre Antwort erinnern, aber ich glaube, sie sagte ja, denn danach fing ich an, mich mit dem Thema näher zu befassen. Ich hatte ein Buch zum Thema Ego-State-Therapie zu Hause. Das muss ich mir wohl früher irgendwann gekauft haben, keine Ahnung. Jedenfalls hatte es darin ein Kapitel zur strukturellen Dissoziation und Informationen, wie man Ego-States erkennen und mit ihnen in Kontakt treten kann.

Was mich an der strukturellen Dissoziation irritierte, war, dass anscheinend die Anzahl der ANP etwas darüber aussagt, wie „schlimm“ die strukturelle Dissoziation ist. Mir war völlig klar, dass ich mehrere ANPs hatte, obwohl ich nicht weiss, woher dieses Wissen kam.

Ich war jedoch immer noch in meiner Neugier-Phase. Ich wollte wissen, ob ich auch Ego-States haben könnte und versuchte, in einer Art Meditation, mir die Begegnung mit einem Ego-State vorzustellen. Krass war, da war nicht einfach ein Bild, sondern das Bild war 3D, bewegte sich, sprach mit mir und der Ego-State hatte sogar einen Namen. Es war ein Name, den meine Mutter oft verwendet hat, um mich anzusprechen, den ich aber total vergessen hatte. Ich war irritiert und hatte Angst. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Ego-States derart lebensecht sind. Ich meinte, das sei ein Konzept, das verwendet wird, um in der Therapie bestimmte Verhaltensmuster besser zu verstehen.

Noch wollte ich aber nicht wahrhaben, dass da mehr sein könnte. Ich las dann das Ego-State-Buch, hörte mir einen Podcast zur Ego-State-Therapie an, bestellte mir noch ein anderes Buch zum Thema und fing auch an, ein bisschen was zum Thema Dissoziation zu lesen. Was da beschrieben wurde, insbesondere die Erfahrungen, die Menschen machen, die von struktureller Dissoziation betroffen sind, schien in mir drin irgendwas anzustossen. Ja, so ging es mir auch, ich kannte das. Ungläubig las ich weiter und dachte gleichzeitig: Nein, das kann doch nicht sein.

Vage erinnerte ich mich, dass ich in einer Weiterbildung zum Thema Stimmenhören vor vielen Jahren mal einen DES-Fragebogen ausgefüllt habe und das mein Ergebnis um ein Vielfaches höher war als das der anderen Teilnehmer. Ich glaube, es war 51, üblich sind Werte um 5, bei einer PTBS um 30. Aufgrund meines DES-Wertes hat der Leiter der Weiterbildung damals auch darauf verzichtet, direkt mit den Stimmen zu reden, sondern sagte, er würde mir die Fragen stellen, ich könne sie der Stimme stellen und dann die Antwort weitergeben. Damals schien ich mir nichts dabei zu denken.

Ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Ich füllte den DES-Fragebogen nochmals aus, möglichst, ohne bei den Antworten zu übertreiben. Trotzdem war das Ergebnis wieder sehr hoch. Ich wurde neugierig, suchte im Internet nach einem Fragebogen für Dissoziative Störungen und fand das MID-Inventar. Für das Analyse-Dokument musste ich nur ankreuzen, dass ich in einem professionellen psychiatrischen Kontext arbeite (, was ja irgendwie auch stimmt) und ich bekam es per Email zugeschickt. Ich machte den Test. Das Resultat: DIS.

Natürlich vertraute ich dem Resultat nicht und natürlich war mir bewusst, dass nur eine professionelle Person sowas wirklich beurteilen konnte. Doch ich machte den Test noch einmal, diesmal antwortete ich sehr zurückhaltend, versuchte, ja nicht zu übertreiben. Wenn ich unsicher war, beantwortete ich die Frage mit 0. Doch das Resultat blieb dasselbe: DIS.

Die Geschichte geht noch weiter, aber ich brauche erstmal eine Pause. Ich habe noch nicht gefrühstückt. Vielleicht wäre das mal was.