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Menschen

Menschen sind für uns sehr anstrengend. In der menschlichen Interaktion passiert so viel, das man nicht vorhersehen kann. Natürlich ist es auch schön, Menschen können verstehen, Wärme geben, zum Denken anregen, helfen, lieben, lachen. Aber heute will ich mal darüber schreiben, was daran so anstrengend für uns ist.

Wir hatten einen relativ nahen Kontak zu einem Menschen, nennen wir ihn Rob. Er ist Psychiatriepfleger in Deutschland. Wir haben mir ihm einen Artikel für eine psychiatrische Zeitschrift geschrieben. Wir haben mir ihm über Recovery geredet, uns ihm gegenüber geöffnet. Rob hat ein paar von uns kennengelernt, sogar mit Namen. Er zeigte uns immer wieder, wie toll er uns findet, wie vielseitig wir sind, wie sehr er unsere Einsichten schätzt, wie viel er von uns lernen kann. Er war auch begeistert von unserer Intelligenz, von unserem Wissen, von unserer Kreativität. Er gab uns das Gefühl, ok zu sein, so wie wir sind.

Fast täglich haben wir gechattet, ein paar von uns haben ihm ihr Herz ausgeschüttet, er wusste mehr über uns als irgendein anderer Mensch auf dieser Welt. Einmal haben wir ins persönlich getroffen, zweimal haben wir telefoniert. Der restliche Kontakt fand schriftlich statt. Rob ist verheiratet, es ging nicht um Liebe. Wir suchen und wollen keine Liebe, Rob hat uns unterstützt, uns beigestanden. Ich habe den Kontakt zu ihm sehr genossen und viel von ihm gelernt, über mich, über Menschen, über professionelle Dinge im psychiatrischen System. Es war schön und es hat mir sehr gut getan.

Gestern hatten wir eine Diskussion mit ihm über Umweltthemen. Rob ist in diesem Bereich sehr engagiert, gibt sich ein bisschen als Missionar und moralischer Gott. Wir haben vor vielen Jahren mal Umweltwissenschaften studiert, gleichzeitig mit der Informatik. Und wir wissen sehr viel zu dem Thema. Nachdem Rob uns schon mehrmals mit seiner moralischen Überlegenheit bei dem Thema genervt hat, wollten wir ihm gestern spiegeln, dass wir uns ein bisschen mehr Bescheidenheit von seiner Seite bei diesem Thema wünschen. In anderen Worten: Wir haben ihm eine Lektion erteilt.

Mir tut es sehr Leid, dass wir das getan haben und ich wollte das nicht, aber ich konnte nur zusehen und hatte überhaupt keine Möglichkeit einzugreifen. Sonst hätte ich es getan. Im Nachhinein habe ich mich bei ihm für unser Verhalten entschuldigt. Leider war der Schaden da aber schon angerichtet.

Wir haben ihm mit rationalen Argumenten gezeigt, dass er mit seinem Elektroauto nicht ein besserer Mensch ist, als Menschen, die ein normales Auto fahren. Wir haben ihm gesagt, dass die meisten Menschen mit Kompromissen versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen und dass es für eine nachhaltige, sinnvolle Umweltpolitik viel radikalere Lösungen braucht als Elektroautos. Wir wollten ihm nur sagen, dass er sich moralisch nicht so aus dem Fenster lehnen soll. Es gingt nicht darum, ihm zu sagen, er sei ein schlechter Mensch. Das finden wir auch gar nicht. Wir mögen ihn wirklich.

Unsere Argumente waren gut und wir hatten recht. Das hat Rob auch zugegeben, im Nachhinein. Aber er hat Andy, den Anteil, der mit ihm diskutiert hat, total abgelehnt. Man merkte, dass Rob sehr wütend und verletzt war. Und Andy war sehr frustriert, weil er zwar recht hatte, aber Rob ihn dafür ablehnte.

Seit der Diskussion gestern herrscht im Innen grosses Chaos. Andy will nichts mehr mit Rob zu tun haben. Er findet ihn dumm und als Mensch „schwach“, weil Rob nicht eingestehen kann, dass er tatsächlich zu wenig Ahnung vom Thema hat und seine moralische Überlegenheit deshalb nicht angebracht ist. Für Andy haben solche Menschen nichts in unserem Leben verloren.

Ich mag Rob und ich finde es sehr hilfreich, mit ihm zu reden, aber wenn er Andy ablehnt, dann finde ich ihn auch nicht mehr so toll, denn es ist gerade diese Akzeptanz von unserer Vielfalt, die für mich den Kontakt mit ihm so wertvoll macht. Wenn Andy in einem anderen Bereich bei anderen Menschen gut argumentierte und recht hatte, dann hat Rob uns in der Vergangenheit immer ermutigt, zu unserer Meinung zu stehen und hat uns gesagt, dass wir mit unserer Intelligenz und unserem Wissen die anderen Menschen überfordern, aber dass das ihr Problem sei, nicht unseres. Diesmal hat es Rob getroffen. Und plötzlich ist es doch unser Problem.

Solche Situationen kommen oft vor. Damit machen wir uns unbeliebt. Früher haben wir einfach den Mund gehalten, wenn uns jemand etwas sagte, das keinen Sinn machte. Heute nicht mehr. Aber dadurch wird das Leben viel anstrengender und schmerzhafter und mit Ablehnung können wir nicht so gut umgehen.

Bei Rob können wir uns wohl erklären, den Konflikt lösen, indem wir ihm beschreiben, was solche Diskussionen und sein Verhalten bei uns im Innen auslösen. Wenn er sich etwas beruhig hat, in ein paar Tagen, wird er es verstehen. Aber bei anderen Menschen, die nicht so viel über uns wissen, die nicht so viel Verständnis haben, wie sollen wir mit denen umgehen?