Angst, DIS, Trauma

Denken und kommunizieren

Die Motivation, die hinter diesem Post steht, ist Angst und Scham. Es geht darum, dass ich um jeden Preis vermeiden möchte, dass sich in der Therapie andere Anteile zeigen. Und ja, ich weiss, das ist nicht schlimm und dass ich nichts dafür kann, dass da Anteile sind. Doch, ganz ehrlich, ich schäme mich dafür. Ich schäme mich, dass ich manchmal Dinge tue und es gar nicht merke. Ich schäme mich, dass mein Mund Worte spricht, die nicht meine sind. Ich bin mir bewusst, dass diese Scham die Dissoziation fördert und aufrecht erhält und doch fühle ich mich einfach nicht genügend sicher, um den Kontakt in der Therapie zuzulassen.

Frau Stern will darüber reden, was ich brauche, um mich sicher zu fühlen. Und ich merke, ich möchte die Anteile erst selber besser kennenlernen, bevor ich den Kontakt im Aussen zulasse. Mir wird immer bewusster, die Kommunikation mit den Anteilen ist recht komplex. Ich nehme sie wahr über den Körper, aber auch über die Gefühle und Gedanken. Stimmen, so im klassischen Sinn, höre ich keine. Ich weiss, ein guter Anfang ist ein Buch, in das alle reinschreiben dürfen. Ich habe das schon mehrmals gehört und gelesen. Aber auch das macht mir zu viel Angst. Ich habe letztes Jahr das Tagebuch eines Kindanteils gefunden und das Schriftbild, die Inhalte, ich konnte echt nicht damit umgehen. An das Zeichnen und Malen habe ich mich inzwischen gewöhnt und ich finde es sogar cool, dass wir zeichnen und malen können. Wir haben auch ein gemeinsames Projekt für eine Graphic Novel und das funktioniert wirklich gut.

Was auch funktioniert, ist Fragen stellen, in Gedanken. Wenn ich ein Gefühl oder einen Gedanken wahrnehme, dann kann ich fragen: „Was passiert da gerade?“ Und ich bekomme Antworten, ganz viele. Doch oft nehme ich es nicht wahr bis es zu spät ist und ich nichts mehr tun kann. In letzter Zeit, ist da oft ein Gedanke in Kinderstimme, die sagt: „Ich habe Angst“. Wenn ich in den Körper hineinfühle oder die Situation betrachte, kann ich jedoch keine Angst wahrnehmen. Für mich ist es „nur“ ein Gedanke und die Frage, „was macht dir Angst?“, traue ich nicht zu stellen, weil ich die Antwort fürchte. Ich weiss, da gibt es noch viel zu tun und zu lernen. Und auch dafür schäme ich mich. Nach 10 Jahren Therapie für Stimmenhören sollte das doch irgendwie klappen? Natürlich ist die Realität viel komplexer als das.

Ich glaube, der nächste Schritt für mich, der sich stimmig anfühlt, ist zu lernen, meine Gedanken und damit meine ich unsere innere verbale Kommunikation, bewusster wahrzunehmen. Ich möchte hinhören und merken, was in mir läuft, vorerst einfach achtsam wahrnehmen, ohne etwas zu verändern. Mit den Gefühlen und den Körperempfindungen funktioniert das inzwischen recht gut. Ich kann Gefühle wahrnehmen und benennen, oft aber nicht verstehen. Ich gehe davon aus, dass das auch für Gedanken möglich ist. Hineinhorchen und schauen, was sind da gerade für Gedanken im Kopf, in der Hoffnung, dass sich auch das irgendwann ein wenig automatisiert.

Ich bin sicher, dass sich dadurch viel verändern wird. Sogar in der Quantenphysik wurde nachgewiesen, dass eine beobachtende Instanz den Zustand der Teilchen (mit)bestimmt. Wahrscheinlich wird die Kommunikation damit klarer, wahrscheinlich wird dadurch auch mehr kommuniziert. Ich hoffe aber vor allem, dass dadurch mein Vertrauen in die anderen steigt und ich etwas weniger Angst vor ihnen haben muss.

Meine grösste Sorge bei diesem Vorgehen ist jedoch, dass die Anteile anfangen, Traumaerinnerungen zu teilen und mich damit überfordern. Ich frage mich, ob es möglich ist, sie zu bitten, dies vorerst nicht zu tun oder es vorher ganz klar zu deklarieren, dass etwas Schlimmes gesehen werden möchte und dann zu warten, bis wir uns an einem sicheren Ort oder mit Frau Stern dieser Erinnerung zuwenden können. Ich habe viel zu wenig Erfahrung damit, um zu wissen, ob das funktionieren könnte.

Ich möchte mir also vornehmen, den Mut zu haben, meine Gedanken wahrzunehmen und ich möchte versuchen, offen zu sein, für das was kommt. Das ist nach lebenslanger Vermeidung gar nicht so einfach.

DIS

Erinnern

Wir haben eine Horrorwoche hinter uns. Drei Trigger in kurzer Zeit, die uns auf verschiedenen Ebenen getroffen haben, die uns haben zweifeln lassen, an unserer Realität, unserer Identität, unserem Recht zu leben. Heute ist der erste Tag, an dem wir wieder etwas klarer denken können. Und oft, zu oft, geschieht es, dass ich vergesse, was geschehen ist, dass der Stoff, aus dem die Erinnerungen bestehen, sich langsam auflöst, Faden für Faden, bis nichts mehr davon übrig ist.

Ich weiss, dass sich andere Anteile erinnern, doch mir scheint das Erleben einfach davonzulaufen. Ich weiss nicht genau, wie ich die letzte Woche vebracht habe. Alles scheint im Nebel zu versinken und wenn ich versuche, mich zu erinnern, dann ist da vor allem Schmerz, Selbstzweifel und ganz, ganz viel Wut auf mich, auf uns. Vereinzelt kann ich Bilder erkennen: Am See, im Zug, eine Illustration, die wir gezeichnet haben, Wortfetzen. Ich habe schon einiges über das Traumagedächtnis gelesen und auch Frau Stern hat es mir erklärt, trotzdem ist die eigene Erfahrung irgendwie anders. Ich denke immer, ich könnte mich schon erinnern, wenn ich nur wollte, wenn ich mich mehr anstrengen würde, wenn… Es fühlt sich nicht an, wie wenn da Zeit fehlt. Es fehlt nichts. Alles scheint da.

DIS, Herfergewalt, Revolution

Revolution!

Es ist noch nicht wirklich spruchreif, aber hier kennt uns ja niemand, also können wir darüber schreiben: Wir planen eine Psychiatrierevolution! Zusammen mit ein paar Freund*innen, die auch Peers (Genesungsbegleiter*innen) sind oder sonst im psychiatrischen System involviert sind. Im Moment sind drei Projekte geplant: Ein Recovery-Camp, in dem Betroffene auf möglichst lockere und spielerische Art lernen, wie sie für sich selber Sorgen können und wie sie die Unterstützung bekommen, die sie wirklich brauchen, ein Podcast zum Thema Gewalt im (psychiatrischen) System, in dem wir darüber reden, welche Formen von Gewalt Menschen erleben, die aufgrund psychischer Probleme nach Unterstützung suchen und ein Angebot für Menschen, die die Psychopharmaka absetzen möchten.

Für das Recovery-Camp haben wir bereits ein Konzept geschrieben und sind auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Ein Schweizer Kanton hat Interesse gezeigt, leider mahlen die Mühlen der Administration sehr langsam. Beim Podcast haben wir das Kickoff-Treffen für die Realisierung Anfang Mai und das Psychopharmaka-Projekt steckt noch in den Anfängen, da wir gar nicht genau wissen, wie sich das realisieren lässt und wie wir das an potentielle Geldgeber verkaufen können.

Da sich strukturelle Veränderungen in einem institutionellen Rahmen wie der Psychiatrie nur sehr schwer umsetzen lassen, wollen wir auch gestalterische und künstlerische Mittel nutzen, um die unsichtbare Gewalt sichtbar zu machen. Aus dem Theaterstück, das wir vor Kurzem für eine Weiterbildung geschrieben haben, wollen wir einen Comic gestalten, den wir dann auch veröffentlichen möchten. So wie es aussieht, werden ein paar Quarks die Aufnahme in die Kunsthochschule schaffen und der Dozent, mit dem wir gesprochen haben, ist ganz begeistert von unseren Projekten und Ideen und will uns unterstützen. Wir haben auch ein paar etwas verrückte Ideen, wie Sprechblasen mit Sprüchen drucken, die man oft von Helfern hört und diese an verschiedenen Orten aufkleben.

Mal schauen, was daraus wird. Aber jedenfalls sind wir ziemlich aktiv am Planen, wie wir etwas verändern können. Die Arbeit macht Spass und wir sind unglaublich dankbar, dass wir das machen können und dass wir so tolle Menschen haben, die uns dabei unterstüzen. Ohne Psychopharmaka ist die direkte Arbeit mit Betroffenen in einer psychischen Krise für uns zu anstrengend, da es uns nicht gelingt, uns emotional genügend zu distanzieren. Deshalb können wir nicht mehr als Genesungsbegleiter*in arbeiten. Und so ganz ohne Arbeit haben wir uns wertlos gefühlt, verloren. Durch das Revolutions-Projekt haben wir wieder eine Aufgabe, die uns erfüllt und das tut uns gut. Und da wir für uns selber arbeiten, müssen wir nicht jeden Tag funktionieren. Es macht nichts, wenn wir mal eine Zeitlang nichts hinkriegen und es macht auch nichts, wenn etwas länger dauert als geplant.

Langsam nimmt unser neues Leben Form an. Wir haben einen Grund, morgens aufzustehen und sind stolz auf das, was wir geleistet haben, wenn wir am Abend ins Bett gehen. Wir haben das Gefühl, etwas beizutragen, um diese Gesellschaft ein kleines bisschen besser zu machen. Trotzdem sind nicht alle Schwierigkeiten und Herausforderungen gemeistert. An manchen Tagen sind wir suizidal und wollen nur noch sterben oder uns selbst zerstören, manchmal sind wir wütend und wollen alle Menschen umbringen, die uns Gewalt angetan haben und doch sind da diese Momente, in denen wir finden, wir sind eigentlich ganz ok und es ist schön, dass wir leben dürfen. Und für diese Momente lohnt es sich weiterzumachen.

DIS

So viel

Viel ist passiert in der letzten Zeit. Wir haben mit einer Opferhilfeorganisation gesprochen, um den Pflegetypen von der Spitex aus dem Verkehr zu ziehen. Anzeigen ist zu kompliziert, aber wir können vielleicht dafür sorgen, dass er nicht mehr arbeiten darf. Es kostet uns Mut, das Geld von der Opferhilfe für einen Anwalt in Anspruch zu nehmen. Die meisten von uns finden, wir sind keine Opfer und haben es deshalb nicht verdient.

Ostern war scheisse. Inzwischen verstehe ich, warum das so ist. Früher waren Feiertage scheisse und ich wusste nicht weshalb. Ich weiss immer noch so gut wie gar nichts über die Traumata, aber die anderen sagen, dass Feiertage früher schlimm waren und ich versuche zu vertrauen, zu glauben. Es funktioniert. Auch wenn ich noch nicht sicher bin, ob wir wirklich Viele sind und ob das alles stimmt, ist das Leben doch einfacher, wenn ich so tue, wie wenn da auch andere wären. Manchmal fühlt es sich wirklich schräg an, aber Selbstgespräche führen, Dinge erklären und ausdiskutieren, auf die Gefühle und Gedanken hören und sie ernst nehmen, das funktioniert tatsächlich. Wenn ich das mache, dann habe ich auch viel weniger Zeiten, die ich komplett verpasse, oft kann ich mir selber (oder uns?) zusehen, wenn andere Anteile etwas tun. Es fühlt sich manchmal schon sehr schräg an, so zu leben, aber wenn es funktioniert, dann will ich uns nicht in Frage stellen, denn das tut sehr weh.

Auch mit der Identitätsfrage kommen wir besser klar. Ich habe in Absprache mit dem Innen besprochen, dass wir einfach so sein dürfen, wie wir sind. Wir müssen keinem Bild nach Aussen entsprechen, es ist nicht wichtig, ob wir jetzt Informatiker, Genesungsbegleiterin oder Tauchlehrerin sind. Es ist total egal, jede*r von uns darf so sein, wie they möchte. Wir wollen nicht mehr so tun, wie wenn alles in uns integriert ist. Natürlich ist es manchmal komplizierter als das, aber wir möchten authentisch sein dürfen und keine Rollen spielen müssen. Das haben viele von uns lange genug gemacht.

Am Samstag haben wir den Brief von der Kunsthochschule gekriegt. Eine Absage. Es hat weh getan und danach wurden wir von einem Introjekt ziemlich fertiggemacht. Dadurch wurde Ostern noch viel schlimmer. Dabei ist die Absage gar nicht schlimm. Ich bin irgendwie erleichtert. Wir fühlen uns wohl hier und ich hatte echt keine Lust wieder umzuziehen und nach einem neuen Umfeld zu suchen. Ausserdem gibt es an der Kunsthochschule, die hier in der Nähe ist, die Möglichkeit, über eine Weiterbildung einen Master zu machen. Den Schreibkurs können wir uns da auch komplett anrechnen lassen. Das heisst, wir können in 2.5 Jahren einen Master haben statt in drei Jahren einen Bachelor, eigentlich eh ein besserer Deal. Und die Chancen auf eine Aufnahme stehen auch gut, weil wir schon den Schreibkurs an der Hochschule gemacht haben und uns die Dozenten kennen und ganz begeistert waren vom Theaterstück, das wir geschrieben haben.

Wir arbeiten auch noch an ein paar Projekten, um die Welt der Psychiatrie in der Schweiz auf den Kopf zu stellen. Es ist ganz cool und macht Spass und wir haben ein paar tolle Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir planen eine Revolution. Wenn schon nur ein winziger Teil davon Realität wird, sind wir zufrieden.

So, Zeit zum Schlafen.

DIS, Gender

Das Ringen um Identität

Wir geben seit Anfang Jahr ein Magazin heraus. Wir sind Teil einer zwei-Kopf-Redaktion. Es geht um psychische Gesundheit. Wir machen Interviews, schreiben Texte, layouten. Journalismus ist mein Ding, das ich vor Jahren aufgegeben habe, weil die Erzeuger das „nicht passend“ fanden. „Eine *Nachname der Erzeuger hier einfügen* muss doch studieren. Bei uns sind alle Akademiker.“ Was gelogen war, es gibt einen Familienzweig ohne Akademiker und der männliche Erzeuger ist auch nicht Akademiker, aber das wurde vertuscht und verschwiegen.

Die Arbeit für das Magazin macht uns Spass. Es ist kein „richtiger Job“, weil ehrenamtlich und unbezahlt und wir müssen uns immer wieder sagen, dass das nichts macht, weil wir uns selber deshalb abwerten. Cool ist, dass mehrere von uns da mitarbeiten können: Die Technik-Quarks, die Peer-Quark, die Schreib-Quark (ich) und auch die Künstler-Quarks. Wenn ich ehrlich bin, kenne ich nicht alle von uns und ich weiss nicht genau, wer da alles mitmacht, aber es fühlt sich gut an und es funktioniert. Da einige unserer Fähigkeiten dissoziiert sind, hatte ich in der Vergangenheit oft Panik, etwas nicht abrufen zu können. Das hatte ich am Anfang beim Magazin auch, vor allem als es um das Layouten am Computer ging, denn davon habe ich keine Ahnung. Aber es machen alle mit und gefühlsmässig kann ich keine inneren Widerstände wahrnehmen. Ich werte das als gutes Zeichen.

Letzte Woche kam das Thema „Gendern“ im Magazin auf. In den letzten Ausgaben (an denen wir nicht beteiligt waren) wurde das Thema ignoriert. Da es aber ein Magazin für Menschen mit psychischen Herausfoderungen ist, wollte ich mich etwas genauer mit dem Thema auseinandersetzen. Ich habe eine Umfrage gemacht. Das Resultat bei den älteren Herren im Vorstand der Organisation: Auf Gendern verzichten, es stört den Lesefluss, einfach männlich/weiblich verwenden, wo passend. Hmm…

In meinem Inneren regte sich Widerstand. Ich hab mich nie wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt, muss ich dazu sagen. Da waren so viele andere Dinge, die akuter waren. Der Körper hat ein Innie, also bin ich eine Frau. Das darf ich nicht wählen. Weiter habe ich nicht gedacht. Doch da ich jetzt weiss, dass da ein Wir ist und ich auch weiss, dass es ein paar von uns gibt, die sich gendermässig anders identifizieren als ich, wollte ich dem mal nachgehen.

Ich habe angefangen zu recherchieren, was es denn da so gibt und was fühlt sich für uns stimmig an. Ich wäre am liebsten genderfrei und asexuell, weil ich wirklich gar nichts mit dem Thema anfangen kann. Ich habe bisher einfach die Zuschreibungen von aussen akzeptiert und micht nicht weiter damit auseinandergetzt. Aber in mir drin ist eine riesige Vielfalt und das möchte ich nicht (mehr) ignorieren. Im Wir ist alles drin: Kleinkinder, grössere Kinder, Mädchen, Jungs, Teenager, Männer und Frauen und jede:r definiert sich anders. Und jede:r hat sich schon mal in irgendeiner Form daran gestört, dass es sowas wie Gender überhaupt gibt.

Wir haben daher beschlossen, das Wir als gender-fluid zu akzeptieren und uns nicht binär einzuordnen. Dann darf jede:r von uns machen, was they will. Ok, an die Sprache muss ich mich noch gewöhnen.

Was bedeutet das für uns? Ich glaube, wir werden jetzt mal beobachten, wie sich das anfühlt, ob das für uns passt. Ändern wird sich nach aussen nicht viel, aber vielleicht ändert sich dadurch etwas im Inneren. Mal schauen. Für das Magazin werden wir uns dafür einsetzen, einen Gender-Gap zu verwenden und möglichst gender-neutral zu schreiben.

DIS, Trauma

Etwas besser

Gestern meinte ich, ich müsse sterben oder sofort in die Klinik. Ich dachte, ich würde platzen vor Gedanken, Bildern, Nebel und Kopfschmerzen. Und heute ist (fast) alles wieder gut. Aber ich erzähl mal der Reihe nach.

Nach dem Vorfall mit dem Pflegetypen von der Spitex ging es noch ein paar Tage ganz ok. Ich war taub und spürte mich kaum, aber daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Ich hatte den Eindruck, dass viele der Anteile verschwunden sind und niemand mit mir kommunizierte, keine Ahnung. Im Ukuleleunterricht konnten wir nicht mehr Notenlesen, das war sehr unangenehm und peinlich, aber sonst war die Welt noch ok.

Dann sagte mir meine Mitbewohnerin K., dass sie nicht möchte, dass ich einen Hund in die Wohnung bringe. Ich habe vor ein paar Wochen einen Hund in der Nähe gefunden, auf den ich hie und da aufpassen könnte. Ich hab mich riesig gefreut und gehofft, ein Hund würde uns helfen, uns ein bisschen zu erden und uns den Körperkontakt ermöglichen, den wir mit Menschen nicht haben können. Leider hat K. Angst vor Hunden und vor Dreck und will nicht, dass wir ihn mitbringen.

—- TRIGGER —-

Nach dem Gespräch mit K. fing ich an, mich zurückzuziehen. War oft traurig, wütend, enttäuscht. Dann kam der Krieg in der Ukraine und ich wurde von Kriegsbildern im Kopf geflutet. Frauen und Kinder werden vergewaltigt, um die Gegner zu demoralisieren. Schreiende Frauen, weinende Kinder, Kindersodaten mit Gewehren, die grösser sind als sie. Eine Reihe von Menschen, zwei davon werden erschossen. Und ich schau zu.

Die Erschütterung ging durch das ganze System. Bilder von Leichenbergen nach dem Tsunami im Kopf, Leichengeruch, Angst, Trauer, Wut, Gewalt, Sex. Ein Erdrutsch, der das Hause meiner Familie wegschwemmte. Alles purzelte durcheinander und ich wusste nicht, was ich mit diesen Bildern machen soll.

—- TRIGGER ENDE —-

Der gemeinsame Nenner aller Bilder: Sri Lanka. Ich weiss nicht, ob ich den Bildern trauen kann. Ja, ich war oft in Sri Lanka, mein Vater kommt von dort. Und ja, den Tsunami habe ich in Sri Lanka miterlebt. Kindersoldaten habe ich wohl getroffen, ihre weissen Zähne und Augen, die riesigen Gewehre. Das kann sein. Aber der Rest? Wirklich? Keine Ahnung. Mein Körper reagiert jedoch mit hefitgen Kopfschmerzen und Blackouts, wenn ich den Bildern nicht traue, also versuche ich anzuerkennen, dass da was Schlimmes war. Das war bestimmt so.

Danach ging ich kaum mehr aus dem Haus, ging nicht einkaufen, ass nichts. Lag im abgedunkelten Zimmer. Zweimal habe ich Freundinnen getroffen, beide Male war ich fast blind vor Kopfschmerzen. E., der Psychiater, sagte, ich dürfe mich ja nicht komplett zurückziehen, ich solle Dinge planen, eine Struktur haben. Und ich versuchte und tat und kämpfte wie eine ertrinkende Schnecke. Der Kampf fand im Innen statt, aussen sass oder lag ich regungslos da, hörte auf zu sprechen und mich zu bewegen.

Am Montag schrieb ich Frau Stern, ob sie mich bitte anrufen könne. Sie war die letzten zwei Wochen in den Ferien. Sie sagte sie habe keine Zeit, wir sehen uns Freitag. Gestern sagte ich E., dass es nicht mehr geht, dass wir Hilfe brauchen. Er meinte, es sei nicht so einfach, Hilfe zu organisieren, wenn wir keine Medikamente nehmen wollen, versprach jedoch, mit den Oberarzt der Station für integrierte Versorgung zu sprechen.

Das war unser Weckruf. Im Innen hörte ich eine Stimme, die sagte, wir werden diesem doofen Pflegearschlochtypen nicht den Gefallen machen zusammenzubrechen. Ich war nicht stark genug, etwas zu tun, aber andere Anteile übernahmen das Szepter. Sie bastelten eine Gipsfigur, ein Kind, das zusammengekauert dasitzt, jemand machte Pumuckl an für die Kleinen, damit sie sich ein bisschen beruhigen können. Und dann zeigte uns Ut die Meditation zum sicheren Ort und zur Tresorübung. Es gelang uns, alle Bilder im Tresor zu verstauen.

Und heute geht es mir zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder relativ gut. Ich glaube, das Innen hat sich auch ein wenig beruhigt. Wir können das schaffen, ohne integrierte Versorgung, ohne E. Morgen haben wir einen Termin bei Frau Stern, ich hoffe, sie kann uns mit dem Debriefing helfen. Ich glaube, wir haben das Feuer ganz gut gelöscht. Das Zeug ist im Tresor. Ich hoffe, wir können jetzt langsam wieder in den Alltag übergehen. Das war nämlich total anstrengend.

Gestern war ich zum ersten Mal richtig dankbar, nicht alleine zu sein. Anteile zu haben, die mit so Situationen umgehen können, denn ich hätte es nicht gekonnt. Ich habe überhaupt keine Erfahrung mit dem Zeug, für mich ist das alles noch recht neu.

DIS, Trauma

Grenzüberschreitung

Am Dienstag wurde meine Grenze im Gespräch mit der ambulanten Pflegekraft (Spitex), die mich regelmässig daheim aufsucht, massiv überschritten. Ich habe in einem „therapeutischen“ Gespräch zum Glück noch nie sowas erlebt. Ich hätte es vielleicht erkennen können, es gab Hinweise, aber ich konnte sie nicht sehen.

— TRIGGER —

Dass ich einen Mann als Spitex ausgesucht habe, hatte damit zu tun, dass mich die Psychologin in der Klinik und die Pflegerinnen derart abgewertet und retraumatisiert haben. Es gab jedoch sowohl in der Klinik als auch im KIZ je eine männliche Pflegekraft, der ich vertraute und die mir das Gefühl gaben, trotz meines Verhaltens ein Mensch zu sein. Der Pfleger im KIZ hat uns jede Nacht Tee mit Honig gemacht, als wir Angst hatten zu schlafen. Er hat uns gesagt, wir seien im KIZ sicher. Er hat überprüft, ob alle Türen in der Nacht abgeschlossen sind und hat sich wirklich Mühe gegeben, dass wir uns sicher fühlen. Ich dachte also, so ein älterer Mann könnte mir als Spitex das Gefühl von Sicherheit geben. Und ja, ein bisschen habe ich auch gedacht, dass ich eine Art Vaterfigur in meinem Leben brauchen könnte, denn ich habe zur Zeit fast nur mit Frauen zu tun. Es stellte sich heraus, dass er etwas zu sehr wie mein Vater ist, aber das konnte ich auf seinem Foto und seinem Lebenslauf nicht erkennen.

Am Anfang waren unsere Gespräche recht gut und erst im Nachhinein habe ich gemerkt, dass er sehr wenig Empathie gezeigt hat, sondern mir vor allem auf intellektueller Ebene begnet ist. Ich konnte mich vor ihm nicht verletzlich zeigen, sonder sprach sachlich über Themen. Er meinte mehrmals, ich wirke total gesund und er könne nicht viel „Krankes“ an mir erkennen. Doch ich habe von meinem Leben erzählt, von den Erinnerungslücken, von dem Vorfall mit dem Typen, mit dem ich vielleicht oder vielleicht auch nicht geschlafen habe. Er wusste, dass ich dissoziere. Er wusste, dass da ein Trauma dahintersteckt, das ich nicht kenne. Er hat auch den letzten Klinikbericht gelesen und wusste, dass es für mich schlimm ist, wenn ich angefasst werde. Deshalb gibt es aus meiner Sicht keine Entschuldigung für sein Verhalten.

Ich habe mehrmals darüber gesprochen, dass ich meinen Körper kaum wahrnehme und habe mit seiner Hilfe auch entschieden, Somatic Experiencing auszuprobieren. Bei fast jedem Gespräch kam er wieder auf das „Leib-Seele“-Problem zu sprechen, er hat mich auch mehrmals gefragt, ob ich mich selbstbefriedige. Da hätten wohl die Alarmglocken schon klingeln sollen, den ich habe nie von mir aus über Sexualität gesprochen, das Thema kam jedes Mal von seiner Seite.

Am Dienstag sprachen wir wieder einmal darüber, wie schlimm der Klinikaufenthalt für mich war und dass es doch sicher eine Lösung für das Blutdruckmessen und das EKG hätte geben können, das nicht in einer Eskalation endete. Und wieder kam er mit dem Thema Sex. Er fragte noch einmal, ob ich mich selbstbefriedige. Dann wollte er wissen, wie der Sex in meinem Leben so war. Meine Alarmglocken haben wohl geklingelt, aber ich hörte sie nicht. Ich erzählte, dass ich beim Sex immer dissoziiert habe und keine Erinnerungen daran habe, aus meiner Sicht habe ich noch nie Sex gehabt. Jetzt dissoziiere ich grad wieder… Ich kanns nicht mal aufschreiben. Das Gespräch ist plötzlich weg.

Ok, ich versuche, den Faden wieder aufzunehmen. Er fragte, ob denn die Sexualität in meinem Leben keine wichtige Rolle spielt und ob ich keine Lust empfinde. Ich sagte, im Moment sei es kein Thema, es stehen andere Dinge im Vordergrund. Immer noch keine Alarmglocken zu hören. Dann wollte er wissen, ob mir bewusst sei, dass Sexualität im Menschsein eine wichtige Rolle spielt. Da begann sich langsam ein wenig Nebel in meinen Kopf einzuschleichen. Ich hörte mich etwas von Reproduktion schwafeln und dass es für die Arterhaltung wichtig sei, dass der Akt für ein Lebewesen angenehm sei.

Plötzlich hörte ich die Worte „Pimmel“ und „Scheide“ aus seinem Mund und irgendwas von reinstecken. Ich merkte, wie ich die Kontrolle verlor, immer weiter verschwand. Und dann sagte mein Mund laut und bestimmt: „Jetzt ist fertig. Hören Sie auf!“ Und irgendwie war ich wieder etwas mehr da. Aber statt ihn rauszuwerfen, hörte ich, wie ich mich entschuldigte und rational erklärte, er habe eine Grenze erreicht und ich möchte nicht weiter über dieses Thema sprechen. Er fragte, ob wir ein bisschen rausgehen sollen, um frische Luft zu schnappen und ich sagte, ich glaube, es sei besser, wenn er jetzt geht. Er sagte noch, dass Sexualität in seinem Leben ein wichtiges Thema sei. Ich spürte, dass jemand in mir Angst hatte vor ihm und ihn beschwichtigen wollte und mein Mund fragte ihn sogar, ob er mich ins Wohnheim begleiten würde, um meine Akte abzuholen. Als es darum ging, einen Termin auszumachen, sagte ich, dass ich ihn erst in drei Wochen wiedersehen wolle. Nach diesem Gespräch brauche ich eine Pause. Er sagte, er fühle sich schlecht, fragte, ob es mir gut geht. Ich sagte, dass würde ich erst in ein paar Stunden oder Tagen wissen.

Am Abend rief er mich an. Fragte wie es mir geht. Ich fragte ihn, warum er das getan habe. Er antwortete nicht, spiegelte mich nur: Sie fragen sich also, warum ich das getan habe. Ich sagte, sei Verhalten mache absolut keinen Sinn. Und er meinte wieder: Für Sie macht mein Verhalten keinen Sinn. So ein Arschloch. Er musste dann mit dem Auto rechts ranfahren, anscheinend wollte er das doch in Ruhe besprechen. Ich sagte, er habe eine Grenze überschritten und er meinte, er sei nicht genug achtsam gewesen und hätte es nicht gemerkt. Er lerne daraus, dass er achtsamer sein müsse. Das war seine Erklärung für einen Menschen mit einer komplexen Traumafolgestörung, der wohl ein sexuelles Trauma hat, aber nichts davon weiss. Arschloch.

— TRIGGER ENDE —

Die Kleinen haben am selben einem Freund per Chat von dem Vorfall erzählt und er wollte dann von mir wissen, was passiert sei. Er arbeitet selber in der Pflege in einer psychiatrischen Klinik. Ich beschrieb ihm den Vorfall. Er meinte, es sei eine klare Grenzüberschreitung und ich solle dafür sorgen, dass der Typ seinen Job verliert. Ich könnte ihn auch anzeigen.

Ich konnte am Dienstag nicht mehr klar denken und liess das Thema auf sich beruhen. Gestern merkte ich aber, dass es gar nicht gut ist und sehr viel in mir passiert, das ich nicht steuern kann. Frau Stern ist im Urlauf. Also rief ich im KIZ an und fragte nach einem ambulaten Termin. Ich sagte, ich hätte etwas erlebt, das „potentiell retraumatisierend“ sein könnte. Ich wusste nicht, wie ich es anders nennen sollte. Sie konnten mir diese und nächste Woche keinen Termin geben, meinten aber, wenn es schlimmer wird, könne ich jederzeit stationär zu ihnen gehen, sie hätten Platz.

Ich wollte eine Retraumatisierung um jeden Preis verhindern und wusste nicht recht wie. Ich sprach mit einer Freundin, die Peer ist. Sie wollte gleich bei mir einziehen für die nächsten paar Tage, aber das wollte ich nicht. Ich kann in der Gegenwart von anderen Menschen nicht so gut meine Gefühle wahrnehmen und zeigen. Sie bot an, jeden Tag mit mir zu telefonieren und gab mir ein paar gute Inputs wie ich das Thema durch Kreativität angehen könnte. Sie sprach auch mit mir über Frühwarnzeichen und dass ich doch sicher in der Therapie mal sowas besprochen habe. Habe ich wahrscheinlich, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Dennoch war das ein guter Input. Dinge tun, die mir gut tun, die Gefühle nicht unterdrücken, versuchen, mit Titration und Pendeln arbeiten, wie ich es im SE gelernt habe.

Obwohl ich keine Lust darauf hatte, rief ich meinen Psychiater an, ich glaube, hier im Blog heisst er E. Er war freundlich. Meinte, ich solle eine Tagesstruktur machen und jeden Tag ein paar Tätigkeiten einplanen, damit ich mich nicht zu stark zurückziehe und um das Denken ein bisschen einzudämmen. Als ich ihm die Situation schilderte, meinte er, ich solle der Organisation und dem Pfleger eine Email schreiben und sagen, dass ich keinen Kontakt mehr wünsche und die Zusammenarbeit abbrechen will. Und ich solle ihn ins CC nehmen. Ich könne den Pfleger auch anzeigen.

Das gab mir Kraft. Ich machte einen Tagesplan, an den ich mich aber sowohl gestern wie auch heute nicht gehalten habe. Ich darf E. heute nochmals anrufen. Ich will versuchen, die Dinge Schritt für Schritt zu nehmen und wenn etwas hochkommt, dem mit Mitgefühl zu begegnen. Ich will mir Zeit geben und mir erlauben, mich zurückzuziehen und in meinem Nest (unser Bett) zu verstecken, aber ich will dafür sorgen, dass ich nicht im Bett versumpfe. Ich hoffe, das mir das gelingt.

Ich habe heute viel mehr Möglichkeiten damit umzugehen als damals, als ich in der Klinik war. Ich habe verschiedene kreative Outlets wie das Schreiben, das Malen, die Musik, das Zeichnen. Ich habe Menschen, mit denen ich darüber reden kann, was passiert ist und die mir spiegeln, dass es ok ist, mich so zu fühlen. Ich glaube das Reden ist ein wichtiger Punkt. Ich nehme nicht an, dass wir in der Kindheit darüber gesprochen haben, sprechen konnten, was passiert ist. Ich kann es hier aufschreiben. Ich kann raus in die Natur, um Kraft zu tanken, ich habe die Meditation, um zur Ruhe zu kommen. Ich habe meine Massagematte und die Gewichtsdecke.

Ich glaube, es wird mir gelingen, damit umzugehen. Ich glaube, ich bin inzwischen stark genug dafür. Trotzdem war das Verhalten des Pflegers absolut unangebracht und sogar strafbar. Inzwischen weiss ich, dass ich zusätzlich zum emotionalen wohl auch ein sexuelles Trauma habe. Ich hoffe daher, dass mich Erinnerungen, die in der nächsten Zeit aufkommen könnten, etwas weniger erschrecken und dass ich ihnen mit Mitgefühl begegnen kann.

Es war gerade total anstrengend, diesen Text zu schreiben. Deshalb werde ich ihn jetzt posten, ohne ihn nochmals durchzulesen. Ich hoffe, das Geschreibsel macht irgendwie Sinn und ihr könnt mir die Fehler verzeihen.

DIS

Fertig!

Ich habe soeben die letzte Szene des Theaterstücks fertiggeschrieben, das ich als Abschlussarbeit für den Schreibkurs schreibe. Das Stück spielt in einer Psychiatrie und ich glaube, es ist ganz cool geworden. Ich hoffe, die Jury der Kunsthochschule findet das auch.

Seit ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern habe, kann ich solche Dinge mit niemandem mehr teilen. Meine Mutter war oft sehr fies, aber schulische Leistungen hat sie immer gelobt. Das waren die einzigen Momente, in denen ich mich geliebt fühlte.

Eigentlich sollte ich mich freuen, aber ich bin gerade nur sehr traurig.

DIS, HB, Kreativität

Zu schnell, zu viel, zu antrengend

Ich bin anderen Menschen zu anstrengend. So halb war mir das bewusst, aber es wird immer eindeutiger. Eine Freundin wollte eigentlich das Wochenende bei mir verbringen, hat dann aber beschlossen abzusagen. Sie hat liebe Worte verwendet, hat gesagt, sie freue sich, wie viele Fortschritte ich im letzten Jahr gemacht habe, sie sei beeindruckt von meinem Wissen und meinen Fähigkeiten, aber es sei ihr einfach zu viel. Sie sei nach einem Tag mit mir total erschöpft. Ich habe dann einen Freund gefragt, ob er mich auch anstrengend findet. Und er meinte, manchmal schon.

Was mache ich jetzt damit? Ich weiss, ich bin anstrengend, ich finde mich ja selber anstrengend. Mein Gehirn denkt viel zu schnell, macht Verknüpfungen und spuckt Dinge aus, die man vielleicht „intelligent“ nennen könnte. Aber für andere ist einfach nur anstrengend. Zu fast jedem Thema hat mein Kopf irgendwas gespeichert und wenn nichts da ist, dann vergleicht er es mit Dingen, die er kennt und stellt Fragen. Unzählige Fragen. Jahrelang habe ich das versteckt, wollte nach Aussen nicht zeigen, was in meinem Kopf vor sich geht oder ich habe es gar nicht mitgekriegt. Doch jetzt geht das nicht mehr. Mein Mund nimmt sich das Recht, die Dinge auszusprechen, die der Kopf denkt. Und überfordert damit die anderen. Die meisten Menschen wollen nicht so tief in ein Thema eindringen wie ich. Sie wollen die Dinge nicht in Frage stellen oder etwas lernen. Ich glaube, sie wollen einfach ungestört ihr Leben leben. Mehr nicht.

Und ja, ich bin verdammt unbequem. Ich spiegle ihnen ihr Unwissen. Ich reibe es ihnen ins Gesicht wie eine zerquetschte Banane. Ich will sie nicht einmal beeindrucken, ich mache nur Konversation. Nicht einmal Smalltalk kriege ich hin. Wenn jemand eine Bemerkung übers Wetter macht, rede ich über Windrichtungen, verschiedene Wolkenarten, Wetterphänomene und den Klimawandel. Kein Wunder nervt das die anderen. Mich würde das Klugscheissen auch nerven.

Die Freundin, mit der ich das Wochenende hätte verbringen sollen, macht Kunst. Hauptsächlich malt sie und macht Musik. Seit ich meinem Inneren mehr Raum gebe, sich zu entfalten, habe ich auch angefangen zu malen und seit einem Dreivierteljahr spiele ich Ukulele. Vor Kurzem habe ich mir ein E-Piano gekauft, eine Konga und ein Didgeridoo. Ich habe früher sehr selten was Künstlerisches gemacht. Im Wohnheim hatte ich Maltherapie, als Kind musste ich Querflöte spielen, das wars.

Ich würde unsere Kunst nicht als sehr hochwertig bezeichnen, aber es hat sich herausgestellt, dass da Anteile sind, die recht gut zeichnen können. Wir haben letzten Sommer ein Portrait mit Bleistift gemacht, das sogar mich beeindruckt hat. Seit einiger Zeit experimentieren wir mit Farben. Wir habe uns beigebracht, wie man Farben mischt und wie man Bilder farblich gestalten kann. Wir haben Bildern von verschiedenen Künstlern betrachtet und ihren Stil kopiert. Und tatsächlich, so schlecht sind wir gar nicht. Was uns von anderen Menschen unterscheidet, ist, dass wir diese Sachen einfach ausprobieren, ohne Anspruch auf Perfektion. Für mich ist es manchmal sehr anstrengend, weil ich diese kreativen Prozesse zulassen muss, ich muss die Kontrolle abgeben und den Anteilen einfach vertrauen.

Was die Musik betrifft, so hat sich herausgestellt, dass wir möglicherweise ein absolutes Gehör haben. Wir haben das Notenlesen erst gerade gelernt, deshalb sind wir nicht sicher, vielleicht ist es auch nur Zufall. Wir können Stücke aus dem Kopf nachspielen, wir wissen, welcher Ton wie klingt. Wir hören das im Kopf. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Menschen, die eine tonale Sprache sprechen, öfter ein absolutes Gehör haben. Wir sprechen Thai und Chinesisch.

Für meine Freundin ist das frustrierend. Sie macht schon jahrelang Kunst und kommt nicht so richtig vom Fleck. Und dann kommen wir und können Dinge, die sie nicht kann. Ja, ich weiss, vieles davon ist Neid. Trotzdem tut es weh. Und ich will diese Dinge nicht mal unbedingt können.

Mit uns Zeit verbringen, ist unglaublich intensiv und anstrengend. Wir denken zu schnell, können zu viel und überfordern damit alle. Auch unsere Gefühle sind anstrengend. So viele Gefühle, die gleichzeitig da sein können. Suizidal, neugierig, wütend, lustig im selben Augenblick. Natürlich spüren das andere Menschen intuitiv. Und natürlich ist ihnen das zu viel.

Ich frage mich, was ich tun soll. Für mich ist das noch neu. Ich war früher nicht so „begabt“ und „schlau“, als die dissoziativen Barrieren noch viel höher waren. Das Wissen war getrennt. Es gab einen Anteil für Mathe und Informatik, einen für Naturwissenschaften, einen für Politik und Philosophie, einen für Management etc. Und die waren selten gleichzeitig da und tauschten so gut wie nie ihr Wissen aus. Ich wusste gar nicht, dass da so viel in mir drin ist.

Und ja, es ist schön, so viele Dinge zu können, manchmal geniesse ich das auch. Vor allem, da meine Mutter mir in der Kindheit oft vorhielt, ich sei dumm. Frau Stern meint, sie war eifersüchtig. Kann sein.

Ich frage mich, ob das wieder weg geht, wenn ich etwas mehr geerdet bin und nicht mehr so depersonalisiert. Im Moment handeln die anderen Anteile oft durch mich hindurch und ich sitze in meinem Kopf und schaue zu. Das ist verdammt mühsam und macht mir Angst, aber es ist irgendwie auch faszinierend. Ich mache mir Sorgen, für andere Menschen immer anstrengender zu werden. Und meine Angst, mich anderen Menschen nicht zumuten zu dürfen, wird dadurch massiv verstärkt.

DIS

Menschen

Menschen sind für uns sehr anstrengend. In der menschlichen Interaktion passiert so viel, das man nicht vorhersehen kann. Natürlich ist es auch schön, Menschen können verstehen, Wärme geben, zum Denken anregen, helfen, lieben, lachen. Aber heute will ich mal darüber schreiben, was daran so anstrengend für uns ist.

Wir hatten einen relativ nahen Kontak zu einem Menschen, nennen wir ihn Rob. Er ist Psychiatriepfleger in Deutschland. Wir haben mir ihm einen Artikel für eine psychiatrische Zeitschrift geschrieben. Wir haben mir ihm über Recovery geredet, uns ihm gegenüber geöffnet. Rob hat ein paar von uns kennengelernt, sogar mit Namen. Er zeigte uns immer wieder, wie toll er uns findet, wie vielseitig wir sind, wie sehr er unsere Einsichten schätzt, wie viel er von uns lernen kann. Er war auch begeistert von unserer Intelligenz, von unserem Wissen, von unserer Kreativität. Er gab uns das Gefühl, ok zu sein, so wie wir sind.

Fast täglich haben wir gechattet, ein paar von uns haben ihm ihr Herz ausgeschüttet, er wusste mehr über uns als irgendein anderer Mensch auf dieser Welt. Einmal haben wir ins persönlich getroffen, zweimal haben wir telefoniert. Der restliche Kontakt fand schriftlich statt. Rob ist verheiratet, es ging nicht um Liebe. Wir suchen und wollen keine Liebe, Rob hat uns unterstützt, uns beigestanden. Ich habe den Kontakt zu ihm sehr genossen und viel von ihm gelernt, über mich, über Menschen, über professionelle Dinge im psychiatrischen System. Es war schön und es hat mir sehr gut getan.

Gestern hatten wir eine Diskussion mit ihm über Umweltthemen. Rob ist in diesem Bereich sehr engagiert, gibt sich ein bisschen als Missionar und moralischer Gott. Wir haben vor vielen Jahren mal Umweltwissenschaften studiert, gleichzeitig mit der Informatik. Und wir wissen sehr viel zu dem Thema. Nachdem Rob uns schon mehrmals mit seiner moralischen Überlegenheit bei dem Thema genervt hat, wollten wir ihm gestern spiegeln, dass wir uns ein bisschen mehr Bescheidenheit von seiner Seite bei diesem Thema wünschen. In anderen Worten: Wir haben ihm eine Lektion erteilt.

Mir tut es sehr Leid, dass wir das getan haben und ich wollte das nicht, aber ich konnte nur zusehen und hatte überhaupt keine Möglichkeit einzugreifen. Sonst hätte ich es getan. Im Nachhinein habe ich mich bei ihm für unser Verhalten entschuldigt. Leider war der Schaden da aber schon angerichtet.

Wir haben ihm mit rationalen Argumenten gezeigt, dass er mit seinem Elektroauto nicht ein besserer Mensch ist, als Menschen, die ein normales Auto fahren. Wir haben ihm gesagt, dass die meisten Menschen mit Kompromissen versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen und dass es für eine nachhaltige, sinnvolle Umweltpolitik viel radikalere Lösungen braucht als Elektroautos. Wir wollten ihm nur sagen, dass er sich moralisch nicht so aus dem Fenster lehnen soll. Es gingt nicht darum, ihm zu sagen, er sei ein schlechter Mensch. Das finden wir auch gar nicht. Wir mögen ihn wirklich.

Unsere Argumente waren gut und wir hatten recht. Das hat Rob auch zugegeben, im Nachhinein. Aber er hat Andy, den Anteil, der mit ihm diskutiert hat, total abgelehnt. Man merkte, dass Rob sehr wütend und verletzt war. Und Andy war sehr frustriert, weil er zwar recht hatte, aber Rob ihn dafür ablehnte.

Seit der Diskussion gestern herrscht im Innen grosses Chaos. Andy will nichts mehr mit Rob zu tun haben. Er findet ihn dumm und als Mensch „schwach“, weil Rob nicht eingestehen kann, dass er tatsächlich zu wenig Ahnung vom Thema hat und seine moralische Überlegenheit deshalb nicht angebracht ist. Für Andy haben solche Menschen nichts in unserem Leben verloren.

Ich mag Rob und ich finde es sehr hilfreich, mit ihm zu reden, aber wenn er Andy ablehnt, dann finde ich ihn auch nicht mehr so toll, denn es ist gerade diese Akzeptanz von unserer Vielfalt, die für mich den Kontakt mit ihm so wertvoll macht. Wenn Andy in einem anderen Bereich bei anderen Menschen gut argumentierte und recht hatte, dann hat Rob uns in der Vergangenheit immer ermutigt, zu unserer Meinung zu stehen und hat uns gesagt, dass wir mit unserer Intelligenz und unserem Wissen die anderen Menschen überfordern, aber dass das ihr Problem sei, nicht unseres. Diesmal hat es Rob getroffen. Und plötzlich ist es doch unser Problem.

Solche Situationen kommen oft vor. Damit machen wir uns unbeliebt. Früher haben wir einfach den Mund gehalten, wenn uns jemand etwas sagte, das keinen Sinn machte. Heute nicht mehr. Aber dadurch wird das Leben viel anstrengender und schmerzhafter und mit Ablehnung können wir nicht so gut umgehen.

Bei Rob können wir uns wohl erklären, den Konflikt lösen, indem wir ihm beschreiben, was solche Diskussionen und sein Verhalten bei uns im Innen auslösen. Wenn er sich etwas beruhig hat, in ein paar Tagen, wird er es verstehen. Aber bei anderen Menschen, die nicht so viel über uns wissen, die nicht so viel Verständnis haben, wie sollen wir mit denen umgehen?