DIS

Therapie

Am Freitag war ich in der Therapie. Wir haben über den Klinikaufenthalt gesprochen, über das Chaos, das er in mir ausgelöst hat, über die Scham. Ich schäme mich unglaublich für das Verhalten in der Klinik, aber ich verstehe langsam, dass es nicht meine Schuld war.

Vor einer Woche hat Frau Stern mit mir die Situation in der Klinik mit der Transaktionsanalyse angeschaut. Nicht nur ich war nicht in meinem Erwachsenen-Ich, sondern die Pflege und die Psychologin auch nicht. Die Verhaltenweisen haben sich gegenseitig verstärkt. Ich war das unartige Kind, sie die strengen Eltern. Damit haben wir meine Vergangenheit reinszeniert. Immer und immer wieder, bis ich zusammenbrach und nicht mehr reden konnte. Deshalb war der Aufenthalt so ein riesiger Horror.

Die Scham wird von Introjekten aufrecht erhalten. Sogar die Psychologin aus der Klinik und eine der Pflegerinnen haben ein eigenes Introjekt in uns gekriegt. Ich frage mich, ob sie sich freuen würden, das zu erfahren. Fakt ist: Die Klinik hat mich weiter retraumatisiert und nicht aus der Retraumatisierung rausgeholt, was eigentlich der Grund für den Klinikaufenthalt war.

Langsam krieche ich aus meiner Erstarrung heraus, doch es macht mir Angst, ich bin sehr unsicher. Kann ich das überhaupt schaffen? Meine Gedanken produzieren Zweifel an meiner Version, sie verurteilen mich für mein Verhalten, beschimpfen mich.

Frau Stern möchte, dass ich lieber mit mir selber umgehen, aber es fällt mir schwer. Ich glaube, ich habe es nicht verdient. Ich glaube, es ist verboten, lieb mit mir zu sein. Irgendwas in mir drin verbietet mir das. Frau Stern sagt, das sind die Introjekte. Deshalb habe ich keinen Zugang mehr zum Selbstmitgefühl, das früher so viel geholfen hat, deshalb kann ich fast nie mehr weinen und traurig sein, sondern verspüre nur noch Scham und Wut auf mich selber.

Das Leben ist verdammt kompliziert. Heisst das, meine Gedanken sind gar nicht meine Gedanken? Und wie kann ich das unterscheiden?

Jede Woche macht Frau Stern mehr Hinweise darauf, dass sie die anderen kennenlernen möchte. Sie sagt es nicht direkt, aber sie macht Bemerkungen dazu. Sie meinte auch, dass sie ein paar schon kennen würde. Das macht mir Angst. Woher kennt sie die? Waren sie da, ohne, dass ich es gemerkt habe? Am Freitag hat sie irgendwas gesagt, das ich nicht mitbekommen habe und dann sagte sie plötzlich: „Jetzt spreche ich in Sie hinein, das ist nicht fair.“

Mir gefällt das nicht. Sie hat am Freitag auch erzählt, wie sie Lou kennengelernt hat. Das war anscheinend eine Stimme von früher. Ich hätte damals einen graphischen Avatar von ihm kreiert, wir hätten ihn laminieren lassen und sie habe sein Bild auf einen Stuhl gesetzt und dann mit ihm gesprochen. Er hätte geantwortet und es habe sich herausgestellt, dass es mich beschützen wollte, obwohl ich meinte, er sei böse.

Ich weiss, sie will mich darauf hinweisen, dass Introjekte nicht böse sind, sondern mich beschützen wollen. Sie will mir mit dieser Erzählung auch zeigen, dass sie schon mal mit anderen in mir drin gesprochen hat und dass es gar nicht so schlimm war. Aber ich habe keine Erinnerungen mehr daran und für mich ist es schlimm. Für mich ist es schlimm, dass da andere sind und für mich ist es schlimm, dass ich mich selber und meiner Wahrnehmung nicht vertrauen kann.

Ganz ehrlich, ich hätte lieber eine Psychose als eine DIS. Dann könnte ich das Verhalten einfach als irrational abtun und müsste mich nicht damit auseinandersetzen. Aber so? Das ist doch echt scheisse.

Frau Stern meinte auch, ich müsse lernen, mich nicht für die anderen zu schämen, denn ich könne nichts dafür. Ich müsse auch nicht allein die Verantwortung für das Verhalten der anderen übernehmen und es sei unfair, dass die anderen etwas anstellen würden und ich würde dann die Kritik dafür kriegen.

Okay? Und was soll ich jetzt damit? Die Lösung sei anscheind, lieb und verständnisvoll mit mir selber umzugehen. Wie macht man das, wenn man das nicht darf?

DIS

Scherben

Ein deutscher Verlag hat einen Wettbewerb ausgeschrieben zum Thema Scherben. Man darf unveröffentlichte Romanauszüge oder eine Kurzgeschichte einschicken. Es soll eine coming-of-age story sein, die zeigt, wie Erinnerungen an die Kinheit Scherben sein können.

Wir haben ein Manuskript dazu geschrieben. Mehrere Scherben. Nicht die schlimmsten, aber doch so, dass sich daraus eine Geschichte ergibt. Es ist nicht unsere Geschichte, es ist Fiktion, aber doch so verdammt nah dran an der Realität. Morgen ist der Abgabetermin, doch wir haben beschlossen, unsere Geschichte nicht einzuschicken. Es ist zu persönlich, zu nah, zu wahr. Auch Fiktion kann manchmal wahr sein.

Einige von uns schreiben schon lange. Schon in der Primarschule haben wir Geschichten erfunden. Mit 16, als wir ganz traurig waren, haben wir sehr viel geschrieben. Einmal ist eine Geschichte über Selbstmord entstanden, der Deutschlehrer wollte mit uns darüber sprechen. Ich habe keine Ahnung, ob dieses Gespräch jemals stattgefunden hat oder ob der Lehrer es wieder vergessen hat. Fast alles unsere Erinnerungen sind Scherben. Fragmentiert. Unzusammenhängend und manchmal gibt es viele verschiedene Versionen für die gleiche Geschichte. Erinnern ist verwirrend.

Mit 16 hat uns die Mutter aus dem Haus geworfen, weil wir die Haare geschnitten und blond gefärbt haben. wir sind zu unserem Freund und haben erzählt, dass der Vater uns missbraucht. Die Eltern des Freundes haben mit meinen Eltern gesprochen, dann hat uns der Vater abgeholt und wir mussten wieder nach Hause. Ausserdem mussten wir uns bei allen beteiligten für unsere Lügen entschuldigen. Wie demütigend. Wie traurig. Wie schlimm.

Damals dachte ich, ich hätte wirklich gelogen und ich wusste nicht, warum ich sowas erzählen würde. Vor Kurzem ist mir die Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die Scherbe ist wieder aufgetaucht. Und heute bin ich ziemlich sicher: Das war keine Lüge.

Uns wurde zu Hause oft vorgeworfen, wir würden lügen, die Wahrheit verdrehen, Dinge erfinden. Doch was, wenn wir gar nicht gelogen haben, wenn die Dinge wahr waren oder zumindest teilweise wahr?

Beim Schreiben passiert es oft, dass die Dinge, die wir schreiben und von denen wir denken, sie sind erfunden, sich dann doch als wahr herausstellen. Das macht Angst. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte die Wahrheit erschreiben. Und manchmal bin ich nicht sicher, ob das, was ich schreibe, wahr oder erfunden ist, ob eine Geschichte meiner Fantasie oder unserer Erinnerung entspringt. Manchmal bin überzeugt, dass eine Geschichte Fiktion ist und nach Wochen oder Monaten finde ich Bilder dazu in meinem Kopf. Das ist unheimlich, macht Angst.

Ich möchte gerne wissen, was beim Schreiben mit uns passiert. Switchen wir? Schreibt plötzlich jemand anders? Sind wir in Trance oder dissoziiert und bekommen Zugang zum Unbewussten? Oder beides?

In der letzten Zeit entstehen immer mehr Texte, die uns Angst machen, die mich verwirren. Es geht so weit, dass ich mich fast nicht mehr traue, einen Stift in die Hand zu nehmen oder ein leeres Dokument auf dem Computer zu öffnen. Denn was geschrieben wird, ist unheimlich. Der Kontrollverlust macht mir Angst, manchmal verliere ich Zeit, manchmal sitze ich atemlos dabei und schaue meinen Figern zu, die auf die Tasten einschlagen.

Der Begriff „automatisches Schreiben“ bekommt für mich dadurch eine ganz andere Dimension. Der Körper schreibt tatsächlich automatisch.