DIS, Herfergewalt, Revolution

Revolution!

Es ist noch nicht wirklich spruchreif, aber hier kennt uns ja niemand, also können wir darüber schreiben: Wir planen eine Psychiatrierevolution! Zusammen mit ein paar Freund*innen, die auch Peers (Genesungsbegleiter*innen) sind oder sonst im psychiatrischen System involviert sind. Im Moment sind drei Projekte geplant: Ein Recovery-Camp, in dem Betroffene auf möglichst lockere und spielerische Art lernen, wie sie für sich selber Sorgen können und wie sie die Unterstützung bekommen, die sie wirklich brauchen, ein Podcast zum Thema Gewalt im (psychiatrischen) System, in dem wir darüber reden, welche Formen von Gewalt Menschen erleben, die aufgrund psychischer Probleme nach Unterstützung suchen und ein Angebot für Menschen, die die Psychopharmaka absetzen möchten.

Für das Recovery-Camp haben wir bereits ein Konzept geschrieben und sind auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Ein Schweizer Kanton hat Interesse gezeigt, leider mahlen die Mühlen der Administration sehr langsam. Beim Podcast haben wir das Kickoff-Treffen für die Realisierung Anfang Mai und das Psychopharmaka-Projekt steckt noch in den Anfängen, da wir gar nicht genau wissen, wie sich das realisieren lässt und wie wir das an potentielle Geldgeber verkaufen können.

Da sich strukturelle Veränderungen in einem institutionellen Rahmen wie der Psychiatrie nur sehr schwer umsetzen lassen, wollen wir auch gestalterische und künstlerische Mittel nutzen, um die unsichtbare Gewalt sichtbar zu machen. Aus dem Theaterstück, das wir vor Kurzem für eine Weiterbildung geschrieben haben, wollen wir einen Comic gestalten, den wir dann auch veröffentlichen möchten. So wie es aussieht, werden ein paar Quarks die Aufnahme in die Kunsthochschule schaffen und der Dozent, mit dem wir gesprochen haben, ist ganz begeistert von unseren Projekten und Ideen und will uns unterstützen. Wir haben auch ein paar etwas verrückte Ideen, wie Sprechblasen mit Sprüchen drucken, die man oft von Helfern hört und diese an verschiedenen Orten aufkleben.

Mal schauen, was daraus wird. Aber jedenfalls sind wir ziemlich aktiv am Planen, wie wir etwas verändern können. Die Arbeit macht Spass und wir sind unglaublich dankbar, dass wir das machen können und dass wir so tolle Menschen haben, die uns dabei unterstüzen. Ohne Psychopharmaka ist die direkte Arbeit mit Betroffenen in einer psychischen Krise für uns zu anstrengend, da es uns nicht gelingt, uns emotional genügend zu distanzieren. Deshalb können wir nicht mehr als Genesungsbegleiter*in arbeiten. Und so ganz ohne Arbeit haben wir uns wertlos gefühlt, verloren. Durch das Revolutions-Projekt haben wir wieder eine Aufgabe, die uns erfüllt und das tut uns gut. Und da wir für uns selber arbeiten, müssen wir nicht jeden Tag funktionieren. Es macht nichts, wenn wir mal eine Zeitlang nichts hinkriegen und es macht auch nichts, wenn etwas länger dauert als geplant.

Langsam nimmt unser neues Leben Form an. Wir haben einen Grund, morgens aufzustehen und sind stolz auf das, was wir geleistet haben, wenn wir am Abend ins Bett gehen. Wir haben das Gefühl, etwas beizutragen, um diese Gesellschaft ein kleines bisschen besser zu machen. Trotzdem sind nicht alle Schwierigkeiten und Herausforderungen gemeistert. An manchen Tagen sind wir suizidal und wollen nur noch sterben oder uns selbst zerstören, manchmal sind wir wütend und wollen alle Menschen umbringen, die uns Gewalt angetan haben und doch sind da diese Momente, in denen wir finden, wir sind eigentlich ganz ok und es ist schön, dass wir leben dürfen. Und für diese Momente lohnt es sich weiterzumachen.

Herfergewalt

Wege aus der Ohnmacht

Ohnmacht ist dieses Gefühl, einer Person oder einer Situation total ausgeliefert zu sein. Es ist für uns das schlimmste Gefühl überhaupt. Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, dann kommen Quarks raus, die sich dem Gegenüber unterwerfen, die versuchen, das Gegenüber um jeden Preis umzustimmen. Gleichzeitig werden auch die Quirks aktiv, die uns beschuldigen, abwerten, die dem Gegenüber recht geben. In der Klink habe ich jedoch noch einen oder mehrere (?) andere Quarks entdeckt, die sich wehren wollen, die wütend werden und die das Gegenüber (verbal) angreifen.

Für mich war das eine grosses Aha-Erlebnis: Wow, ich/wir können das ja! Die Quarks, die uns beschützen wollen, haben niemanden schwer verletzt, sie haben einfach unsere Grenzen verteidigt, als das Personal in der Klinik uns zwingen wollte, morgens den Blutdruck zu messen oder ein EKG zu machen. Sie haben „Nein“ gesagt, sie haben gesagt, man solle uns doch bitte in Ruhe lassen. Sie haben das getan, was ich leider nie konnte: Für mich/uns einstehen.

Leider wurden diese Quarks in der Klinik als rebellisch bezeichnet, als unangepasst, sogar als „nicht tragbar“ in einem stationären Setting. Die Klinik wollte gegen uns einen Verweis aussprechen. Wir müssen uns an die Regeln halten, hiess es immer wieder, sie werden für uns keine Ausnahmen machen. Da kamen natürlich sofort wieder die kritischen, abwertend Quarks hervor, die dem Klinipersonal recht gaben und uns sagten, dass wir böse seien, dass wir kein Recht darauf haben, Dinge zu verweigern, nur weil wir Angst davor haben.

Wir haben vor ein paar Tagen ein tolles Video gefunden (über den Blog von „Benita“, danke dafür!), das uns geholfen hat, für das Erleben in der Klinik eine Bezeichnung zu finden: Helfergewalt. In diesem Video, erklären leben.lernen sehr schön, wie Helfergewalt aussieht.

Die Frage, die ich mir nun gestellt habe, ist, wie kommen wir aus dieser Ohnmacht wieder heraus? Ohn-MACHT, ist ja das Gefühl, nichts MACHEN zu können. Dieses Gefühl führt uns direkt in die Vergangenheit, aktiviert Dinge in uns, die nicht viel mit der jetzigen Situation zu tun haben. Ängste, Intrusionen, Flashbacks, Abwehrreaktionen, Unterwerfung, manchmal sogar einen Freeze, also wortwörtlich die körperliche Ohnmacht. Wie können wir in einer solchen Situation wieder ins Handeln kommen?

Die Antwort ist: In der Situation selber können wir das noch nicht. Die Abläufe sind automatisch und nicht kontrollierbar. Aber ich bin überzeugt, dass wir das lernen können. Dafür müssen wir im ersten Schritt uns dieses Gefühl der Ohnmacht erstmal bewusst machen und es anerkennen: Ja, in dieser Situation fühlten wir uns ohnmächtig. Wir können uns selber trösten, uns Wärme und Sicherheit schenken, uns klarmachen machen, dass das so schlimm für uns ist, weil wir das schon so oft in der Vergangenheit erleben mussten. Damals war niemand da, der uns getröstet hat, wir mussten ganz alleine damit klarkommen.

Im Falle des Klinikaufenthalts dauert dieses Annehmen, Trösten und Anerkennen schon über zwei Monate. Und ja, langsam fühlen wir uns etwas besser.

Gleichzeitig versuchen wir, ins TUN zu kommen. Wir haben mit anderen Menschen, die uns wohlgesinnt sind, darüber gesprochen, was in der Klinik passiert. Ein Freund, der selber als Pflegeperson in einer Klinik arbeitet, hat uns gebeten, mit ihm zusammen einen Reader zu entwickeln, der Fachpersonen bei der Kommunikation mit Patienten helfen soll. Daran haben wir noch während des Aufenthalts in der Klinik gearbeitet. Eine Freundin, die ebenfalls Peer ist, hat uns dabei unterstützt, im Kontakt mit der Psychologin die richtigen Worte zu finden. Alle, denen wir von unseren Erfahrungen in der Klinik erzählt haben, waren sehr unterstützend, lieb und empathisch.

Scham füttert die Ohnmacht. Leider war die Scham bis heute zu gross, um mit Frau Stern über die Erlebnisse in der Klinik zu reden. Doch wir haben uns fest vorgenommen, das am Freitag zu tun. Denn, um mit der Scham umzugehen, hilft es, die Dinge auszudrücken, für die man sich schämt. Es hilft, die Erfahrung zu machen, dass wir nicht von anderen dafür verurteilt werden. Denn die Angst vor Verurteilung erhält die Scham aufrecht.

Wir haben auch auf Facebook einen kurzen Post gemacht, in dem wir den Klinikaufenthalt und seine Folgen für uns beschreiben und auch dort haben wir Zuspruch erhalten. Wir müssen lernen, dass wir nicht falsch oder böse sind, dass wir nicht Schuld sind und dass wir das Verhalten des Klinikpersonals nicht verdient haben. Denn das sind die Selbstvorwürfe, die wir immer wieder in unserem Kopf wiederholen.

Wir haben aber noch mehr getan: Wir haben den Brief an die Psychologin, den wir vor ein paar Wochen hier im Blog veröffentlicht haben, tatsächlich abgeschickt. Mit Kopie an den Oberarzt und die Klinikleitung, damit die Psychologin uns nicht einfach ignorieren kann. Ein Freund hat uns dazu ermutigt. Wir sind auch am Überlegen, einen Artikel über den Klinikaufenthalt zu veröffentlichen und mit der Patientenvertretung des Kantons Kontakt aufzunehmen, um herauszufinden, was man in so einer Situation tun kann. Denn es geht nicht nur um uns, viele andere Menschen machen im psychiatrischen System ähliche Erfahrungen. Und wir wollen etwas dafür TUN, dass es besser wird.

Wir müssen lernen, dass wir heute diesen Situationen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, dass wir etwas TUN können, dass wir uns wehren können und dass das Urteil anderer Menschen, uns nicht definiert. Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber die Gegenwart und die Zukunft können wir mitgestalten. Das ist unser Weg aus der Ohnmacht. Und daran arbeiten wir.